Von der Dorfhütte in den Präsidentenpalast

Von Mari Marcel Thekaekara ·

K.R. Narayanan war von 1997 bis 2002 Indiens erster und bisher einziger Dalit-Präsident. Mit NI-Autorin Mari Marcel Thekaekara sprach er über seinen Werdegang und den Kampf gegen das Kastensystem.

Der Widerspruch ist verwirrend: In einem Land, in dem Dalits jeden Tag gedemütigt, vergewaltigt, gefoltert und ermordet werden, wird ein Dalit in das höchste politische Amt gewählt. Sicher, die Neigung von Regierungen zu Alibiaktionen ist notorisch – und die Ernennung von Galionsfiguren ein probates Mittel, Solidarität mit Minderheiten vorzutäuschen. In Indien ist das eine hohe Kunst. Mit Kocheril Raman Narayanan (oder KRN, wie er genannt wird), Indiens erstem und einzigen Dalit-Präsidenten, hatten sie sich insofern allerdings verrechnet. Der 1997 gewählte Politiker weigerte sich, zu allem Ja und Amen zu sagen und nahm sich bei seinen Äußerungen zu zahlreichen Themen nie ein Blatt vor den Mund.
Bereits die Wahl des 10. Präsidenten des Landes erschien als Revolution: Er erhielt 95 Prozent der Stimmen des Wahlkollegiums, das sich aus Abgeordneten beider Häuser des Parlaments und der Parlamente der Teilstaaten zusammensetzt. Er setzte sich gegen T.N. Seshan durch, einen gefürchteten brahmanischen Politiker, der als Chef der obersten Wahlbehörde korrupten indischen PolitikerInnen das Leben schwer gemacht hatte. Seshan spielte seine Niederlage verärgert herunter: KRN hätte nur gewonnen, „weil er ein Dalit war“. Sechs Tage vor der Amtsübernahme Narayanans schoss die Polizei auf eine Dalit-Demonstration und tötete dabei neun unbewaffnete Dalits.
Der heute 84-jährige Narayanan ist zuvorkommend, charmant und trotz eines schmerzhaften, kräfteraubenden Leidens großzügig bereit, sich Zeit für ein längeres Gespräch zu nehmen.


Es ist ein weiter Weg von einer Dorfhütte bis zum Präsidentenpalast in Delhi. Wie ist es dazu gekommen?

„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Das Meiste passierte zufällig, aus einem Zusammentreffen von Umständen, nicht weil ich mich so bemüht hätte. Ich litt als Dalit, hatte meinen Teil an Demütigungen erlebt, aber ich sah mich selbst nicht als leidenden Dalit. Ich empfand keine Bitterkeit. Ich wurde 1920 geboren, in einem kleinen Dorf, wo es natürlich Verschiedenheit gab und Diskriminierung. Aber nicht in einer solchen Intensität wie die Gräueltaten, von denen man heute hört. Dem bin ich entkommen, weil ich immer schon studieren wollte. Es gab eine Grundschule in meinem Dorf, in der auf Malajalam [heute Amtssprache im Teilstaat Kerala, Anm. d. Red.] unterrichtet wurde. Mehrmals wäre ich fast rausgeflogen, und ich musste oft in der Ecke stehen oder auf der Bank, weil mein Schulgeld nicht bezahlt worden war.
Später, als ich zum Studieren nach Kerala ging, schwebte das ewige Problem der Armut wie ein Damoklesschwert über mir. Mein Onkel kannte einen Regierungsanwalt. Er schrieb ihm einen Brief mit der Frage, ob ich bei seiner Familie essen könnte. Ich hatte ziemliche Scheu davor, zu jemandem essen zu gehen. Mein Freund Matthew ging mit mir hin. Ich stand mit dem Brief vor der Tür und sagte: ‚Ich will da nicht hinein.‘ Matthew stieß mich hinein. Buchstäblich, körperlich, er gab mir einen Stoß, sodass ich in die Tür fiel. Der Anwalt sagte: ‚Einen Moment, lass mich meine Frau fragen.‘ Er ging hinein, kam wieder zurück und sagte: ‚Du kannst jeden Tag zum Mittag- und Abendessen kommen.‘ Er war ein außergewöhnlich guter Mensch. Trotz all dieser Probleme konnte ich das Studium abschließen.“


In seiner typischen Bescheidenheit erwähnt er nicht, dass er als Jahresbester der Universität abgeschlossen hatte. Der Regierungschef des Maharadscha, der Diwan, versprach daraufhin, ihn nach Oxford zu schicken, hielt aber sein Versprechen nicht. Nach vergeblichen Versuchen, mit dem Maharadscha zu sprechen, verweigerte er die Annahme seines akademischen Grades und nahm nicht an der Verleihungszeremonie teil, damals ein unvorstellbarer Affront. Der Vertreter der britischen Regierung fragte, „Wo ist dieser Harijan-Junge*, der Jahresbester wurde?“ Es gab einen Eklat in Kerala.

„Ab diesem Moment war ich fest entschlossen, nach Delhi zu gehen. Der Regierungschef rief mich zu sich: ‚Wie willst du nach Delhi gehen? Es ist kalt dort. Du wirst warme Kleider brauchen. Ich werde dir 500 Rupien leihen.‘ Ich antwortete: ‚Ich kann Ihnen das Geld nicht zurückzahlen.‘ Er bestand darauf. ‚Mach dir keine Sorgen. Ich leihe es dir nur dem Namen nach. Du brauchst Geld für Kleider, dein Zugticket usw.‘ Also kaufte ich meinen ersten und einzigen Anzug, ein Zugticket, ein paar notwendige Dinge. Und ein neues Kapitel begann in meinem Leben.“

KRN begab sich nach Delhi und auf den Weg zu einer außergewöhnlichen Karriere, in der er einen Abschluss an der London School of Economics erwarb, als Journalist, als Diplomat und Universitätslehrer arbeitete, Botschafter in den USA, Vizepräsident und schließlich Präsident Indiens wurde. Als Präsident setzte er sich für Frauen, Dalits und die indigenen Völker Indiens ein.

Warum besteht in Indien dieser Gegensatz, einerseits die besten IT-ExpertInnen der Welt, andererseits das feudalistische Kastensystem? Und warum hat sich trotz einer ausgezeichneten Verfassung nichts geändert?

„Fünfzig Jahre sind ein sehr kurzer Zeitraum für das Kastensystem, das Tausende Jahre lang überlebt hat. Das Kastensystem wurde im Grunde von ganz wenigen Menschen angegriffen. Selbst die niedrigen Kasten stellten fest, dass es praktisch war, eine Art Sicherheitssystem, um in der Gesellschaft zurechtzukommen, einen Platz zu finden. Jeder hatte jemanden, den er ausnutzen konnte. Moralisch hat nur Gandhi das System erschüttert, aber seine ökonomischen Grundlagen waren zu stark. Rein vom Verstand her war allen klar, dass es schlecht war und zerstört werden sollte. Aber dazu hätten auch die ökonomischen Grundlagen des Kastensystems beseitigt werden müssen, und das wollte niemand wirklich. Heute wird das Kastensystem durch die Politik und die PolitikerInnen am Leben erhalten.“

Wie können wir das ändern?

„Die Revolution muss von unten kommen – durch Bildung und durch den Protest der Unterdrückten. Wie brauchen viel mehr Dynamik, mehr Druck durch die Weltöffentlichkeit, durch Menschenrechtsorganisationen usw. Wir müssen die Bitterkeit überwinden und weitermachen. Stolz darauf sein, dass wir Dalits sind.“

Copyright New Internationalist


* Harijan – wörtlich „Kinder Gottes“; von Mahatma Gandhi geprägter Ausdruck für die „Unberührbaren“.

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