Vom Recht auf Unfreiheit

Von Irmgard Kirchner
Vor vielen Jahren habe ich meine Tante L. nach ihrer Lungenkrebs-Operation im Spital besucht. L. konnte noch nicht sprechen. Sie hauchte mir den Wunsch ins Ohr, sie in ihrem Bett auf die Terrasse zu schieben. Um eine ihrer geliebten Golden Smart zu rauchen. Ich habe Tante L. für ihre trotzige Unbeugsamkeit, für ihre kindliche Unvernunft, im Geheimen bewundert.
In den USA ist die Zahl der RaucherInnen in den letzten drei Jahrzehnten um fast die Hälfte gesunken. Wer in den USA raucht, gelte als „unappetitlicher Prolet und charakterschwache Verliererfigur“, schreiben die Autoren eines kürzlich erschienen Buches über die Machenschaften der Tabakkonzerne (siehe Rezensionen Seite 38). Es sind Aussagen wie diese, die meine Einstellung zum Rauchen zwiespältig machen; die meinen Widerspruch herausfordern und mich, eine vor Jahren unter großen Mühen Entwöhnte, zur Verteidigung des Rechtes auf Selbstschädigung provozieren. Denn mir ist es nicht egal, mit welchen Argumenten gegen das Übel „Rauchen“ polemisiert wird.

Die folgenden Thema-Seiten, die wir von unserer Partnerzeitschrift New Internationalist übernommen haben, gehen die Thematik aus der Südperspektive an: Im Süden wird der Nachwuchs an RaucherInnen rekrutiert, die in der industrialisierten Welt langsam im wahrsten Wortsinn aussterben. Im Süden wird mit billiger Arbeitskraft der Großteil des Tabaks für die Welt angebaut. Im Süden werden die Wälder für die Tabak-Röstung abgeholzt. Die großen internationalen Tabakkonzerne verdienen sich eine goldene Nase. Dabei ist Tabak ein derart gefährliches Produkt, dass bei heutiger Rechtslage eine Marktzulassung nicht möglich wäre.
Bei allem Respekt für die persönliche Freiheit (u. a. sich in die Unfreiheit der Sucht zu begeben) – sind die Forderungen der TabakgegnerInnen vollinhaltlich zu unterstützen:
- vollständiges Werbeverbot für Tabak
- Einschränkung/Verbot des Rauchens in öffentlich genutzten Räumen und Plätzen
- Gesundheitserziehung
- hohe Besteuerung von Tabak
- Unterstützung bei der Entwöhnung.
Vielleicht hätte zumindest die letzte Maßnahme das Leben meiner Tante L. gerettet.

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