Unterwegs auf fairen Feldern

Baumwolle aus fairem Handel ist in Österreich noch die Ausnahme. Was hierzulande aus fair produzierten Fasern zu haben ist, stammt großteils aus Indien. Südwind-Redakteurin Nora Holzmann hat den Herkunftsort der guten Stoffe besucht.

Weiche Wolle, harte Arbeit: Leiharbeiterin Prem Sheela Sabar verdient nur sehr wenig für die Ernte der Baumwolle.

Prem Sheela Sabar lässt sich nicht stören. Die Haare mit einem hellen Tuch zurückgebunden pflückt sie die flauschigen weißen Knäuel von der Baumwollpflanze. Sie wird beobachtet. Nicht nur von Radha Kanth Sahu, dem Bauern, dem das Feld gehört. Sondern von einer Gruppe Journalistinnen und Journalisten, die extra aus Österreich angereist ist, um sie bei der Arbeit zu sehen. Fragend, schwitzend und notierend stehen wir zwischen den hohen Pflanzen, reiben uns die Augen angesichts des grellen Lichts und verreiben die letzten Spritzer Sonnencreme und Insektenspray. Ob Prem Sheela Sabar denn weiß, dass sie hier, vor unseren Augen, Fairtrade-Baumwolle erntet? Sie hört mit dem Pflücken auf und wendet sich uns zu. Nein, davon habe sie noch nie etwas gehört, sagt sie. Radha Kanth Sahu, für den Prem Sheela Sabar arbeitet, weiß sehr wohl, wovon die Rede ist. Seit 16 Jahren baut er hier, in dem kleinen Dorf Themra in der hügeligen Kalahandi-Region des Bundesstaates Odisha (früher Orissa), Baumwolle an. Vor fünf Jahren ist er der Kooperative Chetna Organic beigetreten, der über 10.000 indische Kleinbauernfamilien angehören. Ein Teil der Baumwolle von Chetna Organic gelangt als Bio- und Fairtrade-Baumwolle auch nach Österreich.

„Seit ich bei der Kooperative bin, kann ich meine Ware besser verkaufen, weil Chetna die Vermarktung übernimmt. Ich bekomme auch einen besseren Preis für meine Baumwolle“, sagt Sahu. Während im letzten Jahr der Preis für 100 Kilogramm konventionell erzeugte Baumwolle bei umgerechnet etwa 54 Euro lag, konnten die Bäuerinnen und Bauern von Chetna Organic ihre Baumwolle um mindestens 60 Euro verkaufen. Eine Differenz, die tatsächlich einen Unterschied macht. Ein Teil davon, der „Bio-Zuschlag“, geht direkt an den Bauern, die Bäuerin. Der andere Teil, die Fairtrade-Prämie, geht an die Kooperative, die gemeinsam entscheidet, wie das Geld investiert werden soll. Außerdem wird den Bauern ein fixer Mindestpreis garantiert, der sie vor starken Preisschwankungen schützt.

Und was hat Prem Sheela Sabar davon? Nichts. Die Leiharbeiterin bekommt rund 1,40 Euro am Tag – die gleiche Summe, die sie auch für das Ernten herkömmlicher Baumwolle erhalten würde. Danke, auf Wiedersehen, es ist heiß, wir müssen weiter, sagen wir zu Prem Sheela Sabar, die freundlich nickt und wieder mit dem Pflücken beginnt.

„Für das Thema Leiharbeit hat Fairtrade noch keine optimale Lösung gefunden. Das ist ja schon im Marchfeld schwierig zu kontrollieren. Normalerweise arbeiten in den Kooperativen aber vor allem Kleinbauern und ihre Familien“, sagt Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Er hat die Journalisten-Truppe auf die Baumwollfeldforschung begleitet und steht geduldig für alle Fragen zur Verfügung. Breite und positive Berichterstattung ist ihm wohl gewiss. „Dass der Umsatz bei dem jeweiligen Produkt steigt, merken wir nach einer solchen Pressereise nicht“, sagt Kirner. „Aber es ist wichtig, dass darüber gesprochen wird.“ Während der Anteil an Fairtrade-zertifizierten Rosen mittlerweile bei einem Drittel aller Import-Rosen liegt, macht faire Baumwolle in Österreich erst weniger als ein Prozent des Marktes aus – trotz guter Wachstumsraten. Mrunal Lahankar, Programm-Koordinatorin bei Chetna Organic, wirkt jedenfalls etwas enttäuscht. Sie klettert mit uns in den Jeep, um uns zum nächsten Programmpunkt zu begleiten. Während sich der Wagen über unbefestigte Straßen und an Schlaglöchern vorbei quält, erzählt sie uns stolz von der Arbeit der Kooperative. Allerdings hätten sie im vergangenen Jahr nur 20% ihres Ertrags innerhalb des Fairtrade-Systems verkaufen können. Viel weniger als erhofft, denn die Nachfrage ist zu gering.

Doch wenn alles gut geht, werden die Bauern und Bäuerinnen von Chetna Organic ohnehin bald viel mehr Einkommen haben. Das Rezept dafür klingt einfach: Sie sollen ihr Saatgut wiederverwenden können. „Derzeit geben die Bauern rund 15% des Jahresumsatzes dafür aus, sich jedes Jahr neue Baumwollsamen zu kaufen“, erklärt Mrunal Lahankar.

Mittlerweile sind wir beim Forschungszentrum von Chetna Organic angekommen. „Wir entwickeln gerade Saatgut, das wiederverwendbar ist. Die ersten Bauern probieren es schon aus.“ Eigenes Saatgut – eine kleine Revolution in einem Land, in dem über 90% der Baumwollsamen aus gentechnisch verändertem Saatgut der Firma Monsanto stammen und jährlich neu gekauft werden müssen.

Zu sehen gibt es nicht viel in diesem aus Mitteln der Regierung finanzierten Forschungszentrum. Ordentliche Beete, umrandet von bunten Blumen, auf denen unterschiedliche Sorten von Baumwollpflanzen wachsen, dazwischen sprießen Linsen, Melanzani und sogar Ingwerpflanzen. Der gemischte Anbau hilft, Schädlinge von der Bio-Baumwolle fernzuhalten – eine Aufgabe, die sonst große Mengen an giftigen Pestiziden übernehmen. In der Nähe rauscht ein Bach, die Vögel zwitschern, Lärm und Abgase sind weit entfernt. Aber auch die nächste höhere Schule, das nächste Krankenhaus ist meilenweit weg von den Dörfern der Baumwollbauern. Wo denn hier der nächste Arzt sei, wollen wir wissen. Mrunal Lahankar lacht. „Weit weg“, sagt sie. Nur zwei Prozent der Inderinnen und Inder seien krankenversichert, die Leute hätten andere Sorgen. Nämlich wie sie im nächsten Jahr, im nächsten Monat, ein sicheres Einkommen haben, das ihnen überhaupt das Überleben möglich macht. Und dabei helfe ihnen die Kooperative, dabei helfe Fairtrade.

Zwei Drittel der Menschen in Indien leben von der Landwirtschaft. Es ist eine harte Arbeit für wenig Lohn. In vielen Fällen – besonders beim Baumwollanbau – müssen Bäuerinnen und Bauern mit Pestiziden hantieren, die ihre Gesundheit schädigen und die Umwelt verseuchen. Mehr Bio, mehr Fairtrade wäre schön, sind wir uns alle einig. Doch dafür braucht es auch die entsprechende Nachfrage, am besten von großen Unternehmen. „Die Gespräche laufen ständig, derzeit ist noch nichts absehbar“, sagt Hartwig Kirner. Also kein Fairtrade-Leiberl bei H&M oder C&A? „Vielleicht schon, in der Zukunft. Wir wollen die Fairtrade-Standards nicht aufweichen. Gleichzeitig muss es für Unternehmen leichter sein, Zugang zum Siegel zu erhalten.“ Eine schwierige Balance, gibt Kirner zu.

Wir kommen in das Dorf Kumkal, der letzten Station unseres Besuches. Dort leben Bauern und Bäuerinnen, die noch nicht bei der Kooperative sind, aber gerne beitreten würden. Etwas abseits von den Häusern, unter einem riesigen Baum, dessen Blätter kühlen Schatten spenden, hat man eine große Webdecke für das Treffen mit den Gästen aus Österreich ausgebreitet. Viele Männer und Frauen aus dem Dorf haben bereits darauf Platz genommen. Die Kinder verstecken sich kichernd hinter dem Baum. Mithila Balapati und ihr Mann Vinayak leben mit ihren fünf Kindern in Kumkal. Geduldig lassen sie sich unsere Fragen übersetzen. Warum sie der Kooperative beitreten möchten? „Wer schon dabei ist, hat viele Vorteile. Man bekommt Saatgut, bessere Preise und hat einen guten Zugang zum Markt. Das wollen wir auch“, sagt Mithila Balapati. Ihr Mann nickt zustimmend.

Ob sie denn auch von uns etwas wissen wollen, fragen wir die Gruppe der Bäuerinnen und Bauern. Eine Frau erkundigt sich, wie hoch der Preis für ein Leiberl aus ihrer Baumwolle bei uns im Geschäft ist. 25 Euro, lautet die Antwort, und Unruhe entsteht unter den Dorfbewohnern. Ein Bauer lacht ungläubig. „Damit könnte ja eine Familie bei uns einen ganzen Monat lang Essen kaufen!“ Ja sicher, aber das sei alles nicht so einfach, sagen wir etwas ratlos. Wundern sich die Bäuerinnen und Bauern eigentlich darüber, dass wir hier sind? „Wir freuen uns, dass ihr einen so weiten Weg gekommen seid“, sagt Mithila Balapati und lächelt.

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