Vision und Realität

Der ruandische Präsident Paul Kagame möchte mit der „Vision 2020“ den Fortschritt in seinem Land vorantreiben. Ruanda soll zum wirtschaftlichen Vorzeigestaat Ostafrikas avancieren – unabhängig und stabil.

Von Christa Wüthrich
Hotels, Hochhäuser, Bars und Supermärkte. Aus dem chaotischen Kigali, das in den 1990er Jahren einem grossen afrikanischen Dorf ähnelte, ist in den vergangenen Jahren eine pulsierende Hauptstadt geworden. Eine erstaunliche Wandlung. Nach dem Bürgerkrieg und dem Völkermord 1994 war Ruanda wirtschaftlich und sozial zerstört. Hinter dem jetzigen Aufschwung steht Präsident Paul Kagame. Zu seinen Beratern zählen Politgrößen wie Tony Blair, Bill Clinton und Paul Wolfowitz, der frühere Chef der Weltbank. Als typischer Staatschef sieht sich der ehemalige Rebellenführer nicht, sondern als Firmenchef eines großen Unternehmens. Mit seinem wirtschaftlichen Zweckdenken hat sich Netzwerker Kagame im Westen einen guten Ruf und viel Respekt verschafft. Das Idealbild der ruandischen Entwicklung ist die "Vision 2020". Mit ihr wurde im Jahre 2000 das Regierungsprogramm festgelegt, das Ruanda innerhalb von 20 Jahren auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig machen soll.

Die Strategie, Investoren anzuwerben und die Infrastruktur sowie Bildungsinstitutionen auszubauen, zeigt erste Resultate. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft in Ruanda um elf Prozent. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in Afrika betrug vergleichsweise sechs Prozent. Ruanda ist damit für Investoren attraktiv. Das Land ist politisch stabil, der Markt übersichtlich und die Konditionen für Investoren gut. Unternehmen aus Europa, China, Indien, dem Nahen Osten, den USA und Dubai sind in Kigali präsent. Die IT-Branche, der Finanzmarkt, der Tourismus und der Energiesektor sind die beliebtesten Wirtschaftsbereiche für Investoren. Die deutsche African Development Corporation ist an einem Unternehmen für elektronischen Zahlungsverkehr beteiligt. Die US-amerikanische Firma Contour Global investierte 325 Millionen US-Dollar in ein Methangasprojekt im Kivusee.

Eine wirtschaftlich wichtige Rolle in Ruanda spielen auch die sechs Millionen im Ausland lebenden RuanderInnen. Mit Geld und Wissen fördern sie die Entwicklung in ihrer Heimat. TOKTEN (Transfer of Knowledge Through Expatriate Nationals), ein Programm des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) und der ruandischen Regierung, steuert dem so genannten "Braindrain" - der Abwanderung von gut ausgebildeten Arbeitskräften - gegen. Kurzzeiteinsätze von qualifizierten, im Ausland lebenden RuanderInnen bringen Wissen ins Land. Firmen wie die Rwanda Diaspora Investment Ltd. oder der 2008 geschaffene Anlagefonds Rwandan Diaspora Mutual Fund will durch Investitionen emigrierter RuanderInnen die Wirtschaft im eigenen Land ankurbeln.

Die Finanzkrise ist aber auch in Ruanda spürbar. Projekte werden verschoben, Investitionen zurückgezogen. Keine Bank in Ruanda gewährt mehr Kredite, die höher als 5.000 Dollar sind. Die Liquidität im Land ist beschränkt, der Geldfluss vergangener Jahre nimmt ab - sei es von RuanderInnen in der Diaspora oder unabhängigen Unternehmen. Doch Ruanda ist auf externe Unterstützung angewiesen. Rund 50 Prozent des staatlichen Gesamtbudgets trägt die internationale Gemeinschaft. Das Land hängt am Tropf der westlichen Wirtschaftsnationen. Rentable Unabhängigkeit bleibt die große Vision, deren Rahmenbedingungen denkbar schlecht sind. Die Finanzkrise, die Überbevölkerung, der Mangel an Land, die Armut und die politische Vergangenheit stellen den Staat vor große Herausforderungen. Zwei Drittel der zehn Millionen Menschen in Ruanda müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. 90 Prozent arbeiten in der Landwirtschaft. Eine Hürde für den wirtschaftlichen Aufstieg. Schätzungen zufolge kommen 100.000 Jugendliche jährlich neu auf den Arbeitsmarkt Ruandas. Die Arbeitslosigkeit in dieser Altersschicht ist hoch: Weniger als ein Prozent von ihnen findet eine Arbeitsstelle.

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