Urlaub auf dem Bauernhof auf patagonisch

Von Kornelia Laurin ·

Am Ende der Welt, in den Weiten der südargentinischen Pampas, hoffen bäuerliche Kleinbetriebe auf Agrotourismus: als Mittel der Selbsthilfe gegen die schwere Wirtschaftskrise des Landes.

Patagonien, endlose, nur im Osten vom Gebirgszug der Anden umsäumte Weiten, von Bruce Chatwin in seinem Reisetagebuch literarisch verewigt. In dem Teil dieser argentinischen Region, der sich um den 42. südlichen Breitengrad und entlang der Anden zwischen den Ortschaften Manso und Epuyen hinzieht, liegt die Gemeinde „Comarca Andina del Paralelo 42“.

Das Landschaftsbild mit Bergen, Wäldern und Seen erinnert ein wenig an die Alpenländer Europas, doch in einer unerschöpflich erscheinenden Ausdehnung und mit einer geringen Besiedlungsdichte. Seit Jahrzehnten ein typisches Gebiet für europäische Emigration. Und so leben die Kinder und Kindeskinder der einstigen Einwanderer größtenteils noch heute von den mitgebrachten Anbautraditionen der Vorfahren.

Die Vermarktung der Produkte, hier vor allem Kleinfrüchte und Gemüse, ist wegen der weiten Distanzen aufwendig und teuer. Die schlechte wirtschaftliche Lage Argentiniens trägt darüber hinaus dazu bei, dass die Einkommen der KleinproduzentInnen auf ihren so genannten „Chacras“, wie die kleinen Selbstversorgungseinheiten hier heißen, in den letzten Jahren eklatant zurückgingen. Die Einnahmen aus dem Tourismus lassen ebenfalls zu wünschen übrig, es wird höchstens in Richtung Süden durchgereist. So galt es also etwas zu finden, um diese beiden Defizite aufzufangen: einerseits den Absatzmarkt der ansässigen Kleinbetriebe zu erweitern und andererseits die TouristInnen dazu zu bringen, etwas länger zu verweilen.

Mit „Agrotourismus“, einer Art „Urlaub auf dem Bauernhof“, hofft man, auf dem richtigen Weg zu sein. Initiiert wurde das Projekt von CORFO, der „Corporación de Fomento“ der patagonischen Provinz Chubut.

„Unsere Aufgabe ist es, den meist familiär geführten Betrieben durch kostenlose Ausbildungsprogramme das nötige Know-how zu vermitteln, um ihre wirtschaftliche Grundlage zu verbessern“, erklärt César Artero von CORFO. „Mit Hilfe der Organisation ‚Interamericana de Turismo‘ haben wir in der Comarca Andina bisher 14 Kleinlandwirte in Agrotourismus ausgebildet. Dieselbe Initiative gibt es auch in Sarmiento und in Virch im Süden der Provinz Chubut. Eine Art Entwicklungshilfe, wenn Sie so wollen, aber mit dem Ziel, die Eigeninitiative des Einzelnen zu fördern.“

Agrotourismus auf patagonisch bedeutet das buchstäbliche Öffnen der Türen auf den Chacras und die Aufnahme der Reisenden in den Familienkreis und Arbeitsalltag. Bei einem Rundgang werden die BesucherInnen mit den jeweiligen Erzeugnissen bekannt gemacht. Sie dürfen Fragen stellen, bekommen Auskünfte über Anbauformen und Verarbeitungsmöglichkeiten, können mitarbeiten, wenn sie Spaß daran haben, und gewinnen damit einen Einblick in ein Leben, das sich von ihrem städtischen Alltag grundlegend unterscheidet. „Meine Erfahrung ist, dass die Gäste mit einem Besuch bei uns einen Moment von einem Leben erhaschen, das viele versteckt in ihren Träumen bewahren. Ein friedvolles Leben im Einklang mit der Natur und in Harmonie mit den Tieren. Und da sie uns kennen lernen, sehen sie, dass es manchmal nur etwas Mut braucht, um Träume zu verwirklichen“, berichtet Ana Maria Oyhacabal von der Chacra Santa Teresita.

Sie ist mit ihrer Familie vor fünf Jahren aus der etwa 800 km entfernten Küstenstadt Comodore Rivadavia in die Comarca Andina gezogen. Ihr Mann, ein renommierter Chirurg, ist dadurch zum Pendler geworden. Dennoch hat die ganze Familie den Entschluss, auf dem Land zu leben, bisher noch nicht bereut.

Den Abschluss der Betriebsbesichtigung bildet ein geselliges Zusammensein mit Produktverkostung, damit der Gast auch sieht, was letzten Endes bei der ganzen Arbeit herauskommt. Fünf Dollar bezahlt der Besucher dafür und hat gleich die Gelegenheit, nach Herzenslust aus dem großen Angebot der biologisch und größtenteils von Hand hergestellten Waren einzukaufen. „Da wir auf der Chacra Santa Teresita zum Beispiel nur Erdbeeren, Himbeeren und Kräuter anbauen, somit nur Süßes wie Marmeladen und Trockenfrüchte anbieten können, gibt es auch einen Produktaustausch zwischen den Chacras, das bedeutet auch bessere Absatzmöglichkeiten für den Einzelnen“, erzählt Ana Maria. „Ich glaube, dass wir mit Agrotourismus noch eine ganz andere wichtige Aufgabe erfüllen“, ergänzt Alicie Roldan, die auf ihrer Chacra Einblicke in die Käseerzeugung gewährt, „nämlich das Bewahren und Präsentieren traditioneller Herstellungsmethoden, die wir noch von unseren aus Europa eingewanderten Vorfahren übernommen haben.

In diesem Sommer kaufte zum Beispiel eine begeisterte Ungarin fast meinen gesamten Käsebestand auf, weil sie der Geschmack an den Käse in ihrem Elternhaus erinnerte.“

Die Angebotspalette auf den 14 Chacras ist groß. Neben den Kleinfrüchten und dem Käse gibt es auch Betriebe, die sich der Honigerzeugung verschrieben haben, Keramikbrennereien und fleischproduzierende Betriebe. „BSE wie bei euch in Europa hätte bei unserer extensiven Tierhaltungsform gar keine Chance“, beeilt sich Ludgardo Gonzales zu versichern, „denn Zufütterung durch Tiermehl wäre für unsere Kleinbauern nicht nur viel zu teuer, sondern ist auch gar nicht notwendig. Bei einer Bevölkerungsdichte von einem Einwohner pro Quadratkilometer hier in Patagonien ist für die Tiere Platz genug. Selbst bei den Großbauern rund um Buenos Aires mit Tausenden Stück Vieh gibt es genügend Weideland. Auch die großen Distanzen haben in dieser Hinsicht ihren Vorteil, Tierseuchen könnten sich nicht so schnell verbreiten.“

„Jedenfalls sind wir alle begeistert von dieser Initiative. Sie bedeutet zwar viel Arbeit, was die Organisation betrifft, aber man hat das Gefühl, selbst etwas für seine Zukunft tun zu können“, ist Alicie überzeugt.

Mindestens einmal pro Woche treffen sich alle 14 Mitglieder, um Erfahrungen auszutauschen, Schwierigkeiten zu beseitigen, an verschiedenen Ideen zu arbeiten. So ist zum Beispiel die Frage der Bewerbung eines der wichtigsten Themen. Neben Faltern und Broschüren, die bei allen Tourismusinformationen der jeweiligen patagonischen Gemeinden aufliegen werden, wird gerade auch an einer Website für das Internet gebastelt. In dieser Saison nützten fast aussschließlich argentinische Reisende das Angebot. Doch bereits im nächsten Jahr soll per Internet auf der ganzen Welt geworben werden. So ist das Tourismusprojekt noch sehr in Bewegung, es wird geformt und gefeilt, analysiert und angepasst.

Die TeilnehmerInnen des Projekts Agrotourismus wirken motiviert und enthusiastisch. Sie erwarten von dieser Initiative einen Ausweg aus der äußerst schwierigen wirtschaftlichen Situation, die nicht nur in Patagonien, sondern in ganz Argentinien spürbar ist. Auch der gegenwärtige Wirtschaftsminister, Domingo Cavallo – der unter Menem die Dollar-Anbindung des argentinischen Peso einführte – bekommt die Lage offenbar nicht in den Griff. Der Druck der internationalen Geldgeber ist groß, das vorgegebene Budgetdefizit von 6,5 Mrd. Dollar in diesem Jahr nicht zu überschreiten. Eine erste Hochrechnung der Zahlen von Anfang des Jahres lässt befürchten, dass auch diesmal die Vorgaben nicht eingehalten werden können. Was bedeuten kann, dass der Geldfluss aus dem Ausland gestoppt wird.

Die Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung wächst und in Versammlungen bei den diversen Protestveranstaltungen ist viel Unmut gegen die Politik in Buenos Aires spürbar. Die Enttäuschung der Menschen im Land ist auch deshalb so groß, weil sie nicht verstehen können, wie ein an eigenen Produkten reiches Land wie Argentinien dermaßen in Armut leben kann.

Aus den größeren Städten wie zum Beispiel Neuquen im Norden Rio Negros häufen sich die Meldungen von Überfällen auf Supermärkte. „Die Menschen haben nichts mehr zu essen“, erzählt eine Nachbarin, „und so holen sie sich eben, was sie zum Überleben brauchen.“

Durch den Dienstleistungsaspekt bringt der Agrotourismus neue Arbeitsplätze und verhilft besonders den Frauen in den Betrieben zu mehr Wertschätzung, da diese den meisten Teil der Betreuungsarbeit erledigen“, betont César Artero von CORFO. „Unser größtes Anliegen ist es jedoch, die professionelle Betreuung für die BesucherInnen zu gewährleisten. Letztendlich ist die Zusammenführung von landwirtschaftlicher Produktion und Tourismus die logische Konsequenz von bereits existierenden Einkommensmöglichkeiten in der Region Comarca Andina.“

Die Autorin arbeitete zehn Jahre lang als Redakteurin beim ORF und lebt seit drei Jahren mit Mann und Tochter in den patagonischen Anden.

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