Unsicherheit ist eine Grundstimmung

Was die Generation Y in Österreich bewegt, erklärt die Jugendforscherin Beate Großegger.

Beate Großegger© Vreni Arbes Fotografie

Was wissen wir von der Generation Y oder den Millennials?

Es gibt mittlerweile eine relativ umfangreiche Forschung dazu. Das Interesse an diesem Thema ist sehr breit. Die Lebensphase Jugend dehnt sich aus.

Ist es nicht zu verallgemeinernd, über eine Generation Y zu sprechen?

Mit diesem plakativen Begriff bezeichnet man die heute jungen Erwachsenen bis 35. Generationenbegriffe sollen die jeweiligen Generation als Schicksalsgemeinschaft darstellen. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist wichtig, was die gemeinsamen prägenden Erfahrungen sind.

Und welche sind das?

Existenzielle Unsicherheit ist eine Grundstimmung der heutigen Jugend. Sie steht vor der Herausforderung, in einer Gesellschaft Fuß fassen zu müssen, die mit neuen Risikoszenarien konfrontiert ist. Hier ist das Flüchtlingsthema ganz wichtig. Man hat das Gefühl, dass die Politik die großen Lösungen noch schuldig bleibt. Das Thema Neuaufstellung des Sozialstaates ist ganz stark in den Vordergrund gerückt. Die Angst vor Abstieg führt dazu, dass man sich um die eigenen Belange kümmert und sich tendenziell eher entsolidarisiert. Die Arbeitswelt ist absolut im Umbruch. Stichwort Abschied vom Normalarbeitsplatz. Die Generation Y wird sich auf Erwerbsbiographien einstellen müssen, die sehr stark von Diskontinuitäten und Brüchen geprägt ist.

Wie politisch ist diese Generation?

Wenig. Es gibt ein kleines Segment, eine Art politische Bildungselite. Aber auch das wird zunehmend kleiner. Die jungen Erwachsenen fühlen sich sehr gefordert, haben wenig Zeitressourcen und wenig Energie. Die Zeit, die bleibt, die wird vor allem für Ablenkung genutzt.

Wofür engagieren sie sich?

Junge Menschen, vor allem aus bildungsnahen Milieus, lassen sich ad hoc für Themen mobilisieren, von denen sie selbst betroffen sind oder die sie emotional betroffen machen, etwa der Unibetrieb oder die Flüchtlingskrise. Aber das heißt nicht, dass man sich längerfristig an eine Freiwilligenorganisation bindet oder längerfristig politisch aktiv ist. Es geht nicht darum, das System umzugestalten, sondern etwas zum Thema zu machen. Und dann sollen die Politiker und die Entscheidungsträger, die dafür bezahlt werden, handeln.

Was sind die Schlüsselthemen für die Jungen?

Sich erfolgreich in der Erwerbsgesellschaft zu etablieren. Dazu braucht es Jobs und Arbeitsplatzsicherheit sowie Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, Beruf und Familie, Beruf und Freizeitinteressen, Beruf und ehrenamtliches Engagement zu verbinden. In der langfristigen Perspektive ist das Thema Pension wichtig.

Wie hält es die Generation Y mit gesellschaftlicher Solidarität?

Sie sind nicht asozial, aber sie agieren auch nicht sehr solidarisch. Wir beobachten einen Trend zum Neosozialen. Das ist eine Neudefinition, eine neue Lesart, was sozial zu sein bedeutet. Die Generation ist schon ganz stark durch den Diskurs rund um den aktivierenden Staat geprägt: Jeder soll für das eigene Leben Verantwortung übernehmen und nicht der Solidargemeinschaft auf der Tasche liegen.

Wir sehen auch eine Um-Deutung und Um-Wertung des Begriffs von sozialer Gerechtigkeit. Das bedeutet für die breite Mehrheit der Jungen heute, Chancen zu haben. Und diese Chancen sollen möglichst alle haben, aber vor allem auch ich.

Herrscht in unserer Gesellschaft ein Jugendkult?

Wir leben in einer juvenilisierten Gesellschaft. Wir haben erwachsene Mid-Agers, die nicht zu ihrem Alter stehen können. Junge kommen irrsinnig schwer in ein Vollerwerbsverhältnis rein und andererseits werden wir mit 45 langsam zu alt für unsere Arbeitswelt. Die Jüngeren versuchen sich etwas etablierter zu geben, als sie es vielleicht müssten. Ich würde mir wünschen, dass man mit 25 noch ausloten darf, was das Richtige für einen ist. Und für sich in Anspruch nehmen darf, dass man sich nicht jeder sozialen Erwartung unterwirft.

Interview: Irmgard Kirchner

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