„Verschwindenlassen“

Ein aktuelles Buch beschäftigt sich mit einer besonders grausamen Art der Machtausübung über Körper.

Von Irmgard Kirchner

Es gibt nur wenige Studien, die sich mit den psychosozialen Auswirkungen des „Verschwindenlassens“ beschäftigen. Die österreichische Psychologin und Psychotherapeutin Barbara Preitler, Gründungsmitglied und Therapeutin bei Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende, widmet sich in ihrem kürzlich in Wien präsentierten Buch der Situation der Angehörigen von „Verschwundenen“.

Gewaltregime setzen „Verschwindenlassen“ als bewusste Terrorisierung ein, weil es weit mehr Menschen als die unmittelbaren Opfer trifft. „Verschwinden“ im Krieg und als politische Gewalt betrifft direkt hauptsächlich Männer. Aber für deren Angehörige verändert sich alles. Sie müssen das Leben mit der ungeheuren Ungewissheit bewältigen.

Preitler beleuchtet den theoretischen Hintergrund von Trauer und gibt einen Einblick in die Natur und die Komplexität von Leid und Trauerprozessen. Sie beschreibt die vielfältigen Konflikte, die durch den Verlust mit gleichzeitigem „Verschwinden“ eines geliebten Menschen entstehen.

In Fallbeispielen aus aller Welt werden Arten des Umgangs mit der Situation aufgezeigt – abhängig von der individuellen Identität und dem kulturellen Hintergrund. Es werden kollektive Bewältigungsstrategien im Umgang mit dem „Verschwinden“ aufgezeigt sowie die Bedeutung von Totenscheinen, Wahrheitskommissionen, Exhumierungen, Gedenkstätten und künstlerischen sowie symbolischen Ritualen analysiert.

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