Vielfalt statt Mumifizierung

Afrikas grosse Verkehrssprachen gewinnen zunehmend an Einfluss. Diese sollen - im Gegensatz zu den ehemaligen Kolonialsprachen - auch gefördert werden und nicht in einem "Sprachmuseum" verstauben, meint Erwin Ebermann.

Von Erwin Ebermann
Afrikas Sprachen sind ein Eldorado für LinguistInnen: Es gibt 300 Rinderbezeichnungen bei den Fulbe, 256 Genitiv-Formen bei den Schona, fünf Vokallängen im Nordsamo, fünf Tonhöhen im Yacouba, 51 Begriffe für Yams bei Völkern Togos, unzählige Klicklaute der Khoisan, usw.

Auf unserem Nachbarkontinent sprechen die Menschen 2000 Sprachen, die sich teilweise so stark voneinander unterscheiden wie das Deutsche und das Chinesische. Die Vielzahl eigener Konzepte beeindruckt. Die sprachliche Flexibilität und Ausdrucksfähigkeit ist enorm, wie Cheikh Anta Diop mit der Übersetzung der Relativitätstheorie ins Wolof bewies.

Dennoch sind, gerade durch diese Sprachvielfalt bedingt, fast immer ehemalige Kolonialsprachen die National- und Unterrichtssprachen Afrikas: Nigeria (120 Millionen Menschen) hat 286, die Côte-d'Ivoire mit 15 Mio. Menschen 60, Gambia mit knapp einer Mio. Menschen noch 15 Sprachen.

Sprachvielfalt ist teuer und oft nicht nützlich: Es ist Staaten unmöglich, Schulbücher, Gesetzestexte, TV-Sendungen, Literatur oder Kino-Filme in 286 Sprachen zu verfassen. Die Sprachen sind häufig nur in engen Bereichen wichtig: die Sprache des Dorfes, die des Marktes, die Verkehrssprache und die Schul- bzw. Nationalsprache.

Daher sprechen Zehnjährige, wenn auch reduziert, oft drei Sprachen: Die Muttersprache für einfache Gespräche im familiären Kontext; die Verkehrssprache für die praktische Alltagsbewältigung, die Schulsprache für die Modernität. Man lernt überall vor allem das Nützliche. Städtische mehrsprachige SprachinformantInnen suchen oft lange nach simplen Begriffen aus Natur und Gesellschaft und kennen keine Sprichwörter mehr. Für mehrsprachige EuropäerInnen übrigens kaum überraschend, die - wie ich selbst - den Sprachschatz ihres Dorfes nur mehr begrenzt verstehen.

Kolonialsprachen erleichtern einerseits zwar die Kommunikation, jedoch schaffen sie andererseits auch Distanz. Obwohl von kaum mehr als 20 bis 30 Prozent verstanden und fern afrikanischer Realitäten, wurden die ehemaligen Kolonialsprachen vor allem wegen der Sprach- und Volksvielfalt und deren politischer Konkurrenz als einfachste Lösung für öffentliche Bereiche gewählt. Mit dem Aufstieg in der Hierarchie und dem folgenden Sprach- und Konzeptwechsel im öffentlichen Diskurs entfernen sich Verantwortungsträger ihren MitbürgerInnen zunehmend sprachlich und inhaltlich, werden eher zu EuropäerInnen zweiter Klasse als zu AfrikanerInnen erster Klasse. Die Nationenwerdung, der Abbau wirtschaftlich und politischer Fremddominanz, werden dadurch enorm erschwert.

Afrikas große Verkehrssprachen hingegen gewinnen an Einfluss. Ihre Verbreitung steigt trotz der offiziellen Funktion der ehemaligen Kolonialsprachen: Um 1900 sprachen fünf bis sechs Millionen Menschen Mandekan, heute circa 35 Mio.; ebenso gewannen Suaheli (ca. 60 Mio. SprecherInnen) und Hausa (ca. 40 Mio.SprecherInnen) an Bedeutung.

Sichere und weite Reiseräume verstärken Migrationsströme und den Bedarf nach interethnischen Verständigungsformen. Millionen MigrantInnen aus armen Nachbarländern machten an der Cote-d'Ivoire das von elf Prozent als Muttersprache verwendete Jula zu einer von 61% der Bevölkerung gesprochenen Verkehrssprache.

Der praktische Nutzen dieser Sprachen für die Alltagsbewältigung müsste erhöht werden. Die Geberländer könnten den Sprachnutzen erheblich fördern: Warum nicht in großen Sprachen verstärkt Enzyklopädien, Spielfilme, Gesetzestexte, Bürgerrechte, technische Manuals usw. finanzieren? Die Fähigkeit, autonom Informationen suchen zu können, fördert mündige BürgerInnen und die Zivilgesellschaft. Das Individuum wird gestärkt und Selbsthilfe möglich und die Kontrolle der Mächtigen wird für die Zivilgesellschaft erleichtert.

Wissen ist Macht, Afrikas BürgerInnen brauchen afrikanische Zugänge dazu. Dieser Nutzen würde auch andere AfrikanerInnen bewegen, diese Sprachen zu erlernen, die ihnen konzeptuell wesentlich näher stehen als europäische.

Der Schutz kleiner Sprachen ist ein Luxus, solange in Afrika Kolonialsprachen dominieren. Die Gefahr dabei allerdings besteht, dass Sprachschutz in einem Sprachmuseum endet. Dies würde die von den meisten AfrikanerInnen gesuchten Verschmelzungsprozesse bremsen, die in einer neuen und echten Unabhängigkeit Afrikas in 20 bis 30 Jahren münden könnten. - In welcher Regierende endlich verstanden werden und ihre BürgerInnen verstehen, weil sie die gleiche und afrikanische Sprache sprechen. Afrika braucht eine verbesserte Konkurrenzfähigkeit seiner großen Sprachen viel mehr als eine Mumifizierung seiner kleinen.

Erwin Ebermann lehrt an der Universität in Wien und hat sieben Jahre in Afrika Sprach-, Kultur- und Entwicklungsforschungen durchgeführt.

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