Upgrade für die Welt

Der Weg zu einer besseren, gerechteren Gesellschaft könnte online verlaufen – wenn man sich nicht verirrt. Ein Einblick in die Chancen und Risiken des digitalen Wandels von Nora Holzmann.

© betterplace lab

Wer nicht im Internet ist, spielt in diesem neuen Jahrtausend schlicht keine Rolle mehr“, befindet der US-amerikanische Zukunftsforscher Dana Blankenhorn. Das würde derzeit für fast 60 Prozent der Weltbevölkerung gelten: 4,2 Milliarden Menschen haben keinen regelmäßigen Zugang zum Internet. Dass der Zugang zu Informations- und Kommunikationstechniken (IKT) eine große Chance für die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung bedeutet, finden auch die Vereinten Nationen. Ihre Sonderorganisation, die Internationale Fernmeldeunion (ITU), widmet sich dem Thema schon lange. Die globale Vernetzung biete großes Potenzial für den menschlichen Fortschritt, heißt es nun auch im Rahmen der Erklärung zu den neuen Entwicklungszielen (SDGs). Ziel Nummer 9, das sich den Themen Infrastruktur, Industrialisierung und Innovation verschreibt, beinhaltet explizit einen deutlich besseren Zugang zu entsprechenden Technologien in den am wenigsten entwickelten Ländern.

Konzerne wie Facebook, Google, Microsoft oder Samsung helfen dabei – keineswegs uneigennützig. Viele von ihnen finden sich etwa unter dem Dach einer Initiative des Weltwirtschaftsforums zur Zukunft des Internets wieder. Mit Internet.org hat Facebook selbst ein umstrittenes Projekt gestartet, um mehr Menschen weltweit online zu bringen (siehe Kommentar Seite 31). Die Praxis von Facebook und seinen Partnern verletze die Netzneutralität, also die Gleichbehandlung bei der Übertragung von Inhalten, sagen KritikerInnen.

Chancen und Risiken. Ben Mason vom deutschen Think&Do Tank betterplace lab ist einer von ihnen. Er betrachte das Engagement von Unternehmen wie Facebook teilweise mit Skepsis, da oft kein gänzlich freier Zugang zum Internet gewährt werde. Generell sehen er und seine KollegInnen neben den Chancen, die das Netz bietet, auch Gefahren. „Wir glauben, das Internet hat ein riesiges Potenzial, das Leben von Menschen überall auf der Welt zu verbessern, aber Risiken gibt es.“ Eine wichtige Aufgabe sei etwa, die digitalen Kenntnisse neuer NutzerInnen im globalen Süden auszubauen, damit diese nicht nur passive EmpfängerInnen von Online-Inhalten seien. Dazu kommen bereits bestehende Probleme, wie Fragen der Internetsicherheit, des Schutzes der Privatsphäre oder in manchen Fällen die Zensur von Inhalten. 84 Prozent aller Länder verfügen laut der Worldwide Web Foundation über keine wirkungsvollen Gesetze, um die Privatsphäre im Netz sicherzustellen. Und immerhin 74 Prozent haben keine klaren Regeln, was die Gleichbehandlung aller Inhalte bzw. die so genannte Netzneutralität betrifft.

Das Internet hat das Potenzial, die Welt gerechter zu machen – sofern entsprechende Regeln eingehalten werden. Deji Olukotun setzt sich bei der Organisation Access für digitale Rechte weltweit ein. Er berichtet, dass unter anderem auch das zeitweise Abschalten des Internets – etwa unter Berufung auf die staatliche Sicherheit – ein großes Problem sei, selbst in Ländern mit grundsätzlich freiem Zugang. Den Stimmen, die ein eigenes Menschenrecht auf Internet fordern, schließt sich seine NGO trotzdem nicht an. „Die bestehenden Menschenrechtsinstrumente enthalten bereits alles, was nötig ist, um den Zugang zu einem freien und offenen Internet zu garantieren: das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht auf Privatsphäre. Neue Dokumente hätten wohl vor allem einen symbolischen Wert“, sagt Olukotun.

Digitale Gräben überwinden. Was aber bringt die Durchsetzung digitaler Rechte, wenn Menschen durch den Mangel an Infrastruktur schlicht der Zugang zum Netz fehlt? Der „Digital Divide“, der digitale Graben zwischen Arm und Reich, ist noch nicht überwunden. Zwar werden mittlerweile weltweit geschätzte sieben Milliarden Handys benutzt, in 121 Ländern besitzt praktisch jeder Einwohner und jede Einwohnerin mindestens ein Mobiltelefon. Aber in ärmeren Ländern hat oft nur ein kleiner Teil ein Smartphone und das wiederum häufig ohne Internetverbindung – sei es aus finanziellen Gründen oder wegen fehlender Infrastruktur. Laut Ben Mason von betterplace lab könnte dieses Problem aber bald beseitigt sein: „Eine schnelle Verbindung durch Festnetz oder mobiles Netz gibt es schon in den Großstädten im globalen Süden. Die Verbreitung in die ländlichen Gebiete könnte zügig folgen.“

Für Telekommunikationskonzerne sind die neuen Wachstumsmärkte ein gutes Geschäft. Nicht zuletzt deshalb beteiligen sich Unternehmen wie Orange etwa am Ausbau des Unterseekabels ACE (Africa Coast to Europe). Das Glasfaserkabel soll im Endausbau von Europa aus an der gesamten afrikanischen Westküste hinunter bis Südafrika verlaufen.

Lernen von Afrika. Was allerdings durch infrastrukturelle Maßnahmen nicht so leicht behoben werden kann, ist die Kluft zwischen den Geschlechtern bei der Internet-Nutzung, die nach wie vor überall auf der Welt besteht. In den Ländern südlich der Sahara haben um die Hälfte weniger Frauen als Männer Zugang zum Internet. Dabei seien gerade Informations- und Kommunikationstechniken eine enorme Chance für Frauen, mit Männern gleichzuziehen, sagt die kenianische IT-Expertin Mugethi Gitau (siehe Interview Seite 30). In der Digitalisierung sieht sie enorme Potenziale für die Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft. Bezahlung per Handy, Online-Lernprogramme, Online-Abwicklung von Behördenanträgen: In Kenia würde Technologie viel bewegen. „Euro­pa kann in dieser Hinsicht jede Menge von Afrika lernen.“

Nicht nur in Afrika werden die Menschen digital immer aktiver. „Wir beobachten einen enormen Anstieg an Internet-Nutzung und an digitalen Innovationen in Südostasien, etwa in Indonesien und auf den Philippinen. Aber auch in Indien ist der Zuwachs riesig“, sagt Deji Olukotun von Access.

Erst das Essen, dann das Netz? Wer Hunger und Durst hat, dem hilft auch das Internet nichts, werfen jene ein, denen der Glaube an den Segen der Digitalisierung zu weit geht. Computer und Handys sind in der Tat nichts, was der Mensch zum grundlegenden Überleben braucht. Allerdings ist belegt, dass die flächendeckende Verfügbarkeit von Handys, auch in ländlichen Gebieten, und der steigende Zugang zum Internet tatsächlich die Lebensqualität von Menschen in armen Ländern erhöht. Für Ben Mason ist eine Entwicklung besonders positiv, nämlich die „Anwendung mobiler Technologie im Agrar- und Gesundheitsbereich“, durch die etwa die Gesundheitsversorgung von Millionen von Menschen in entlegensten Gebieten verbessert werden kann. Im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit sieht er große Chancen durch „Direct Feedback“, das im digitalen Zeitalter technisch sehr einfach geworden ist. „Den Begünstigten von Programmen gibt man so die Gelegenheit, sich über deren Effektivität zu äußern.“

Entwicklung online. Dass in der Entwicklungszusammenarbeit die Wege immer digitaler werden müssen, haben auch die Zuständigen erkannt. Für die Österreichische EZA sei Informations- und Kommunikationstechnik „ein wichtiger Teil vieler Förderprojekte und ein Werkzeug, mit dessen Hilfe Projekt- und Programmziele erreicht werden können“, heißt es seitens der Austrian Development Agency. Beispiele, wo das gelingt, gebe es einige – ob aus Moldau, wo eine steirische Firma LandwirtInnen per Web und SMS meteorologische Daten zur Verfügung stellt, oder aus Mosambik, wo – in Partnerschaft mit der TU Wien – unter anderem die IKT-Infrastruktur einer Universität verbessert wurde und so Lehre und Forschung unterstützt wurden.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit geht einen Schritt weiter und ist sogar schon dabei, eine eigene digitale Agenda zu erarbeiten. Entsprechende Strategiepapiere sollen demnächst fertig sein. Lea Gimpel, die das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zum Thema berät, sagt: „Der digitale Wandel ist ein Paradigmenwechsel, der unsere gesamte Arbeit verändern wird – alle Branchen, alle Sektoren.“ Er ermögliche mehr Effizienz, mehr Transparenz, größere Reichweiten und neue innovative Lösungen. „Man darf natürlich nicht dem Hype aufsitzen, dass wir so alle Probleme lösen werden, aber es gibt viele neue Chancen.“

Mit Klicks die Welt verändern. Neue Chancen, vor allem durch soziale Medien wie Facebook und Twitter, sehen auch soziale Bewegungen und NGOs in den wohlhabenden Ländern (siehe Analyse Seite 34). Botschaften erreichen mit wenig Aufwand sehr viele Menschen, über Apps und Computerspiele werden neue Zielgruppen gewonnen, durch Online-Fundraising finden viele Projekte leichter eine Finanzierung. All das aber nur, sofern das Know-how da ist, wie Ben Mason von betterplace lab betont. „Momentan ist das digitale Kompetenzniveau unter NGOs sehr heterogen und zum Teil auch sehr niedrig. Für viele bleibt es eine Herausforderung, digitale Werkzeuge und Kommunikationskanäle effektiv zu nutzen.“ Eine große Aufgabe werde das Thema Datennutzung sein. „Wie NGOs moralisch und sicher digitale Daten sammeln, speichern und nutzen, ist keine einfache Frage.“

Fest steht: Nie war es so leicht, sich für eine gute Sache weltweit zu vernetzen. „Bevölkerungsgruppen, die früher kaum Gehör gefunden haben, können heute online ihre Perspektive darstellen. Und wenn das mit Offenheit und Empathie aufgenommen wird, kann das zu einer besseren, verständnisvolleren Welt führen“, sagt Mason. Was die Menschen dafür jedenfalls brauchen, ist Zugang zum freien, offenen Internet.

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