Unsere gefangenen Herzen befreien

Eine alternative Lebensweise braucht keine umfassende Theorie, keine neuen Dogmen. Leitlinien für nachhaltige, gewaltfreie Gesellschaften lassen sich in Kulturen finden, die von der Globalisierung fast ausgelöscht worden sind, meint New Internationalist-Autor Jeremy Seabrook

Von Jeremy Seabrook
Die Globalisierung ist nicht nur ein Marktphänomen, sie repräsentiert auch eine Kultur. Kulturen und Wirtschaftsweisen hängen eng miteinander zusammen. Die starke Anziehungskraft, die die Globalisierung auf die Vorstellungswelt der Menschen ausübt, beruht darauf, dass sie zuerst ihre kulturellen Botschaften von Freizeit und Wohlstand verbreitet. Ihre wirtschaftlichen Bedingungen – oder „Konditionalitäten“, wie sie der Internationale Währungsfonds nennen würde – gibt sie erst danach bekannt.
Globalisierung hat nichts mit Pluralismus oder Vielfalt zu tun. Ihre Kultur ist eine Monokultur, wie Vandana Shiva sagt, denn sie reduziert die Fülle des Lebens auf der Erde auf eine Ansammlung von Waren – daher sind die 20.000 Artikel auf den Supermarktregalen auch keine Vielfalt. Die Gegenwart mächtigerer Technologien, der englischen Sprache und des Glanzes und Reichtums der westlichen Bilderwelt, die ein transzendentes Versprechen beinhaltet, lässt traditionelle Kulturen minderwertig erscheinen: Es handelt sich um eine Art religiöser Transformation.
Kulturen streichen angesichts der Globalisierung nicht einfach die Segel, sie bleiben aber auch nicht von ihr unberührt. Alle werden auf die gleiche Art zurecht gebogen. Ihre äußeren Erscheinungen – Sprache, Glaubensvorstellungen, kulturelle Manifestationen – können durchaus gleich bleiben; die tatsächliche Veränderung erfolgt von innen her. Die Erscheinung ist im Kapitalismus das Um und Auf; sie bleibt erhalten, auch wenn der Kern bereits faul ist. Kulturen können daher den Eindruck von Unversehrtheit erwecken, selbst wenn sie sich in ihrem Inneren bereits bis zur Unkenntlichkeit verändert haben, wie das Beispiel des Fundamentalismus zeigt. Die kulturelle Vielfalt ist genauso gefährdet wie die biologische Vielfalt, und zwar aus den selben Gründen.

Die GlobalisierungsgegnerInnen haben sich vielleicht zu sehr darauf konzentriert, nach einem neuen Paradigma zu suchen, das ihre Kritik rechtfertigen sollte. Zweifellos entbehrten die Bemühungen um die Definition einer „Alternative“ nicht einer gewissen Zwanghaftigkeit. Vielleicht spiegelt sich darin die Tatsache, dass der Widerstand gegen den frühen Kapitalismus seine Kraft in erster Linie aus der monumentalen Leidenschaft und Poesie eines Karl Marx bezog. Sein großes Werk „Das Kapital“ beeinflusst nach wie vor die Versuche, Widerstand gegen die herrschende Weltordnung zu leisten. Es verleitete viele zur Annahme, dass andere Lebens- und Handlungsweisen nur erfolgreich sein würden, wenn sie auf einer umfassenden, hieb- und stichfesten theoretischen Basis beruhten.
Es ist an der Zeit, sich von diesem Modell des „Alternativismus“ zu verabschieden. Nicht die Theorie der Globalisierung bedroht die Menschheit. Ihre kulturelle Kraft bezieht sie aus ihrer Praxis, ihrer produktiven Kapazität und aus einer Ideologie, die mit Hilfe einer Symbolsprache der Hoffnung propagiert wird, mit Bildern der Fülle, die den Armen der Welt Befreiung verheißen. Was bedeutet das im Hinblick auf einen wirksamen Widerstand? Es legt nahe, dass die Suche nach einer so sauberen und umfassenden Antwort, wie sie ein Paradigma wäre, aufgegeben werden sollte. Benötigt werden stattdessen alternative Praktiken, Pfade, die zu einer Abkoppelung von der Globalisierung führen, eine andere Art, in der Welt zu existieren.
Im krassesten Gegensatz zur Kultur des individualistischen Konsums steht kollektives, solidarisches Handeln. Jeder lokale Triumph von Menschen über den lokalen Geldverleiher und Landeigentümer, jeder kleine Sieg über die Industrieunternehmen, die Nahrung und Ernährung, Gesundheit und Wohlstand, Verstehen und Bildung, Lebensunterhalt und Leben auseinander dividiert haben, jede Manifestation der lokale verwurzelten Selbständigkeit und Gemeinsamkeit stellt die Konzentration der Macht in Händen der transnationalen Konzerne, der Finanzinstitutionen und Regierungen in Frage. Manchmal handelt es sich um heroische Leistungen wie die der Landlosenbewegung in Brasilien oder der Zapatistas in Chiapas. Es stellt sich allerdings die Frage, welche Kultur wir im Westen, in den Kernländern der globalisierenden Macht, inmitten der Ödnis eines universellen Industrialismus als unsere eigene reklamieren.

Kulturen sind lebendig, sie erleben Aufstieg und Niedergang, beeinflussen andere und borgen von ihnen. Aber an ihrer Wurzel brauchen sie einen zugrundeliegenden Glauben oder Mythos, der ihren Ritualen und Festen, der stets erneuten Bestätigung ihrer eigenen Identität Bedeutung und Zusammenhang verleiht. Der Mythos der Globalisierung ist uns vertraut: Beherrschung der Natur, technischer Fortschritt, „ökonomische Vernunft“ im Sinne von André Gorz, und wir sehen ihre Rituale überall, in der Entgrenzung des Begehrens, in den Exzessen der Hypermärkte, in der orgiastischen Verehrung von Ruhm und Geld. Die Alternative kann nicht darin bestehen, Ersatzideologien von indigenen Völkern zu übernehmen. Die US-Anthropologin Ruth Benedict sprach von der Toleranz „der gleichzeitig existierenden und gleichwertigen Lebensweisen, welche die Menschheit aus den Rohmaterialien der Existenz für sich geschaffen hat“. Aber am Beginn des 21. Jahrhunderts haben wir es nicht nur mit den Rohmaterialien der Existenz zu tun; wir reagieren auf eine dominante, ja überwältigende Kultur. In unserer Verteidigungshaltung erzielen wir nur bescheidene und vorläufige Siege, kleine Erfolge, an sich bloß Nadelstiche angesichts der alles durchdringenden Monokultur.
Auch wenn diese Nadelstiche keinen Umsturz der herrschenden Ordnung herbeiführen, bewirken sie doch eine positive Rückkoppelung auf das Selbstwertgefühl lokaler Gemeinschaften. Sie stärken das Vertrauen in unsere Fähigkeit, etwas für uns selbst zu tun und zu schaffen, uns gegenseitig zu Diensten zu sein, füreinander zu sorgen und uns gegenseitig zu schätzen, uns Mut zu machen, uns zu amüsieren und zusammenzuhalten: Es handelt sich um eine ansatzweise, wenn auch unkoordinierte Reaktion auf die verallgemeinerte Gewalt, von der wir bedrängt werden.

Lassen wir also die Praxis aufblühen, und die Theorie wird sich um sich selbst kümmern. Nicht die Ausarbeitung neuer Dogmen, sondern die Suche nach anderen Lebensweisen wird uns bereichern und uns Kraft geben. Und wir wissen, wo wir sie finden können: in Kulturen, die von den Geboten des Weltmarkts beinahe ausgelöscht wurden, in den Praktiken und Gebräuchen indigener Völker, die Tausende Jahre überdauert haben. Auch wenn sich diese Praktiken nicht immer wiederherstellen lassen, können ihre Grundsätze als Leitlinien für nachhaltige, gewaltfreie Gesellschaften dienen.
Der Kapitalismus hat sich alle Vorstellungen eines guten Lebens und alle Visionen einer besseren Welt einverleibt und verkauft sie uns zurück. Daher sind seine Ikonen so wirkungsvoll. Im Vergleich zum Versprechen unendlicher Reichtümer zur Befriedigung unbegrenzter Bedürfnisse erscheinen alternative Visionen einer bescheidenen Fülle, einer bequemen Sicherheit als kraftlos und voller Entsagung. Und tatsächlich waren diese Versprechen dazu gedacht, frühere sozialistische Ansprüche auszustechen, die sich bloß auf Gesundheit, Bildung, gesunde Ernährung, Bibliotheken und Freizeiteinrichtungen beschränkten – armselige, blasse Ambitionen angesichts der Luftschlösser des weltweiten Kapitals, die einer armen, leidenden Menschheit verführerische Botschaften von Luxus und Komfort vermitteln.

Die Alternative wird aus den verheerenden Folgen der Globalisierung und ihres Todestanzes entstehen: Ein Internationalismus, der andere Lebensweisen achtet und sie nicht bloß vermarktet, eine Vielfalt der Wege, menschlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, anstatt des Zwangs, sich in die weltweite Wirtschaftsmaschine einzugliedern; eine Re-Sakralisierung der Elemente, ohne die kein Leben möglich ist. Die Globalisierung hat die Visionen einer Brüder- und Schwesterlichkeit, einer universellen Zusammengehörigkeit, der Fülle und der Genügsamkeit deformiert. In einer solchen Welt wird jeder Akt der Menschlichkeit, jeder Versuch, Bedürfnisse lokal zu befriedigen, jeder Ausdruck der Gemeinsamkeit, jedes Zusammenlegen von Ressourcen, jedes Geben aus der Großzügigkeit des nicht unterworfenen Geistes zu einem Akt des Widerstands.
Kulturelle Alternativen lassen sich nicht vorschreiben. Kulturen sind organisch, lebendig. Wenn wir manche Aspekte indigener und traditioneller Kulturen bewundern, nehmen wir oft unwillentlich die Haltung des Konsumenten, des Touristen ein: Andere Kulturen sind dazu da, in Besitz genommen, vereinnahmt oder imitiert zu werden. Und genauso wenig lassen sich Kulturen wollen: Abstrakte Werte sind wertlos. Werte entfalten sich im Rahmen der harten materiellen Bedingungen des täglichen Lebens. Aber alle diese verstreuten und manchmal chaotischen Bewegungen, die kleinen Akte des Mitgefühls und des Muts müssen durch eine möglichst offene Ideologie miteinander verbunden werden, denn zusammen sind sie ein mächtiger Impuls zur Rückgewinnung des Verlorenen. Wenn heute anerkannt wird, dass die verschmutzten Landstriche, die verseuchten Böden und die vergiftete Luft saniert und wiederhergestellt werden müssen, dann muss dies noch weit mehr für unsere verkümmerte Menschlichkeit gelten.

copyright New Internationalist

Jeremy Seabrook schreibt regelmäßig für den New Internationalist. In seinem letzten Buch, Children of Other Worlds (Pluto Press, London), unternimmt er eine vergleichende Studie über Kinderarbeit im Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts und im heutig

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