Unter der ethnischen Maske

Von Redaktion · · 2008/02

In keinem Wahlkampf haben Kenias Politiker Spannungen zwischen Volksgruppen so sehr geschürt wie in diesem. Schwerer als ethnische Unterschiede wiegt aber die massive Ungleichheit zwischen reich und arm. Marc Engelhardt aus Nairobi.

Die aufgebrachte Menschenmenge war so plötzlich aufgetaucht, dass nicht mehr alle fliehen konnten: 30 Menschen verbrannten am Neujahrstag, nachdem ein Mob von mehreren hundert Menschen die Kirche der „Kenya Assemblies of God“ angezündet hatte. Wie in fast allen Kirchen der Stadt Eldoret im Westen Kenias hatten sich auch hierher verängstigte Familien geflüchtet, deren Dörfer von ähnlichen Banden heimgesucht worden waren.
„Die tun sich in Gruppen von 500 bis 1.000 zusammen, bewaffnet mit Knüppeln, Macheten oder Pfeil und Bogen und stecken Häuser in Brand“, berichtet einer derjenigen, die rechtzeitig aus der Kirche fliehen konnten. Die Angreifer seien vor allem Kalenjin, die größte Volksgruppe in dieser Region, dem nördlichen Rift Valley. Die Opfer hingegen sind vor allem Kikuyu, Angehörige der Volksgruppe, der auch der umstrittene Präsident Mwai Kibaki angehört. „Die Kikuyu respektieren keine andere Ethnie“, warnt der Kalenjin-Älteste John Sang. „Wir wollen, dass sie dahin zurückgehen, woher sie gekommen sind.“

Solche Parolen zusammen mit den brennenden Kirchen und Berichten von 250.000 Menschen auf der Flucht lassen Erinnerungen an Ruanda aufkommen, wo 1994 in nur hundert Tagen fast eine Million Menschen systematisch umgebracht wurden – vor allem Tutsi und moderate Hutu. Die Asche in Eldoret war noch nicht kalt, da machte die größtenteils abgewählte Regierung – 20 Minister wurden von den WählerInnen aus dem Parlament geworfen – die Opposition um ihren Anführer Raila Odinga für einen „detailliert geplanten und von ihm finanzierten Genozid“ an den Kikuyu verantwortlich. Droht Kenia, der bislang stets für seine Stabilität gerühmte Vielvölkerstaat im Osten Afrikas, ein zweites Ruanda zu werden?
Nein, sagt die kenianische Bürgerrechtlerin Gladwell Otieno. Anders als in Ruanda habe es in Kenia nie die Herrschaft einer einzigen Ethnie über alle anderen gegeben. „Auch gibt es keinerlei Belege dafür, dass die Unruhen zentral gesteuert wurden.“ In Kenia tobe ein politischer Konflikt, der sich ethnisch ausdrücke. „Die politischen Führer aller Parteien nutzen ethnische Unterschiede aus und manipulieren sie, um ihr Volk hinter sich zu haben.“ Dabei spielt die ethnische Herkunft vor allem unter jungen und städtischen KenianerInnen eine immer geringere Rolle. Otieno, die an der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft studiert hat, ist das lebende Beispiel dafür: Ihr Vater ist wie Oppositionsführer Odinga Luo, ihre Mutter Kikuyu.

Doch in keinem Wahlkampf in Kenia wurden ethnische Spannungen so sehr geschürt wie in diesem. Prominente Politiker fast aller Volksgruppen stellten sich in einem Bündnis auf Zeit hinter Odinga als Präsidenten, um die Kikuyu abzuwählen – ein Bündnis der Unzufriedenen. Die mit etwa 25 Prozent Anteil größte Volksgruppe nimmt in Wirtschaft und Politik spätestens seit der Herrschaft des Staatsgründers Jomo Kenyatta eine wichtige Rolle ein. Odingas Luo, die mehr als ein Zehntel der Bevölkerung stellen, waren hingegen seit der Unabhängigkeit nie an der Macht. In Kenias politischer Realität, einem System politischer „Paten“ – wer gewählt wird, versorgt vor allem die eigene Volksgruppe – bedeutet das die faktische Vernachlässigung der Region.
Tatsächlich ist der Westen nicht nur der Brotkorb, sondern auch das Armenhaus Kenias. „Der Protest gegen die gefälschte Wahl ist ein Protest der Armen gegen Kibaki und seine Clique von reichen Männern aus dem Kikuyu-Stamm, die als sehr arrogant und verschlossen gelten“, erklärt Otieno. Unter den Kikuyu habe hingegen Kibaki eine irrationale Angst vor Odinga geschürt, die dazu führe, dass sich die Volksgruppe jetzt kollektiv als Opfer eines Völkermords sehe. Dabei sind unter den konservativ auf 500 geschätzten Opfern auch zahlreiche Angehörige anderer Ethnien, von denen viele gezielt von der Polizei erschossen wurden.

Der katholische Pater Daniele Moschetti, der seit mehr als 15 Jahren in einem der berüchtigten Slums von Nairobi lebt, kritisiert, wie die Masse der Armen für die politischen Ziele der herrschenden Reichen aufgehetzt wird. „Wir Slumbewohner leiden, während die Politiker in ihren warmen Villen einen Bürgerkrieg anzetteln.“ Unterschwelliger Neid sei da ebenso politisiert worden wie die Angst, unter einer neuen Regierung alles zu verlieren. „Jeder hat gehetzt“, sagt der Geistliche. Nun, da die eine Hälfte allem Anschein nach auch noch zu Unrecht als Verlierer dasteht, habe sich der aufgestaute Frust in Hass auf die vermeintlich schuldige Ethnie gewandelt.
Doch auf dem Messegelände von Nairobi, wo sich die Flüchtlinge aus den Slums verschanzt haben, sitzen beileibe nicht nur Kikuyu. Viele Luo und Angehörige anderer Ethnien sind vor den Angriffen der Mungiki geflohen, einer vor allem aus Kikuyu rekrutierten Miliz. Andere haben sich schlicht geweigert, ihre Nachbarn zu vergewaltigen, auszurauben oder umzubringen. „Egal welche Miliz, da gilt immer die gleiche Regel: Entweder Du bist einer von denen, oder du bist gegen sie“, sagt Joseph, der mit seiner Familie hierher geflohen ist.
Der Vorsitzende der kenianischen Menschenrechtskommission, Maina Kiai, warnt davor, den Konflikt auch diesmal wieder unter den Teppich zu kehren und nach ein paar Wochen zur Tagesordnung überzugehen. „Ruhe und Frieden sind nicht das gleiche. Wir hatten fünf Jahre lang Ruhe im Land, und wohin hat uns das geführt?“ Kiai fordert, die Hintermänner der Unruhen zu entlarven – und die Schuldigen zu bestrafen.

Hinter den ethnisch maskierten Konflikten steht immer wieder das Gleiche: der Kampf um Macht, Geld und Landbesitz. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie im nördlichen Rift Valley, jener Provinz, aus der der mehr als zwanzig Jahre autokratisch regierende Präsident Daniel arap Moi stammt, den Kibaki vor fünf Jahren ablöste. Siedelte Staatsgründer Kenyatta in der fruchtbaren Region noch Kikuyu als Bauern an, nutzte Moi den vorhandenen Unmut darüber und bewaffnete im Wahlkampf 1992 Kalenjin-Milizen, die auf seinen Befehl für Unruhe in der Provinz sorgten. Die nie entwaffneten Milizen kehrten jetzt wie Geister aus der Vergangenheit zurück.

Marc Engelhardt lebt seit 2003 in Kenia und arbeitet von dort als freier Afrika-Korrespondent u.a. für den Standard. Kontakt über www.oneplanetmedia.de

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