Von der Praxis lernen

Ein Wiener Universitätsinstitut und ein Tiroler Consulting-Büro schicken seit 1996 StudentInnen in Entwicklungsländer, wo sie mit einheimischen KollegInnen Regionalentwicklungspläne ausarbeiten.

Von Werner Hörtner
Die Leute in Moro kennen Österreich jetzt schon; wir wurden sehr herzlich empfangen. Es gab einmal eine Radiosendung über uns, und dann sind die Menschen gekommen und haben uns Fotos gezeigt von der Katastrophe“, erzählt Martina Meng, die in Wien Internationale Betriebswirtschaft studiert. Sie verbrachte heuer zusammen mit zehn KollegInnen aus ebenso vielen Studienrichtungen fünf Wochen im nördlichen Peru, am Rio Loco, dem „Verrückten Fluss“.
Die Katastrophe, das war 1998, als der sonst eher wasserarme Fluss über die Ufer trat und einen Teil von Moro überschwemmte. Die Kleinstadt mit etwa 6.000 EinwohnerInnen liegt am Fuß der Schwarzen Kordilleren, eine Autostunde von der Hafenstadt Chimbote, dem Zentrum der Fischereiindustrie des Andenlandes, entfernt. Die peruanische Küstenregion leidet ja besonders stark an den Auswirkungen des Wetterphänomens „El Niño“, das unregelmäßig in zwei- bis siebenjährigen Abständen auftritt. Durch eine starke Erwärmung der Meeresoberfläche kommt es zu sintflutartigen Regenfällen, die in der Folge zu Überschwemmungen und Erdrutschen führen.
Entwicklungsforschung vor Ort: Das Institut für Finanzwissenschaft und Infrastrukturpolitik der Technischen Universität Wien und das Büro Falch mit Sitz in Landeck, Tirol, spezialisiert auf Fragen der Raumplanung und Regionalentwicklung, führen seit acht Jahren außergewöhnliche Lehrveranstaltungen durch. Studierende verschiedenster Studienrichtungen bereiten sich in gründlicher Vorarbeit darauf vor, für eine Region in einem Land des Südens einen Entwicklungsplan zu konzipieren, gemeinsam mit StudentInnen einer Partneruniversität im Gastland. Höhepunkt ist dann ein etwa fünfwöchiger Aufenthalt vor Ort. Bisher standen Einsätze in Äthiopien, Pakistan, im Himalaya und in Peru auf dem Programm.
Die Themenstellung ist der spezifischen Situation im Land und in der Region angepasst. Bei dem Projekt 2004 im Rio Loco-Tal in Peru stand die Auswirkung von Naturkatastrophen auf die Menschen im Vordergrund: die dadurch hervorgerufenen Migrationsbewegungen, die Folgen für die Landwirtschaft usw.

Was sich dann vor Ort abspielt, ist interdisziplinäre Zusammenarbeit und interkulturelle Kommunikation in Reinkultur. Mit der peruanischen StudentInnengruppe und auf Grundlage zahlreicher Gespräche mit der Bevölkerung wurde ein integriertes Maßnahmenbündel ausgearbeitet, wie bei künftigen Naturkatastrophen die Folgen minimiert und welche Schutzvorkehrungen getroffen werden können. Oberstes Ziel ist die Selbsthilfe, die „Spezialisten“ sind die in der Region lebenden Menschen selbst.
Der Lehrveranstaltungszyklus ist ein innovativer Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis und zwischen verschiedensten universitären Disziplinen. Im Anschluss an den Feldaufenthalt wird dann ein umfassender Endbericht verfertigt.
Ein weiteres Ergebnis der Studienreisen ist das Kennenlernen der sozialen und politischen Situation in den Entwicklungsländern. Die TeilnehmerInnen der heurigen Peru-Exkursion wurden auf Schritt und Tritt mit der verheerenden Lage im Land konfrontiert. Die Unzufriedenheit mit Präsident Toledo und seiner Regierung ist weit verbreitet; die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch, dem Staatschef wird Untätigkeit und Unfähigkeit vorgeworfen. Immer mehr Menschen sehnen sich nach den Zeiten des wegen Korruptionsvorwürfen nach Japan geflüchteten Präsidenten Fujimori zurück, unter dem vieles besser gewesen sei.

„Durch die große Eigenständigkeit, mit der wir vorgehen mussten, konnten Erfahrungen von unschätzbarem Wert für die Praxis gesammelt werden, sowohl bei den Vorbereitungen als auch während des Feldeinsatzes“, schreiben die österreichischen TeilnehmerInnen an dem Projekt in ihrem Endbericht. Auch Martina Meng vom Projektmanagement-Team hat diese Lehrveranstaltung und der Peru-Aufenthalt „sehr, sehr viel gebracht“. Sie will in diesem Bereich weiterarbeiten und später einmal mit einer Nichtregierungsorganisation ins Ausland gehen.
Das Einsatzland des nächsten Studienprojekts zu integrierter Regionalentwicklung steht noch nicht genau fest.


InteressentInnen an einer Teilnahme – sie steht allen Studienrichtungen offen – mögen sich bis spätestens 10. Oktober melden bei Büro Falch, Tel. 01/796 37 91, office.vienna@falch.at. Berichte über frühere Projekteinsätze und in Kürze der Endbericht des Rio Loco-Projekts auf www.ifip.tuwien.ac.at/p3peru.

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