Vision und Werkzeug

Von Christina Bell

Wer erinnert sich noch an Y2K? Die Angst vor dem auch als Millennium-Bug bezeichneten und in seiner Dimension außerordentlich überschätzten Computerproblem war eines der wenigen Dinge, die die Euphorie beim Eintritt ins aktuelle Jahrtausend etwas dämpften. Ansonsten schien, zumindest im europäischen und nordamerikanischen Raum, für kurze Zeit alles möglich zu sein. Beseelt von dieser Aufbruchstimmung beschloss die internationale Staatengemeinschaft in ihrer Millenniumserklärung und den ihr folgenden Millenniumsentwicklungszielen (MDGs) einen großen Schritt Richtung Abschaffung der Armut.

Eineinhalb Jahrzehnte später ist die Bilanz gemischt. Die Liste ist noch immer lang. Aber auch auf der Haben-Seite ist einiges zu verbuchen: ein großer Erfolg der MDGs war das „Agenda Setting“. Die Welt schaute hin, nahm einige der größten Probleme wahr und gelobte Besserung. Dann kam der 11. September 2001; neue Kriege wurden begonnen, die Finanz-und Wirtschaftskrise ließ keinen Stein auf dem anderen, und dazwischen machte sich der Klimawandel bemerkbar.

Die MDGs haben für Wirbel in der Entwicklungslandschaft gesorgt, blieben aber, wie einst Y2K, hinter – vielleicht überzogenen – Erwartungen zurück. Mit dem nahenden Ablauf der Frist ist die Diskussion um „Post-2015“ in vollem Gange. Die neuen Ziele sollen diesmal wirklich die Welt retten. Aber was müssen sie dafür beinhalten? Und wie vermittelt man ihre Bedeutung einer Weltöffentlichkeit, die sich nicht so für den Prozess zu interessieren scheint? 2015 fehlt das Momentum, der Glanz und das Schicksalhafte des Jahrtausendwechsels. Die armen Länder zweifeln an der Rollenverteilung, in der die Geber die Ziele entwerfen, selbst aber gar nicht so viel für die Erreichung tun müssen. Diese wiederum haben, nicht zuletzt wegen eines regelrechten Krisenreigens, plötzlich viele eigene Probleme. Und überhaupt löst sich die klare Einteilung in Reich und Arm, Nord und Süd gerade auf. Bleibt zu hoffen, dass bis September 2015 die Vision klarer wird, und die richtigen Werkzeuge dazu gefunden werden – damit die neuen Ziele die besseren MDGs werden und nicht nur die kraftlose Fortsetzung, bei der man sich wünscht, nie ins Kino gegangen zu sein.

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