Vom Opfer zum Vorbild

Die Nepalesin Daphu Sunar war einst selbst von häuslicher Gewalt betroffen. Heute klärt sie Frauen über ihre Rechte auf.

Von Cara Heydt und Alina Dietenberger

© Josip Jukic-Sunaric

Daphu Sunar lebt in Simikot, einem kleinen Dorf auf fast 3.000 Höhenmetern im entlegenen Nordwesten Nepals mitten im Himalaya-Gebirge. Bei monatelangen Minusgraden ist die 24-Jährige meist in bunt gemusterte Wolldecken gehüllt, in ihrem Gesicht glänzt neben einem strahlenden Lächeln ein goldenes Septum – das Erkennungsmerkmal für verheiratete Frauen. Sunar trägt es, seitdem sie 15 Jahre alt ist. Als Analphabetin und Angehörige der Dalit („Unberührbare“) schien ihr Weg vorbestimmt. „Ich wurde zwangsverheiratet und musste deswegen die Schule abbrechen”, erzählt sie.

Viele Frauen ihrer Kaste sind Opfer häuslicher Gewalt – oftmals nicht zuletzt in Folge des Alkoholmissbrauchs ihrer Männer. Auch Sunar war betroffen. Doch die junge Frau nahm ihr Schicksal selbst in die Hand.

Sie kam mit der österreichischen Non-Profit-Organisation Nepal Trust Austria in Kontakt, die in Simikot das Projekt „Mahila Avaz – Women's Voice“ durchführt. 2018 wurde ein Frauenhaus errichtet, das Schutz bieten soll. Im Rahmen der Projektentwicklung brachte Sunar Vorschläge ein, etwa rund um den Bau des Frauenhauses oder die Idee für Hilfsgruppen für Männer. Ihr selbstbestimmtes Leben begann.

Heute ist Sunar ein starkes Vorbild für junge Mädchen und Frauen ihrer Kaste. Sie ist eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen des Entwicklungsprojektes, hilft von häuslicher Gewalt Betroffenen, unterstützt die SozialarbeiterInnen, teilt ihr Wissen im Radio und hilft nebenbei bei landwirtschaftlichen Trainings, die den Frauen ein eigenes Einkommen und somit Ansehen im Dorf ermöglichen.

Menstruation enttabuisieren. Nachdem sie das NGO-Team jahrelang tatkräftig unterstützte, wollte Sunar selbst Verantwortung übernehmen und leitet nun schon seit zwei Jahren eine Gruppe für Menstruationshygiene. „Ich habe meine erste Monatsblutung bekommen, als ich schon im Haus meines Mannes gewohnt habe. Ich habe nicht gewusst, was passiert und was ich tun soll“, erinnert sie sich.

Damit andere junge Mädchen das Erwachsenwerden positiv erleben können, klärt sie diese über ihren Körper auf und zeigt, wie wichtig es ist, sich in dieser Zeit zu waschen und an einem sicheren Ort zu schlafen. Denn nach der hinduistischen Chhaupadi-Tradition gelten Frauen während ihrer Menstruation und nach einer Geburt als unrein und werden von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Trotz gesetzlichen Verbotes wird diese Tradition vor allem in den ländlichen Regionen weiterhin praktiziert. Die Frauen müssen während ihrer Monatsblutung unter freiem Himmel, in Ställen oder Höhlen übernachten – oftmals in Kälte. Übergriffen sind sie schutzlos ausgeliefert.

Deshalb werden im Rahmen des Projektes gemeinsam Binden aus alten Stoffen genäht – ein erster wichtiger Schritt, um während der Periode zu Hause bleiben zu dürfen.

„Wir teilen aber nicht nur Wissen. Wir teilen Gefühle und Erfahrungen”, betont Sunar. Und sie will noch mehr: In Zukunft möchte sie erreichen, dass die Chhaupadi-Tradition in der gesamten Region nicht mehr praktiziert wird, Frauen finanziell auf eigenen Beinen stehen können und es nicht mehr zu geschlechterbasierter Gewalt kommt. „Die Gesellschaft respektiert mich. Die Menschen hören auf meine Meinung und ich habe jetzt das Selbstvertrauen, diese zu äußern”, sagt Sunar.

Cara Heydt und Alina Dietenberger leben in Kopenhagen und Wien, schreiben als freie Journalistinnen für verschiedene Medien und engagieren sich im Projekt „Mahila Avaz – Women's Voice“.

Mehr über die Initiative, Daphu Sunar und die Chhaupadi Tradition unter: womens-voice.at

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