Unter Generalverdacht

Junge Afghanen haben derzeit in österreichischen Medien ein schlechtes Image. Dabei wird viel übersehen, berichtet Richard Solder.

Für viele afghanische Asylwerber heißt es lange: bitte warten! Wie hier in der Flüchtlingseinrichtung Haus Sarah im burgenländischen Neudörfl.© Severin Dostal

Yunes ist auf Arbeitssuche. Der 23-Jährige afghanische Kfz-Mechaniker hat dabei immer wieder das Gefühl, diskriminiert zu werden. „Ich befürchte, dass ich aktuell wegen meiner Staatszugehörigkeit schlechtere Chancen habe.“ Manche MigrantInnen aus Afghanistan würden „Blödsinn machen“, mit negativen Konsequenzen für die anderen.

Wie so viele seiner Landsleute flüchtete der gebürtige Afghane nach Österreich. Vor bald acht Jahren als Jugendlicher, nachdem er nach tragischen Schicksalsschlägen zum Waisen wurde.

Laut offiziellen Zahlen kamen 2015 die meisten AsylwerberInnen in Österreich aus Afghanistan. Etwa 25.000 afghanische Flüchtlinge haben einen Asylantrag gestellt, um etwa 140 mehr als syrische StaatsbürgerInnen. Viele von ihnen sind junge Männer. Und ihr Image ist schlecht. Sie kommen kaum aus den negativen Schlagzeilen: Laut einem viel zitierten „Kompetenzcheck“ des Arbeitsmarktservice in Wien haben rund 30 Prozent der afghanischen AsylwerberInnen keine Schulbildung und nur sieben Prozent einen Universitätsabschluss.

Medial ausgeschlachtet wurden zwei Vergewaltigungen: Ein 18-jähriger afghanischer Asylwerber wurde wegen Vergewaltigung einer Pensionistin Ende Jänner zu 20 Monaten Haft verurteilt. Und ein 21-jähriger Afghane soll Anfang des Jahres im Wiener Prater eine Jugendliche mit Gewalt zu Sex gezwungen haben.

Eric Frey von der Tageszeitung „Der Standard“ beschreibt junge Afghanen als „kaum integrierbar“, da sie „in einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft mit archaischen Wertvorstellungen aufgewachsen“ sind.

Ali Safi widerspricht vehement: „Jene, die Probleme bereiten, sind Einzelfälle, die nicht für eine ganze Gruppe stehen können“, so der Afghane gegenüber dem Südwind-Magazin. Safi, Journalist und Friedensforscher, hat jahrelang für internationale Medien aus Afghanistan berichtet und lebt jetzt in Wien. „Es ist auch die Frage, wie Medien berichten.“

2014 jedenfalls waren Afghanen der Statistik zufolge in Österreich nicht überproportional für Kriminalität verantwortlich, für 2015 gibt es noch keine Zahlen.

Problem Bildungsstand. Dass viele afghanische MigrantInnen nicht sehr gebildet sind, das sei eine Tatsache, glaubt auch Safi. „Aber wir reden über ein Land, in dem seit 40 Jahren Krieg herrscht“, betont der Afghane. Die Krisen in Irak und Syrien seien deutlich jünger. Dementsprechend höher sei das Qualifikationsniveau der Flüchtlinge.

Zudem handle es sich bei den MigrantInnen oft um die Kinder von Afghanen, die einst nach Pakistan oder in den Iran gezogen seien, um zu arbeiten. Diese Familien würden dort oft in prekären Situationen leben und ausgegrenzt werden. Die Eltern versuchen, mit Hilfsarbeiterjobs durchzukommen, der Nachwuchs hat keinen Anspruch auf Schulbildung.

Stefanie Pilz kennt viele Afghanen aus Iran oder Pakistan. Die 40-Jährige arbeitet als Sozialarbeiterin in einer Wohngemeinschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wien. „Natürlich tun sich Kids, die in die Schule gegangen sind, bei der Integration mit vielem leichter“, erklärt sie. Aber selbst unter den anderen gäbe es immer wieder welche, die schnell Fortschritte machen. Ob Erfolgsgeschichten daraus werden, sei eine Frage der Rahmenbedingungen.

Beispiel Deutschunterricht: Im Normalfall hätten die jungen Asylwerber ein Budget von knapp über 700 Euro, um Kurse zu besuchen. „Viele, die im Sommer zu uns gekommen sind, haben dieses Budget schon aufgebraucht!“, so Pilz. Sie und ihre KollegInnen versuchen dann, gratis Kurse zu organisieren. Bis das funktioniert, heißt es für die Jungen: bitte warten. Auch wer als Jugendlicher noch schulpflichtig ist und daher einen Anspruch auf einen Schulplatz hat, müsse oft monatelang darauf warten.

Schritt für Schritt. Yunes konnte hier einen Hauptschulabschluss machen. Danach folgte die Kfz-Lehre. Trotz schwieriger Arbeitssuche will er optimistisch bleiben. Österreich ist seine neue Heimat. Er würde gerne mehr Freunde haben, zum Beispiel, um Tennis zu spielen.

Gerade Sport ist für Ali Safi ein Bereich, in dem man junge Afghanen abholen könnte. Zudem empfiehlt auch er ein größeres Angebot an Deutschkursen sowie gesellschaftliche Veranstaltungen, bei denen Migranten und Alteingesessene einander kennenlernen können. „Österreich müsste nur mehr wollen!“

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