Vom Kolonialbeamten zum Entwicklungshelfer

Dass der europäische Kolonialismus Afrika Zerstörung und Ausbeutung brachte, ist heute weitgehend bekannt. Weniger bewusst ist, dass im Kolonialismus auch eine Wurzel dessen liegt, was wir heute „entwicklungspolitisches Engagement“ nennen, meint Martina Kopf.

Vor 125 Jahren, in den Jahren 1884/1885, verhandelten Europas Großmächte in Berlin über die Aufteilung Afrikas. Die Berliner Afrika-Konferenz ging als Schlüsselereignis der kolonialen Eroberung Afrikas in die Geschichte ein: Sie sollte ein Motor werden für die weitere militärische Unterwerfung, für die Zerstörung von politischen und sozialen Strukturen, für die Ausbeutung von Rohstoffen und eine Kolonialpolitik, die Afrikas Wirtschaft ganz auf die Bedürfnisse Europas hin ausrichtete. Kann die Afrika-Konferenz aber auch als Beginn einer europäischen "Entwicklungspolitik" gegenüber Afrika gelten?

Genau dieser "ketzerische" Gedanke ist im letzten INKOTA-Rundbrief des deutschen Netzwerks von entwicklungspolitischen Basisgruppen, Weltläden und Kirchgemeinden ausgesprochen. Schließlich hält die General-Akte von 1885 auch den erklärten Willen der unterzeichnenden Staaten fest, "auf Mittel zur Hebung der sittlichen und materiellen Wohlfahrt" afrikanischer Menschen bedacht zu sein. Und falls wir den Beginn moderner Entwicklungspolitik damit ansetzen, was bedeutet das für EuropäerInnen heute, die Kolonialismus ablehnen und sich für Bildung, Armutsbekämpfung, faire Wirtschaftsstrukturen, eben für eine gerechte Entwicklung in Afrika einsetzen?

Tatsächlich ist vielen, die sich heute entwicklungspolitisch engagieren, kaum bewusst, wie sehr ihr Engagement selbst ein Kind eben jener so nahen historischen Epoche ist, die sie doch aus ganzem Herzen ablehnen und zu überwinden suchen. Auf den Ausbeutungskolonialismus des 19. Jahrhunderts folgte in Europa relativ bald die Einsicht, dass aus den Kolonien mehr herauszuholen sei, wenn Infrastruktur und Wirtschaft dort gestärkt und ausgebaut - eben: entwickelt werden. Die "Entwicklung" Afrikas ist eine Idee, die in Frankreich und Großbritannien nach dem Ersten Weltkrieg an Stärke gewinnt. In Frankreich ist es die "mise en valeur", die "Erschließung" der Kolonien, die vom Kolonialministerium in Paris bis zum Auswanderer in Senegal die Gemüter beschäftigt.

Das Problem dabei: Weder ist die französische Regierung bereit, öffentliche Gelder in den wirtschaftlichen Ausbau der Kolonien zu investieren, noch interessiert sich der Durchschnittsfranzose oder die Durchschnittsfranzösin besonders dafür, was in Westafrika oder Indochina passiert. Die "KolonialistInnen" - jene, die in Paris und Frankreich Propaganda für die koloniale Sache machen - verstehen sich nicht zuletzt als eine gesellschaftliche Avantgarde, die ihre Landsleute für das koloniale Projekt begeistern will.

Wie ähnlich der Geist, der sie bewegt, dem ist, den wir auch heute in der "Szene" finden, wird beim Lesen von Kolonialzeitschriften aus den 1920ern und 1930ern verblüffend deutlich. Wir treffen dort auf Überzeugungen, Absichten und eine Rhetorik, die frappant vertraut sind. Auch das Südwind-Magazin kann in der kolonialen Presse auf Ahnensuche gehen, wie zum Beispiel in der Monatszeitschrift "Le Monde Colonial Illustré", einem der populärsten Kolonialmagazine Frankreichs jener Zeit.

Da finden sich Reisereportagen, Berichte über ein neues Projekt landwirtschaftlicher Schulen im heutigen Côte d'Ivoire, eine Nachricht von der Einweihung eines Wohnheims für asiatische Studierende in Paris, regelmäßige Informationsbeiträge über die Geschichte, die Herkunft und den Anbau von Produkten wie Baumwolle, Kakao oder Kautschuk sowie Appelle an die Regierung, die Kolonien finanziell zu unterstützen. Und in allem das Bemühen, in der europäischen Durchschnittsbürgerin und dem Durchschnittsbürger Interesse für die Geographie, für Kulturen und Geschichte des afrikanischen oder asiatischen Kontinents zu wecken und exotistische Klischees auszuräumen. Freilich, der Rassismus, der aus den Beiträgen spricht, die Überzeugtheit von der eigenen Überlegenheit und vom Recht und der Pflicht, die "zurückgebliebenen" Völker zu dominieren, sind haarsträubend. Umso irritierender sollte es sein, dass sich das eine so gut mit dem anderen verträgt.

Was tun mit diesem Wissen? Damals wie heute wird "Entwicklung" von Regierungen, von Finanzinstitutionen, von Konzernen instrumentalisiert und zur Durchsetzung ganz anderer Wirtschafts- und Machtinteressen missbraucht. Insofern ist es richtig, wie es im INKOTA-Rundbrief geschieht, den Zynismus zu unterstreichen, der in einer Absichtserklärung wie jener der Berliner Afrika-Konferenz liegt.

Unsere Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte von Entwicklung sollte aber darüber hinausgehen, sie pauschal als Zynismus zu verwerfen oder als Quelle von Scham zu umgehen. In ihr fanden sich - wie in der Entwicklungszusammenarbeit heute - Menschen, Organisationen und Institutionen mit unterschiedlichsten Wünschen, Motivationen und Zielen. Was damals einsetzte, ist eine bis heute anhaltende Arbeitsmigration aus Europa nach Afrika, die nicht als solche deklariert wird. "Experten", Lehrer, Ingenieure, medizinisches Personal, Beamte - Männer und Frauen -, die die Kolonialisierung nutzten, um in Afrika Erfahrung und Praxis zu sammeln, aus Europa hinauszukommen, andere Kulturen kennenzulernen, ihr persönliches Abenteuer zu finden. Und mehr oder weniger daran glaubten, den Menschen dort mit ihrem Tun Fortschritt und eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bringen zu können.

Mit anderen Worten: Der Kolonialbeamte von gestern ist ein direkter Vorgänger des Entwicklungshelfers auf Auslandseinsatz heute. Dass sie so unsensibel dafür sein konnten, was wir heute als grundlegenden Widerspruch erkennen - nämlich Entwicklung in einem System kolonialer Herrschaft durchsetzen zu wollen -, sollte uns sensibel machen für die Widersprüche von heute.

Martina Kopf ist Afrikawissenschaftlerin und ehemalige Südwind-Redakteurin. Sie arbeitet in einem Forschungsprojekt über koloniale Konzepte von Entwicklung in Afrika (www.univie.ac.at/colonial-development).

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