Vom Roten Meer an den Donaukanal

Eritrea errang vor zwanzig Jahren die Unabhängigkeit. Viele Eritreerinnen und Eritreer sind stolz auf ihr Land und mussten doch fliehen. Besuch bei einem besonderen Fest in Wien.

Von Richard Solder
Gere Teklay (links) hält die Leute am Tanzen. Er ist der Sänger des Abends. Zur Feier sind die unterschiedlichsten Leute gekommen.

Zu Beginn ist die Tanzfläche leer. Die meisten Festgäste sitzen auf den Stühlen an den Tischen, die um die Tanzfläche angeordnet sind. Nach und nach stehen immer mehr auf und lassen sich vom Rhythmus der Tigrinya-Musik mitreißen. Die Songs dauern  oft 15 oder 20 Minuten. Bald hat man das Gefühl, der ganze Saal ist am Tanzen. Es bildet sich ein Kreis. Zum stetig aus den Lautsprechern klopfenden Beat machen die Tanzenden einen Schritt nach dem anderen und tanzen dem Vordermann oder der Vorderfrau hinterher. Der Partyzug kommt in Fahrt und dreht unaufhörlich seine Runden.

Es ist eritreischer Unabhängigkeitstag im Adolf-Schärf-Studentenheim im 20. Wiener Gemeindebezirk, unweit des Donaukanals. Jedes Jahr organisiert die eritreische Community in Wien aus Anlass der Abspaltung des Staates Eritrea von Äthiopien am 24. Mai 1993 einen Fest-Abend. Dieses Jahr wollten die Mitglieder besonders ausgiebig feiern, immerhin wird ihr Heimatland 20 Jahre jung. Es gibt Gemüse und Fleisch auf Injera-Fladenbrot. Neben Softdrinks, Bier und Schnaps wird den ganzen Abend über Kaffee serviert, nach einer traditionellen Zeremonie versteht sich. Familien sind mit ihrem Nachwuchs gekommen, es ist ein Abend für Jung und Alt.

Die Eritreerinnen und Eri­treer in Österreich sind eine überschaubare Gruppe. Laut Statistik Austria waren im Vorjahr 76 Staatsangehörige hierzulande gemeldet, zudem gaben 106 Personen den kleinen ostafrikanischen Staat als ihr Geburtsland an. Sie wohnen vor allem in Wien und Oberösterreich.

Die organisierte eritreische Gemeinschaft in Österreich nennt sich einfach „eritreische Community“ und hat laut eigenen Angaben keinen politischen Auftrag. Die aktiven Mitglieder treffen sich einmal im Monat, um zu plaudern und sich gegenseitig zu unterstützen.

Viele Eritreerinnen und Eri­treer sind innerlich gespalten: Obwohl sie ihrem Land den Rücken kehren mussten, haben sie eine enge Verbindung zur Heimat. „Sie sind stolz auf Eritrea“, sagt Michael Zach, Afrikanist an der Universität Wien. „Das Land ging durch einen 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg, das schweißt zusammen.“ Präsident Isayas Afewerki hatte lange viele Sympathien in der Bevölkerung. Mit ihm ging Eritrea in die Unabhängigkeit.

Die Unterstützung für ihn schwindet bei den Menschen laut Wissenschaftler Zach seit geraumer Zeit aber dramatisch. Afewerki hätte im richtigen Moment abtreten und einen Übergang zu einer zivilen Regierung ermöglichen sollen. Stattdessen ist er seit 1993 im Amt. Seine Partei, die Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit (PFDJ), regiert das Land in einem Einparteiensystem. Wahlen gibt es keine.

Und nicht nur das: Folter, willkürliche Inhaftierungen, starke Einschränkungen der Meinungs- und Religionsfreiheit etc., die Liste an Vorwürfen von Menschenrechts-NGOs wie Human Rights Watch an die Regierung von Afewerki ist lang. In der Weltrangliste der Pressefreiheit 2012 von Reporter ohne Grenzen liegt das Land am Roten Meer auf dem letzten Platz, hinter Nordkorea.

4.000 Menschen fliehen jeden Monat aus Eritrea, schätzt Sheila Keetharuth, die Eritrea-Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen. Und das trotz der Todesschuss-Politik, die Eritrea an den Grenzen verfolge. Riskante illegale Grenzüberquerungen, Militärs, die bestochen werden müssen – allein die Ausreise ist gefährlich und ein Glückspiel.

Der Dienst im Militär ist einer der Hauptgründe, warum viele das Land am Horn von Afrika verlassen. Einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung zufolge schätzen BeobachterInnen die Zahl der Wehrpflichtigen im Land auf 400.000 bis 500.000. Eritreas Bevölkerungszahl liegt bei geschätzten 5,4 Millionen Menschen.

Der Wehrdienst ist zwar auf dem Papier befristet, wird allerdings routinemäßig verlängert. Aufgrund von Grenzkonflikten, allen voran mit Äthiopien, ist das Heer in Eritrea ständig mobilisiert. „Es gibt kein Nachbarland, mit dem sich Eritrea noch nicht angelegt hat“, so Afrikanist Zach. In einem Punkt zeigt er ein Stück weit Verständnis für die Militarisierung des kleinen Landes: „Auch Äthiopien ist hochgerüstet“ und sei der ungleich mächtigere Staat, gibt Zach zu Bedenken. Trotzdem, die Gründe für die Erhaltung des riesigen Heeres und der Provokationen von Nachbarstaaten sind für den Wissenschaftler in erster Linie innenpolitisch: „Da ist viel Kalkül dabei, es geht um den Macht­erhalt der alten Riege um Afewerki.“

Die Opposition im In- wie im Ausland schätzt er als zu schwach und desorganisiert ein, um ein Gegengewicht gegenüber der Regierung von Afewerki bilden zu können. Müssen Eritreerinnen und Eritreer in Österreich aufpassen, was sie vor Landsleuten sagen? Könnte eine öffentliche Kritik an Afewerki zu Repressalien gegen Familienangehörige führen, die noch in Eritrea leben? „Über 90 Prozent der Menschen, die in Österreich gelandet sind, sind aus politischen Gründen hier. Die Leute, die Kontakt zur eritreischen Regierung haben, wissen das“, erläutert ein Mitglied der Community. Man müsse sich gegenseitig nichts vormachen. Die Gemeinschaft in Österreich sei zudem überschaubar, „familiär“. Jeder wisse, wie der andere denke. In Deutschland und der Schweiz leben jeweils über 20.000 Eritreerinnen und Eritreer. Die Communitys wären dort viel stärker politisiert. In Städten wie Frankfurt kommt es etwa manchmal zu Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen politischen Gruppierungen.

Internationale Medien berichten immer wieder, dass Eritrea unter Exilantinnen und Exilanten eine zweiprozentige Steuer einholt. „Ja, die gibt es auch hier. Aber ich zahle sie nicht. Ich kenne viele, die sie nicht zahlen“, erklärt unser Insider. Er habe dadurch gewisse Nachteile, er darf etwa nicht in sein Heimatland einreisen. Der Staat würde deswegen keinen Druck auf Angehörige vor Ort ausüben, zumindest derzeit nicht.

Eritrea ist ein Vielvölkerstaat. Die Bevölkerung teilt sich vor allem auf neun größere Volksgruppen auf. Die zwei größten sind die äthiopisch-orthodox geprägten Tigrinya und die Tigre, die sich mehrheitlich zum sunnitischen Islam bekennen. Neben den drei Amtssprachen Tigrinya, Arabisch und Englisch existieren noch weitere gesetzlich anerkannte Sprachen wie Kunama oder Afa.

Auch auf dem Fest zum Unabhängigkeitstag in Wien spiegelt sich der multikulturelle Charakter der Bevölkerung wider: Die Menschen wechseln die Sprachen, wenn sie von einem Tisch zum anderen gehen. Die Band spielt Musik verschiedener Volksgruppen. Durch unterschiedliche Moden kommt Farbe ins Adolf-Schärf-Heim: Manche tragen traditionelle Tigrinya- und Tigre-Kleidung, die eher weit sind und viel abdecken. Gekommen sind zudem Frauen in Stöckelschuhen und kurzen Abendkleidern und junge Männer in Hip Hop-Montur, inklusive Baseballmütze, tief hängenden Hosen und Sneakers.

Bis heute bestehen auf Regierungsebene viele Spannungen zwischen Eritrea und Äthiopien. Auf der zwischenmenschlichen Ebene ist davon zumindest hier wenig zu spüren. So laden die Organisatorinnen und Organisatoren ebenso äthiopische Gäste ein: „Das Fest soll für alle offen sein. Wichtig ist uns nur, dass wir darüber selbst bestimmen, wen wir einladen. Immerhin ist es unsere Feier“, sagt Gebregzabiher „Gere“ Teklay und grinst. Gere hat eine heisere Stimme. Der 28-Jährige, der sehr aktiv in der Community ist, vertritt den Sänger, der kurzfristig absagen musste. Seit Stunden gibt Gere auf der Bühne vollen Einsatz.

Auch viele Spieler des Fußballvereines Abyssinia FC sind zum Fest gekommen. Zum äthiopischen Verein gehören auch Gere sowie ein weiterer Eritreer. Auf Hobbyturnieren spielen sie in einem Team, hier lachen und tanzen sie zusammen. Wichtig beim Tanzen: der Einsatz der Schultern. Ist bei Tanzstilen oft die Fuß- oder Hüfttechnik das Um und Auf, liegt bei einigen Tänzen in Eritrea und Äthiopien viel Bedeutung auf dem Oberkörper: rauf und runter, vor und zurück zucken die Schultern rhythmisch zur Musik.

Anzeichen für eine Verbesserung der Situation in Eritrea gibt derzeit keine. Redet man mit Eri­tree­rin­nen und Eritreer in Wien, gehen viele davon aus, mittelfristig nicht zurückzukehren. Da hoffen sie eher, dass in der Heimat lebende Familienmitglieder den langen und gefährlichen Weg nach Europa finden. An diesem Abend will sich aber niemand über die Flucht von Angehörigen Gedanken machen. Jetzt ist für Sorgen kein Platz, denn heute ist der Unabhängigkeitstag.

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