Verdeckter Tourismus

Viele Angebote für so genannte Freiwillige im globalen Süden entpuppen sich als schlecht organisierte Reiseangebote.

Von Arne Opitz
Arne Opitz

Vor 20 bis 30 Jahren war „freiwilliger Entwicklungshelfer“ so etwas wie ein Ehrentitel. Heute verbergen sich dahinter oft preisgünstige (Fern)-Reiseangebote nebst unentgeltlicher oder gar selbst bezahlter Arbeit. Zielgruppe sind vor allem reisefreudige junge Leute, die als BetreuerInnen in Wildreservaten, als Au-Pair-Kraft oder mit Straßenkindern in Südamerika tätig sind, vor allem aber durch die Welt reisen wollen. Die Kosten für Flug, Versicherung, Impfung belaufen sich oft auf mehrere tausend Euro, der Beitrag für den (Arbeits-)Aufenthalt kommt noch hinzu. Fachleute sprechen daher inzwischen von „Voluntourism“.

Ich, 72 Jahre alt, habe eigene Erfahrungen mit einer österreichischen Freiwilligen-Organisation, dem Vernehmen nach mit kirchlichem Hintergrund, gemacht. Diese arbeitet bei ihren Projekten vor allem mit älteren Menschen, wobei Frauen, darunter viele ehemalige Lehrerinnen, deutlich in der Überzahl sind. Ich habe drei Monate als Lehrer in Lushoto, im Hochland von Tansania, gearbeitet. Das hat mich alles in allem knapp 4.000 Euro gekostet sowie einiges an Nerven. Frustrierend war vor allem, dass die Arbeitsbedingungen zwischen der Wiener Organisation und dem afrikanischen Kooperationspartner, einem katholischen Orden, schlecht bzw. gar nicht abgeklärt waren. Das betraf sowohl die Wohnqualität als auch die pädagogischen Rahmenbedingungen und den rechtlichen Status im Land.

Dass in der tansanischen Vor- und Grundschule ein anderer Unterrichtsstil herrscht, war zu erwarten, aber es mutete manchmal an wie in Österreich vor ca. 100 Jahren: autoritär und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse einzelner SchülerInnen. Sätze aus dem Schulbuch werden vom Lehrer vor- und von der Klasse im Chor nachgesprochen – ob sie verstanden werden oder nicht. Allmorgendlich gibt es einen Fahnenappell plus Absingen der Nationalhymne, was man wohl respektieren muss. Außerdem ist die ausländische Lehrkraft entgegen der Vorausinformation ohne einen Grundwortschatz in der Landessprache (Ki)Swahili ziemlich verloren. Mit Englisch, wie angekündigt, kommt sie vor allem in der Vorschule nicht weit. Darüber Bescheid zu wissen und die Freiwilligen zu informieren, wäre Sache des Entsenders gewesen. Der war allerdings selbst gar nicht oder zu wenig informiert.

Somit stellt sich für den Freiwilligen die Frage, welche Aufgabe er hier eigentlich wahrnehmen soll. Er hat sich nach reiflicher Überlegung entschlossen, drei Monate bis ein Jahr von zu Hause fort zu sein. Er hat eine Menge Zeit und nicht wenig Geld in ein soziales Projekt investiert und erwartet vom Veranstalter, dass auch dieser seinen Anteil einbringt, damit das Ganze ein Erfolg wird.

Um ähnliche Enttäuschungen zukünftig zu vermeiden, wäre eine Art Gütesiegel sinnvoll, orientiert an der Seriosität und Erfahrung einer Entsendeorganisation. Damit würde sichergestellt, dass Einsätze von Freiwilligen, egal welchen Alters, auch wirklich Positives bewirken – und sie nicht zu unfreiwilligen „VoluntouristInnen“ werden.

Der Autor, Jahrgang 1941, Verlagsbuchhändler und Journalist, war 1995 im Rahmen eines Peace-keeping-Projekts in Guatemala und im Jahr 2000 mit einer Arbeitsbrigade auf Kuba. Er lebt in Wien.

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