Verwirrspiel mit Tiefgang

Von Richard Solder ·

„Lügen auf Kubanisch“, der neue Film von Daniel Diaz Torres und mit Michael Ostrowski, spielt humorvoll mit Klischees, Realität & Fiktion sowie dem Alltag in Havanna.

Schuld an allem ist der Kühlschrank. Wer kann von einer Familie in Havanna erwarten, es länger ohne Kühlschrank auszuhalten? Weil die Schauspielerin Ana (Laura de la Uz) noch bei ihrer Mutter wohnt, will sie einen Beitrag leisten. Erst recht als der Macho-Freund von Anas Schwester Anstalten macht, den großen Retter zu spielen. Nur: Ein Kühlschrank ist in Kuba ein teures Gut. Zu teuer für Anas Lohn für schlechte Telenovelas.

Wie der Zufall so will erfährt Ana, wie sie schnell zu Geld kommen könnte. Der österreichische Regisseur Helmut (Michael Ostrowski) sucht gemeinsam mit seinem Produzenten Dieter aus dem Osten Deutschlands (Tobias Langhoff) für einen Dokumentarfilm à la „Whores’ Glory“ Prostituierte, die über das Leben in Havannas Rotlicht-Milieu erzählen sollen.

Getrieben vom materiellen Bedürfnis fängt Ana an, ein Straßenmädchen zu spielen, Perücke inklusive. Was anfänglich wie eine unterhaltsame, aber einfach gestrickte Verkleidungskomödie wirkt, zeigt mit Fortdauer des Films immer mehr Ecken und Kanten.

Wer sitzt dabei am längeren Hebel, die Männer aus dem Westen mit den Geldscheinen oder die Kubanerin, die sie hinter das Licht führt? „Das lässt sich nicht sagen, es ist ein wechselvolles Verhältnis“, analysiert Michael Ostrowski. Auch Helmut, der Charakter des steirischen Schauspielers, der in den ersten Szenen noch als peinlich Spanisch redende Witzfigur erscheint, gewinnt im Laufe der Story Konturen. „Die Person ist auf vielen Schichten interessant. Das ist nicht nur der naive Westler“, betont Ostrowski.

Norden trifft Süden, Reich trifft Arm. Die kubanisch-österreichische Koproduktion spielt gekonnt mit Klischees und besticht trotz allem durch ihre Grautöne. Regisseur Daniel Diaz Torres formuliert es so: „In dieser Geschichte ist niemand heilig!“

Und der Film wird ein Stück weit philosophisch. Diaz Torres, einer der bedeutendsten Regisseure des kubanischen Kinos, schafft es, die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion immer wieder verschwimmen zu lassen. „Lügen auf Kubanisch“ wurde von wahren Begebenheiten inspiriert. Und wenn Ana vom europäischen Filmteam die Aufgabe bekommt, ihre Umgebung auf Video festzuhalten, dann blicken Seherinnen und Seher mit ihr in die heutige Gesellschaft Havannas wie bei einer eingebetteten Kurz-Doku. Dann ist da noch die Performance Anas, die sich in ihr Alter Ego als Prostituierte so sehr hineinversetzt, dass sie zu einer anderen Person mutiert. So reißt sie alle am Set mit, wenn sie hoch emotional schildert, wie es ist, für Geld für ein Sandwich ihren Körper anbieten zu müssen: „In solchen Momenten ist Ana nicht die Pseudo-Hure, das sind keine Lügen, die sie erzählt. Da ist die Prostituierte wirklich da“, so Diaz Torres im Gespräch mit dem Südwind-Magazin.

Am Do, 27. Juni (20 Uhr) findet im Wiener Votivkino die Österreich-Premiere von „Lügen auf Kubanisch“ statt. Kinostart: 28. Juni.

Der Film funktioniert vor allem durch ein verbindendes Element: Humor. Wie mit vergangenen Werken schafft es Daniel Diaz Torres so, den Bogen zur Kritik zu spannen. Bei „Lügen auf Kubanisch“ geht das Kino-Publikum ein Stück weit mit den ganz normalen Leuten durch die Straßen von Havanna. Man sieht ihre alltäglichen Herausforderungen, die bröckelnden Fassaden der innerstädtischen Häuser und die Perspektivlosigkeit angesichts schwieriger wirtschaftlicher Umstände. Aber die ZuseherInnen lachen auch mit ihnen. „Mit Humor kann ein Film einen anderen Blickwinkel eröffnen. Humor hat etwas Subversives, damit lassen sich ganze Systeme destabilisieren“, sagt Ostrowski. Der Komödien-erprobte Schauspieler warnt dabei davor, die Kunst der Komödie zu unterschätzen.

Für Ostrowski war der Dreh in Kuba eine interessante Erfahrung: „Wir sind voll eingetaucht in das Leben dort, sind an Orte gekommen, die wir sonst wohl nicht gesehen hätten und haben viele Menschen kennengelernt – das ganze Team war kubanisch.“

Altmeister Diaz Torres kennt das Drehen in Kuba, inklusive Herausforderungen wie Zensur. Was hat sich über die Jahre verändert? „Heute sind die Probleme vor allem ökonomischer Natur. In den vergangenen Jahrzehnten hast du als Filmemacher hier eine bestimmte Unterstützung bekommen, bei der Technik oder beim Transport zum Beispiel. Das ist heute unmöglich!“ Für Filmprojekte müsse er deswegen stärker auf Kooperationen mit ausländischen Produktionsgesellschaften bauen. In diesem Fall fand er in der österreichischen SK-Film eine Partnerin. Das austro-kubanische Duett scheint die Feuertaufe bestanden zu haben.

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