Vom Sehen zum Handeln

Das Netzwerk schwarzer Frauen aus Lateinamerika und der Karibik baut eine Aktionsstrategie gegen ökonomische und kulturelle Unterdrückung und Benachteiligung auf. Die zunehmende Verschlechterung der Lebensbedingungen hat den Überlebenskampf für die Familie allerdings wieder in den Vordergrund gerückt. Die Vernetzung mit anderen betroffenen Frauen ist dabei ins Hintertreffen geraten.

Von Nacha Mina
Das Jahr 1992, das Gedenkjahr der ?Entdeckung? eines neuen Kontinents mit den so verhängnisvollen Folgen für die UreinwohnerInnen, markierte nicht nur den Aufbruch einer indianischen Bewegung der Selbstfindung und des Widerstands. Im selben Jahr fand auch das erste ?Treffen schwarzer Frauen aus Lateinamerika und der Karibik? statt, an dem Delegierte aus 33 Ländern teilnahmen. Sie sind die Nachkommen jener Menschen, die ab dem 16. Jahrhundert wie Nutztiere aus Afrika in die ?Neue Welt? verschifft wurden. Die Opfer dieses Sklavenhandels werden von manchen WissenschaftlerInnen auf 200 Millionen AfrikanerInnen geschätzt.

Dieser Kongress diente dem gegenseitigen Kennenlernen, der Diskussion und dem Erfahrungsaustausch. Dabei zeigte sich eine gemeinsame Erfahrung von Diskriminierung, Menschenrechtsverletzungen, Armut und kultureller Unterordnung. Dieser systematische Ausschluss schwarzer Frauen verlangte nach einer Gegenstrategie, und die versuchte man auf dem Weg eines kontinentalen Zusammenschlusses zur Suche gemeinsamer Lösungen zu erreichen.

Kolumbus setzte zuerst seinen Fuß auf die Insel Hispaniola, wo 300 Jahre später, nach einem Befreiungskampf gegen die französischen Kolonialherren, die schwarzen Sklaven die Republik Haiti ausriefen. Im spanisch dominierten Teil der Insel entstand die Dominikanische Republik. Dort fand das oben erwähnte Treffen statt, und in der Hauptstadt Santo Domingo etablierte sich auch das Koordinationsbüro der neuen Bewegung. Nach dem zweiten Treffen in Costa Rica übersiedelte es dorthin, wo es sich auch heute noch befindet. Vorsitzende ist Epsy Campbell von der Bewegung afrocostaricanischer Frauen.

Ziel dieses Netzwerkes schwarzer Frauen ist es, in jeder der Mitgliedsorganisationen einen politischen Prozess zu initiieren, der sie stärkt und befähigt, die Lebensqualität der Frauen afrikanischer Herkunft zu verbessern. Es will einen Artikulationsraum für die Bewegungen schwarzer Frauen bieten und eine Bühne für Gedanken- und Erfahrungsaustausch darstellen, für das Ausarbeiten neuer Vorschläge, aber auch für die öffentliche Anklage ihrer Lebensumstände. Ein Ziel ist auch die Stärkung der Solidarität unter den Organisationen und den Frauen der afrikanischen Diaspora.

Ein Mittel zur Erreichung dieser selbstgestellten Aufgaben ist es, auf die Politik jener staatlichen Instanzen Einfluss zu nehmen, die sich in den einzelnen Ländern mit der Ausarbeitung und Umsetzung von Frauenpolitik befassen. Diese Politik ist oft von verstecktem Rassismus gegenüber schwarzen Frauen getragen.

Das Netzwerk fördert ein Entwicklungsmodell, das auf der Anerkennung, der Bestätigung und Respektierung der ethnischen und geschlechtlichen Identität beruht.

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Ziele der Bewegung afroamerikanischer Frauen aus Lateinamerika und der Karibik sind zahlreich. Es war und ist ein ständiger Lernprozess, bei dem praktisch von Null angefangen werden musste. Es galt, im Rahmen der bestehenden Macho-Gesellschaften in den Organisationen schwarzer Frauen ein Bewusstsein für partizipative Demokratie und alle Formen der Diskriminierung zu schaffen bzw. zu schärfen. So führte das Netzwerk zahlreiche Ausbildungskurse durch, u.a. zu den Themen Rassismus, Menschenrechte, Kommunikation.

Die Bewegung nahm auch am Vorbereitungsprozess der Weltfrauenkonferenz in Peking teil und ist nun in der bei dieser UNKonferenz beschlossenen weltweiten Aktionsplattform aktiv. Gegenwärtig beteiligt sich das Netzwerk mit seinen Mitgliedsorganisationen an der Vorbereitung der Weltkonferenz gegen Rassismus, die im kommenden September in Südafrika stattfinden wird. Parallel dazu laufen die Vorbereitungen für das dritte Treffen der schwarzen Frauen aus Lateinamerika und der Karibik, zu dem an die 250 Frauen aus dem ganzen Kontinent erwartet werden.

Eines der größten Hindernisse bei der Verbesserung der Lebensbedingungen schwarzer Frauen ist die neoliberale Wirtschaftspolitik der Länder der Region. Diese verschlechtert die Lebensumstände und verstärkt die soziale Marginalisierung. Für Frauen wird es immer schwieriger, ihre vorrangige Aufgabe ? die Existenz ihrer Familie sicherzustellen ? zu erfüllen. Zunehmend fehlen ihnen Zeit und Energie, in Bewegungen zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen mitzuarbeiten.

Ein weiteres, damit zusammenhängendes Problem ist die knappen Wnanziellen Mittel des Netzwerks und der Mitgliedsorganisationen. So wird eine Ausdehnung der Aktivitäten und eine längerfristige Planung verhindert. Auch die Mobilität der Aktivistinnen der Bewegung ist stark eingeschränkt, ebenso die Möglichkeit, durch Expertinnen des Netzwerks vor Ort Ausbildungsprogramme durchzuführen.

Meine Mitarbeit im Netzwerk konzentrierte sich darauf, den Kommunikationsprozess zwischen den Mitgliedsorganisationen zu dynamisieren sowie Programme und Kurse zur Ausweitung und Konsolidierung des Netzes auszuarbeiten und durchzuführen.

Das bedeutete auch für mich einen wichtigen Lernprozess. Ich lernte das Netz der schwarzen Frauen als einen Raum der Diskussion und der Bewusstwerdung schätzen und als eine Möglichkeit, unsere Lebensrealität zu analysieren. Wir erkennen, dass der Weg der Veränderung in unseren eigenen Händen liegt. Wir müssen über das Sehen und Urteilen hinausgehen; wir müssen verstehen, dass das Handeln ein vorrangiges Element in unserem Leben als Frauen sein muss.

Die Autorin ist Ecuadorianerin, ausgebildete Juristin und Expertin in Organisationsentwicklung für Basisgruppen und Volksorganisationen. Sie war mitbeteiligt an der Gründung des ersten Kommunalradios in Quito und 1997 Gründerin der ecuadorianischen Kathol

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