Vom Reisfeld in die Nachtbar

Auf den Philippinen haben über 100 Jahre Unabhängigkeit kaum etwas an den feudalen Strukturen geändert. Die Politik wird nach wie vor von schwerreichen Grundbesitzerfamilien beherrscht. Eine Reportage aus Mindanao von SÜDWIND-Mitarbeiter Ralf Leonhard.

Von Ralf Leonhard
Im schummrigen Licht vor einem riesigen Spiegel, dessen Sprünge mit breitem Klebstreifen zusammengehalten werden, windet sich eine knapp bekleidete Tänzerin im Rhythmus der viel zu lauten Musik. Der einsame Ventilator an der Decke bringt unzureichend Luft in die schwüle Atmosphäre. Die Honey Bee Bar ist ein zweitklassiges Etablissement in Davao, der Metropole der philippinischen Insel Mindanao mit knapp über einer Million EinwohnerInnen. 18 Mädchen und junge Frauen treten hier Nacht für Nacht zum Überlebenskampf an. Sie bekommen umgerechnet zweieinhalb Euro für ihre drei Auftritte. Wenn sie nackt unter der Dusche tanzen, etwas mehr.
Gelingt es ihnen anschließend, von einem Gast auf einen Lady’s Drink eingeladen zu werden, einen süßen, alkoholfreien Punsch, gibt es einen Euro Provision. Aber nur, wenn sie einem Kunden in ein Hinterzimmer folgen, kommen sie auf ihre Rechnung. Die meist in katholischer Prüderie aufgezogenen Mädchen verrichten die Arbeit mit großem Widerwillen. Manche müssen sich mit Drogen voll pumpen, um sich vor Fremden halbnackt auf der Bühne zu exponieren.
Die 19-jährige Sheila hat keinen größeren Wunsch, als einen ehrlichen Job in einem sauberen Geschäft zu verrichten. Verkäuferin wäre sie gerne. Am besten in irgendeinem Modegeschäft. Dann müsste sie auch ihre Mutter, die mit drei jüngeren Geschwistern in einer Kleinstadt lebt, nicht länger anlügen. Sie ist noch neu in dem Geschäft, wirkt unverbraucht und unschuldig. Noch verweigert sie den Sex mit den Klienten. Doch die meisten Mädchen geben früher oder später nach. Oder sie werden dazu gezwungen.

Vor Gericht haben sie in so einem Fall schlechte Karten. Denn Prostitution ist in den Philippinen illegal, obwohl allein in Davao rund 2.000 Frauen als Sexarbeiterinnen registriert sind; die Dunkelziffer dürfte das Dreifache betragen. Landesweit wird ihre Zahl auf 700.000 geschätzt. Richter zeigen selten Verständnis, weiß Janet Laurel von der Organisation „Talikala“, einer der wenigen Institutionen, die sich um Straßenmädchen und Tänzerinnen kümmert: mit Hygieneerziehung, Rechtsberatung und Ausstiegshilfe. Ein Teil ihres Budgets wird von den Sternsingern in Österreich aufgebracht und über die Dreikönigsaktion kanalisiert.
Es gebe wenige Fälle, in denen die Frauen mutig genug waren, wegen der Misshandlungen bei der Polizei Anzeige zu erstatten. „Das Justizwesen schreckt sie ab, vor Gericht zu gehen“, weiß die Leiterin der Hilfsorganisation. „Die meisten Richter sind voreingenommen gegenüber Prostituierten. Sie erkennen nicht, dass ein System dahinter steckt und machen automatisch die Frauen verantwortlich.“
In den dunklen Straßen um das Hafenviertel wartet Mama Nini, mit 60 Jahren die älteste Sexarbeiterin der Stadt, auf Kunden. Aber auch Kinder, kaum zwölf oder dreizehn Jahre alt, haben nichts anderes als ihren Körper zu verkaufen. Die Mädchen, die meisten vom Land, wo der Vater in prekären Verhältnissen das Lebensnotwendigste anbaut, haben kaum echte Alternativen.

Die Prostitution hat, wie die meisten sozialen Probleme der Philippinen, letzten Endes mit der ungleichen Landverteilung zu tun, die 377 Jahre spanischer Kolonialherrschaft hinterlassen und ein halbes Jahrhundert unter der Kontrolle der USA nicht korrigiert haben. Die meisten KleinbäuerInnen arbeiten auf fremdem Grund und müssen überhöhte Pacht zahlen. Staatliche Unterstützung gibt es nur für den großflächigen Anbau von Monokulturen.
Schließlich wird die Politik von schwerreichen Familien beherrscht, die ihr Vermögen mit Plantagenwirtschaft gemacht haben. Daran hat sich auch fast 20 Jahre nach dem Sturz von Diktator Ferdinand Marcos nichts geändert. Der Sohn des Diktators, Ferdinand Jr., genannt Bong-Bong, ist Gouverneur seiner Heimatprovinz Ilocos, die älteste Tochter, Imee, Kongressabgeordnete. Das sind Posten, die es erlauben, ungestraft in die eigene Tasche zu wirtschaften. Selbst die vielgepriesene Präsidentin Corazon Aquino, die nach 1986 die formelle Demokratie wiederherstellte, wusste ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu pflegen. Und auch Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo und ihr Mann Miguel, der „First Gentleman“, sind in undurchsichtige Finanzgeschichten verstrickt.
Frau Macapagal, die vor drei Jahren den abgesetzten Joseph Estrada ersetzte, will sich bei den Wahlen am 10. Mai in ihrem Amt bestätigen lassen. Ob das gelingt, ist offen. Denn ihre Bilanz ist bescheiden und der von der Opposition aufgestellte Schauspieler Fernando Poe hat trotz geringer Erfahrung gute Umfragewerte.

Bauernführer Jaime Tadeo macht sich keine Hoffnungen, dass die Landreform, vor 15 Jahren von Corazon Aquino eingeleitet, endlich konsequent umgesetzt wird. Bisher wurden nämlich die großen Plantagen, die Latifundien der reichen Familien und transnationalen Unternehmen, nicht angetastet. Den BäuerInnen aber fehlt die notwendige Unterstützung durch günstige Kredite und technische Beratung. Viele haben ihre Parzelle schon wieder verloren.
Auf Mindanao, der mit 104.000 km2 zweitgrößten Insel, die im Süden des mehr als 7.000 Inseln umfassenden Archipels liegt, potenzieren sich die Probleme. Denn hier treffen die Interessen von SiedlerInnen und transnationalen Konzernen auf ältere Rechte von muslimischen und indigenen Gemeinschaften. Die UreinwohnerInnen, in Mindanao Lumads genannt, konnten zwar im Prinzip die Anerkennung ihrer traditionellen Siedlungsgebiete durchsetzen. Doch das gilt nur so lange, als diese Ansprüche keinen übergeordneten wirtschaftlichen Interessen widersprechen.

Diese Erfahrung musste die Dorfgemeinschaft von Bacungan vom Volk der B'laan machen. Ihre Reisfelder liegen im flachen Süden der Insel. Das Dorf besteht aus einfachen Bambus- oder Holzhäusern, die auf dem gestampften Boden errichtet wurden. Vor einem Haus wird gerade ein Schwein geschlachtet. Der Dorfälteste Máximo Zambong, in dessen Mund nur mehr ein Vorderzahn steht, erzählt vom 1995 erlassenen Gesetz, das es den Bergbaugesellschaften ermöglicht, auf indigenes Land vorzudringen. Die Western Mining Company aus Australien sei plötzlich aufgetaucht: „Unter unserer Erde liegen nämlich Goldvorkommen.“ Die Armee schickte zwei Infanteriebataillons, um den Goldabbau abzusichern. Máximo Zambong: „Wir fürchten um unser Trinkwasser, weil der Bergbau das Wasser durch Quecksilber und Zyanid verseucht. Wenn es kein Wasser gibt, ist auch unsere Landwirtschaft gefährdet.“
Die B’laan sind mit 40.000 Familien die größte indigene Minderheit auf Mindanao. Ihr Widerstand gegen das Vordringen der Bergbaugesellschaften auf ihr Gebiet führte Ende der Neunziger Jahre zu einem regelrechten Krieg, in den sich auch die kommunistische Widerstandsbewegung National People’s Army einschaltete. Die Stammesrebellen brannten das Gerät der Minengesellschaft nieder und töteten zwei Angestellte des australischen Unternehmens. Daraufhin zog der Konzern ab.
Aber die Vergeltung der Armee richtete sich gegen die Bauern, die der Mitgliedschaft in der Rebellenorganisation beschuldigt wurden. Ähnlich ergeht es der muslimischen Minderheit. Sie wird pauschal verdächtigt, mit den islamischen Widerstandsorganisationen gemeinsame Sache zu machen. Seit US-Präsident Bush den Krieg gegen den Terror ausgerufen hat, werden auch auf den Philippinen Verbindungsleute von Usama bin Laden gesucht.

Für die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ist der Reis nicht einfach ein Grundnahrungsmittel, er ist ein Symbol des Lebens. Das, was die VerfechterInnen des schrankenlosen Freihandels Modernisierung nennen, nämlich die Umstellung auf Exportprodukte, die vermehrten Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden erfordern, ist für sie mehr als eine technologische Frage. Es geht um Kultur und Identität. Die meisten arbeiten außerdem auf fremdem Grund. Der Pachtvertrag kann jederzeit ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. An die gesetzliche Regelung, dass nicht mehr als 20 Prozent der Ernte abzuführen sind, halten sich die wenigsten GrundeigentümerInnen. Sie verlangen die Hälfte oder sogar noch mehr. Produktionskosten wie Saatgut, Düngemittel und Pflanzenschutz müssen von den BäuerInnen aus den mageren Gewinnen getragen werden.
Landwirtschaftsminister Luis Lorenzo, der selbst 6.000 Hektar Bananenplantagen auf Mindanao sein Eigen nennt, betreibt mit großer Verve die Ausweitung der Monokulturen. Nachdem die Kleinproduktion nicht gefördert wird, verschulden sich die ReisbäuerInnen bei den HändlerInnen.
Diese kassieren unglaubliche zehn Prozent Zinsen monatlich, mit dem Effekt, dass die BäuerInnen immer mehr für die HändlerInnen arbeiten. Es sind dieselben, die auch die Ernte aufkaufen. Sie können den Preis nach Belieben drücken, weil aus Taiwan, Vietnam und Japan billiger, teils subventionierter Reis den Markt überschwemmt. Zur Erntezeit zahlen sie besonders schlecht. Wenn dann jemand krank wird oder sonst ein Unglücksfall eintritt, kommt die Familie aus der Schuldenfalle nicht mehr heraus.

Der Autor lebt und arbeitet als freiberuflicher Journalist in Wien und bereiste kürzlich die Philippinen.

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