Vom Hohen Markt geht’s links nach Luanda

Walter Sauer beweist, dass Geschichte unterhaltsam sein kann. Anlässlich der Erscheinung seines neuen Buches „Expeditionen ins afrikanische Österreich“ begleitete Südwind-Redakteur Richard Solder den Historiker auf einem seiner Rundgänge durch Wien.

Walter Sauer vor der Mohrenapotheke im ersten Bezirk in Wien. Der Name der Apotheke (1592 erstmals erwähnt) war nie abwertend gemeint. Vielmehr wurde Afrika einst mit Heilkräften in Verbindung gebracht.

"So, nun schauen’s bitte auf das Gebäude auf der linken Seite!“ Es ist ein trüber Samstagnachmittag in der belebten Wiener Innenstadt. Neugierig umherblickende Menschen in Regenjacken und Kapuzen folgen artig den Anweisungen eines Historikers. Ihnen geht es nicht um Stephansdom, Johann-Strauss-Denkmal oder Hotel Sacher. Die 15-köpfige Gruppe ist hier auf der Suche nach afrikanischen Spuren.

Seit fast zwanzig Jahren führt Walter Sauer, Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Uni Wien, durch das afrikanische Wien von einst. Wieso heißt die Mohrenapotheke in der Wipplingerstraße so? Was hat der Hohe Markt mit einem historischen Polizeiskandal rund um einen verhafteten Afrikaner aus dem heutigen Gebiet Angolas zu tun? Und wie sah das Wien des bekannten Afrikaners Angelo Soliman (um 1721-1796) aus? Sauer weiß es.

Seine Rundgänge stießen von Anfang an, seit 1995, auf Nachfrage und kommen bis heute gut an. 1996 erschien „Das afrikanische Wien“ in Buchform. Nachdem nun der Ruf nach einer Aktualisierung immer lauter wurde, veröffentlicht der Historiker ein weiteres Buch zum Thema. Allerdings mit Ausweitung auf ganz Österreich. „Ich dachte, das ist nicht viel mehr Arbeit. Da lag ich aber komplett falsch“, sagt Sauer und grinst. Bald wurde ihm klar: Jedes Bundesland, jede Region hat ihre eigene Geschichte – und damit ihre eigene Wahrnehmung Afrikas.

Wie sucht man nach afrikanischen Spuren vom Bodensee bis zum Neusiedlersee? „Ich habe sehr viele Vorarbeiten gemacht. Kunstführer und alles, was mit Denkmalschutz zu tun hat, habe ich mir angeschaut.“ Zudem entwickle man ein Gespür, wo etwas Afrikanisches zu finden sein könnte. „Und dann bin ich in jede Bergkirche gegangen, die ‚verdächtig‘ war. Ich habe Österreich sehr gut kennen gelernt!“

Das Buch ist eine funktionierende Mischung aus Reiseführer, Sachbuch und Lexikon. So beinhaltet es neben den Informationen zu den afrikanischen Spuren für jedes Bundesland einen kurzen Abschnitt zur aktuellen Außenpolitik, Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit, Kultur und Diaspora in Bezug auf Afrika. Afrika-Vereine und Initiativen werden vorgestellt.

Anspruch auf Vollständigkeit könne er mit „Expeditionen ins afrikanische Österreich“ nicht stellen, stellt Sauer klar. Das Buch sei nicht zuletzt als Anreiz zu sehen, selbst Spuren nachzugehen.

Wer mit Sauer spaziert, dem wird bewusst, was er im Alltag an historischen Spuren übersehen hat. „Wir haben alle verlernt, genau hinzusehen.“ Aber erst dadurch, dass der Historiker den Kontext von einst mitliefert – fundiert und gleichzeitig geistreich –, werden die afrikanischen Spuren so richtig spannend. Da macht es gar nichts, dass manche „Funde“ mit freiem Auge schwer bis gar nicht zu erkennen sind. Wie die afrikanische Figur in der Deutschordenskirche in der Singerstraße in Wien, die wegen des spärlichen Lichts in der Kirche und der Entfernung zum großräumig abgesperrten Altarbereich in der Dunkelheit verschwindet. Selbst auf dem Foto des Altars, das Sauer vorsorglich für den Rundgang mitgebracht hat, erkennen nur manche TeilnehmerInnen etwas. Andere runzeln nur die Stirn. Egal, es gibt ja Sauer: Laut dem Historiker handelt es sich bei der Figur um eine Darstellung aus dem 16. Jahrhundert, die einen Afrikaner als Zeugen des Todes Christi porträtiert. Damals hieß das so viel wie: Afrika gehört zu „uns“.

Anhand solcher Beispiele zeigt Sauer, dass das Bild Afrikas in der Zeit vor dem Kolonialismus mitunter sehr positiv war, wenn auch meist klischeehaft. Afrika wurde mit Handel oder mit Menschen, die Heilkräfte besitzen, in Verbindung gebracht. „Afrika machte was her damals“, betont Sauer.

Heute sei das anders. Dass Boulevardmedien hier lebende AfrikanerInnen oft pauschalisieren und schnell das Vorurteil Drogendealer oder Prostituierte fällen, sieht Sauer als Problem. Er nimmt neben der Zivilgesellschaft vor allem die politischen EntscheidungsträgerInnen in die Pflicht, Afrika und AfrikanerInnen in der Öffentlichkeit anders zu positionieren. Mit Maßnahmen wie der Benennung von Straßen oder Plätzen nach afrikanischen Persönlichkeiten könne ein Zeichen gesetzt werden. Für Sauer ist es daher unverständlich, dass die Idee eines Nelson-Mandela-Platzes bisher von der Stadt Wien nicht aufgegriffen wurde.

Von der entwicklungspolitischen Szene fordert er mehr Geschichtsbewusstsein: „Um Entwicklungszusammenarbeit zu verstehen, muss ich die Kolonialzeit, inklusive der Entkolonialisierung, zumindest ein Stück weit begreifen“, so Sauer. „Beschäftigt euch mit Ge­schichte!“ 

www.sadocc.at
www.wienmuseum.at

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