Vielfalt im Kleinen

Dass in Afrika Hunger herscht, liegt nicht an der Dürre, meint Tewolde Berhan Gebre Egziabher.

Von Tewelde Berhan Gebre Egziabher
In Afrika herrscht derzeit verbreitet Mangel an Nahrungsmitteln. Aber die Dürre, die diesen Mangel begleitet, ist keine afrikanische Besonderheit – besonders sind vielmehr die in Afrika herrschenden Bedingungen, die zu dieser Hungersituation geführt haben. Was ist eine Dürre? Selbst in den feuchtesten Regionen orientieren sich Bauern und Bäuerinnen beim Anbau am durchschnittlichen Niederschlag. Regnet es weniger, wird es Mangel geben. Sofern Abweichungen vom durchschnittlichen Niederschlag dafür verantwortlich sind, besteht die Lösung darin, die Nahrungsmittelversorgung mit Lagerbeständen zu sichern – wie es in den reichen Ländern geschieht. Vergangenes Jahr gab es eine schwere Dürre in den USA. Da aber die Infrastruktur existiert, die man für Lagerung und Transport von Nahrungsmitteln benötigt, ist von Hunger in den USA nichts zu hören.
In Afrika ist die Wirtschaft fast völlig von der Landwirtschaft dominiert. Bei Missernten stehen die betroffenen Bauern und Bäuerinnen praktisch mittellos da. Sie können keine Nahrungsmittel am Markt kaufen, selbst wenn es sie gibt. Also hungern sie. In Sambia gibt es große Mengen Maniok im Norden, aber sie können nicht in den Süden gebracht werden, wo die Hungernden leben. Die meisten Mangelsituationen in Afrika könnten beseitigt werden, indem man Nahrungsmittel in die betroffenen Regionen transportiert. In Äthiopien gibt es derzeit Nahrungsmittel in Fülle. Nur ist die äthiopische Regierung zu arm, um Nahrungsmittel vor Ort anzukaufen, ganz zu schweigen davon, sie in die Mangelgebiete zu schaffen. Daher sind nach aktuellen Schätzungen etwa 40 Millionen Menschen auf Hungerhilfe angewiesen.

Man spricht oft von „Afrika“, als ob es ein Land wäre. Aber Holland, Frankreich, Deutschland, Österreich und die Schweiz hätten alle zusammen in Äthiopien Platz. Wir haben es mit riesigen Flächen und bergigem Terrain zu tun, was den Transport erheblich erschwert. Vor zwei Jahren gab es in Äthiopien Überschüsse, die Bauern konnten ihre Produkte nicht verkaufen und erzielten keinen vernünftigen Preis – für 100 Kilo Mais bekam man bloß vier US-Dollar. Saudi-Arabien wollte diesen billigen Mais kaufen. Aber bei der Ankunft am Hafen wäre der Mais bereits dreimal teurer gewesen, weil die Transportkosten so hoch sind. So war es für Saudi-Arabien gerade ein wenig billiger, Mais aus den USA zu kaufen.
Worin besteht also die Lösung für das Ernährungsproblem in Afrika? Erstens müssen Lagereinrichtungen geschaffen werden, und zwar dezentral, um den Transportbedarf zu verringern. Zweitens muss die Menge der gelagerten Nahrungsmittel ausreichen, um die Launen des Wetters und andere Faktoren auszugleichen. Mit ausreichenden Lagerbeständen hätte Malawi sein aktuelles Problem bewältigt. Aber vor zwei Jahren wurde dem Land geraten, seine Getreideüberschüsse zu verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen – unter Druck der Weltbank.
Es ist nicht besonders schwer, für ausreichende Lagerbestände zu sorgen. Um Menschen wirtschaftlich in die Lage zu versetzen, Nahrungsmittel am Markt zu kaufen, müssste man viel mehr investieren. Es wäre jedoch bereits eine große Verbesserung gegenüber der aktuellen Situation, wenn man jenen Nahrungsmittel zur Verfügung stellt, die sie sich kaufen können – und andere Länder veranlasst, jenen zu helfen, die das nicht können.

Natürlich ist das Wetter heute sehr unberechenbar – der Klimawandel ist eine Realität. In Äthiopien leben die meisten Menschen im Hochland, wo es normalerweise zu kalt für Malaria war. Jetzt ist die Malariazone um 100 Meter höher gestiegen. Gleiches gilt für die Tsetsefliegen, die Tiere mit der Schlafkrankheit anstecken. Ungeachtet dessen könnten konzertierte Bemühungen der reichen und der armen Länder das Hungerproblem großteils beseitigen. Ein Grund für Optimismus ist, dass die europäischen Länder Hilfe nicht mehr in Form von Nahrungsmitteln zur Verfügung stellen. Sie geben Geld, sodass Nahrungsmittel vor Ort angekauft werden können und die einheimische Agrarproduktion gefördert wird. Kommen die Nahrungsmittel aus dem Ausland, untergräbt man damit die lokale Landwirtschaft. Die USA geben Nahrungsmittelhilfe nach wie vor nur in Naturalien.
Das südliche Afrika ist bei Dürren gefährdet, weil die Region weitgehend von nur einer Getreideart abhängig ist – Mais. Da Mais in guten Jahren hohe Erträge abwirft, zwangen die Regierungen die Menschen, ihre traditionellen Getreide aufzugeben und Mais anzubauen. Getreidearten wie Sorghum und Hirse halten Schwankungen in der Feuchtigkeit gut aus, werden aber heute kaum angebaut. Die Regierung in Malawi will nun versuchen, die alten Getreidearten wieder zu fördern, um die Verwundbarkeit der Landwirtschaft zu verringern.

In Simbabwe und Tansania mussten Bauern und Bäuerinnen zertifiziertes Saatgut von bestimmten Unternehmen verwenden, die nur Maissaaten anbieten. Diese Saatgutunternehmen werden derzeit von meist aus den USA stammenden transnationalen Konzernen übernommen. Das gefährdet unsere Ernährungssouveränität. Die Fähigkeit, die Herstellung unserer Nahrungsmittel zu kontrollieren, ist grundlegend, nicht nur für Länder, sondern auch für Gemeinschaften. Kontrolle von außen lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten.
Ebensolches gilt für genetisch veränderte Pflanzen (GM-Pflanzen). Das Biosafety-Protokoll von Cartagena hält fest, dass eine genetisch veränderte Feldfrucht in einem Land nur eingeführt werden kann, wenn das Land in Kenntnis der Sachlage zustimmt. Als die USA GM-Nahrungsmittel als Hilfe ins südliche Afrika schickten, war das nicht der Fall. Die USA wollen sich dem Cartagena-Protokoll zwar nicht unterwerfen. Trotzdem hätte das Welternährungsprogramm genetisch veränderten Mais nicht ohne Zustimmung der Empfänger in diese Länder verbringen dürfen.

Nach dem Cartagena-Protokoll ist das Vorsorgeprinzip anzuwenden. Genetisch veränderter Mais gilt daher als gefährlich, bis das Gegenteil bewiesen ist. Dafür würde man eine Reihe von Tests benötigen, die viel Zeit in Anspruch nehmen, darunter eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Alle afrikanischen Länder haben das Protokoll unterzeichnet und wollen Systeme für die Zulassung und Regulierung solcher Organismen aufbauen. Die USA haben diese Bestrebungen unterlaufen, indem sie Genmais zur Verfügung stellten.
Es gibt da noch ein anderes tückisches Problem. Es beruht auf dem Übereinkommen über die handelsbezogenen Aspekte geistiger Eigentumsrechte (TRIPS) der WTO. Laut Artikel 34 TRIPS gilt jede Person, die im Besitz von geschütztem Saatgut angetroffen wird, als kriminell, solange sie nicht beweisen kann, dass sie diesen Besitz rechtmäßig erlangt hat. Ich müsste also beweisen, dass ich etwa nicht für Fremdbestäubung verantwortlich bin. Wie soll ich das beweisen? Soll ich den Wind befragen? Soll ich die Schmetterlinge, Bienen und Insekten in den Zeugenstand rufen? Alle afrikanischen Bauern und Bäuerinnen könnten zu Kriminellen erklärt werden.
Artikel 8 (j) der Konvention über Biologische Vielfalt anerkennt lokale Gemeinschaften als Eigentümer und nachhaltige Nutzer der biologischen Vielfalt. Dieses indigene Wissen wird zunehmend von westlichen Unternehmen ausgebeutet, die versuchen, wertvolle natürliche Ressourcen, das Wissen und die Technologien lokaler Gemeinschaften zu patentieren. In Afrika ist es die überwältigende Mehrheit der Kleinbauern, die eine biologische Vielfalt in der Landwirtschaft erzeugt und aufrecht erhält. Diese nicht-erneuerbare Ressource kann dazu dienen, bei Veränderungen der Umweltbedingungen neue Feldfrüchte zu züchten – und sie ist besonders angesichts der wachsenden Instabilität des Klimas wertvoll, die durch die globale Erwärmung hervorgerufen wird. Diese Vielfalt ist auch Quelle von Heilmitteln und anderen wichtigen, von den lokalen Gemeinschaften verwendeten Ressourcen.

Kleinbäuerlicher Anbau ist arbeitsintensiv, bietet ganzen Gemeinschaften eine nachhaltige Existenzgrundlage und ist daher ein entscheidender Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum sozialen Zusammenhalt eines Landes. Ein Ersatz dieser Anbaumethoden durch mechanisierte, industrielle Landwirtschaft kann zu einer massiven Freisetzung von Arbeitskräften und zu Arbeitslosigkeit führen, wie es bei der Grünen Revolution in Indien der Fall war.
Wenn die Menschheit diesem Schlamassel entrinnen will, muss sie ihre Strategie auf Gerechtigkeit gründen. Alle unsere lokalen Gemeinschaften sollten so organisiert sein, dass für das Wohlergehen jeder einzelnen Person Sorge getragen wird. Heute haben wir dagegen eine weltweite Gemeinschaft, die Berechnungen darüber anstellt, wie der Nutzen für einige auf Kosten der Mehrheit maximiert werden kann.

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Tewelde Berhan Gebre Egziabher ist Direktor der äthiopischen Umweltschutzbehörde. Für seine Tätigkeit als Verhandlungsführer der Entwicklungsländer bei der Entstehung des Biosafety-Protokolls von Cartagena wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis 2000 (Ri

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