Von der Prinzessin zum Paria

„Wer ist ein Maoist?“, fragte die Schriftstellerin Arundhati Roy. Und zog damit den Zorn des indischen Establishments auf sich. In der Ambivalenz der Reaktion auf Roy, meint New Internationalist-Autorin Shoma Chaudhury, spiegelt sich die Aushöhlung der Demokratie des Landes.

Arundhati Roy

Indien um das Jahr 2010 ist nicht ein Land, sondern zwei Kontinente. Wenn man Geld hat, der Mittelschicht angehört oder Englisch spricht, dann ist es wunderbar, hier zu leben. Gelegenheiten, wohin man sieht: tolle Jobs, tolle Bars, viele Häuser, die man kaufen, viele Urlaube, die man buchen kann. Die Freiheit der Wahlen ist geradezu berauschend, die Demokratie war nie gefestigter. Ist man aber arm, Muslim oder Muslimin oder gehört zur indigenen Bevölkerung, dann sieht es hier ziemlich düster aus.

2005, kurz nachdem er seine erste Amtszeit als indischer Regierungschef antrat, gab Manmohan Singh eine Stellungnahme ab, mit der er den fiktiven Klebstoff beseitigte, der diese beiden Kontinente zusammenhielt. Linksgerichteter Extremismus, sagte er, sei zur „größten Bedrohung der inneren Sicherheit“ Indiens geworden. Schlimmer als die Unruhen in Kaschmir. Schlimmer als die Aufstände im Nordosten. Diese Bemerkung hatte weitreichende Folgen, wie sich zeigte.

Auf den ersten Blick hatte er recht. Von den 630 Distrikten Indiens sind fast 220 entweder von maoistischen Aktivitäten betroffen oder unter maoistischer Kontrolle (siehe Südwind-Magazin 7-8/2010, Seite 26). Worum es geht, ist aber: Wie hätte der indische Staat darauf reagieren sollen? Hätte die Ausweitung des Einflussbereichs der Maoisten als Symptom oder als Krankheit betrachtet werden sollen? Tragischerweise entschied man sich für die zweite Option. Seit der Bemerkung Singhs hat der indische Staat alle möglichen drakonischen Maßnahmen ergriffen, um die maoistische Bewegung im Land zu unterdrücken. Unterdessen hat die Maoistenfrage eine Debatte über das Wesen der indischen Demokratie losbrechen lassen, die mit jedem Jahr hitziger und vehementer geführt wird.

Die Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy gehörte zu jenen, die diese Krise schon früh vorhersahen. Lange bevor der indische Staat seiner eigenen Bevölkerung den Krieg erklärte, ahnte Roy die Konturen des kommenden Konflikts voraus: „Manchmal kann ich vor lauter Sorgen die ganze Nacht nicht schlafen“, erzählte sie einmal einer Freundin. „Ich sehe, wie sich eines zum anderen fügt.“

Sie sah, dass die indische Demokratie nur mehr aus einer Hülle bestand. Ihre Institutionen waren ausgehöhlt. Übrig blieb nur die Haut, in Form der Wahlen. In einer Einführung zu ihrem letzten Buch „Listening to the Grasshoppers“ schreibt Roy: „Was passiert, wenn die Demokratie aufgebraucht ist?“ Diese intuitive Frage unterliegt dem gesamten politischen Schreiben Roys. Merkwürdigerweise ist die Geschichte dieses Schreibens und die ambivalente Reaktion Indiens darauf selbst ein Ausdruck davon, was passiert, wenn die Demokratie aufgebraucht ist: Das Land zerfällt in zwei Kontinente.

SeherInnen sind immer unbequem. Und niemand kann Arundhati Roy den Vorwurf machen, bequem gewesen zu sein. Fast an jeder Konfliktlinie, die sich in den letzten zehn Jahren abzeichnete, war sie als erste präsent: aufklärend, analysierend, warnend, vorhersagend. Ungemütlich, ein Stachel im Fleisch. Eine Stimme der Sprachlosen. Keine andere indische Schriftstellerin, kein anderer Autor unserer Zeit, vielleicht sogar niemand zuvor hat sich mit solcher Schärfe und solchem Nachdruck mit der Idee und der Wirklichkeit Indiens auseinandergesetzt. Und niemand hat sie so unerbittlich und entschlossen auseinandergenommen, regelrecht seziert.

Es wäre nicht Indien, hätte ihr das keine widersprüchlichen Reaktionen eingetragen: enorme Zuneigung und gewaltigen Zorn. Vor zwei Jahren etwa wurde Indien von einem grauenhaften Terroranschlag erschüttert, der als „Mumbai 26/11“ in die Geschichte einging. Drei Tage lang erlebte eine ganze Nation wie betäubt mit, wie ein Haufen junger bewaffneter Männer eine ganze Stadt als Geisel nahm und nach Belieben einen Menschen nach dem anderen ermordete, vor den Augen der Welt. Während die Tragödie eskalierte, platzte die Nachricht herein, Hemant Karkare, Chef der Anti-Terror-Einheit Mumbais, wäre getötet worden. Karkare galt weithin als anständig und rechtschaffen, und während sich die Trauerbekundungen und preisenden Nachrufe häuften, schob sich ein prominenter indischer Fernsehmoderator ins Bild und sagte: „Wir hoffen, dass Arundhati Roy zuhört. Wir haben sie nicht zu dieser Sendung eingeladen, weil wir sie zum Kotzen finden.“

Der unmittelbare Anlass für diese Entgleisung war ein Vorfall in Delhi ein paar Monate zuvor. Bei einer Schießerei in einem Minderheitenviertel hatte ein Polizeikommando zwei muslimische Burschen umgebracht, angeblich Terroristen. Roy hatte, entgegen der herrschenden Stimmung, den Vorfall scharf verurteilt, als kaltblütigen Mord bezeichnet und eine Untersuchung gefordert. Der Tod Karkares wurde nun benutzt, um ihr für diese angeblich „unpatriotische“ Haltung eine schmerzhafte Retourkutsche zu verpassen.

Die bösartige Feindseligkeit des Fernsehmoderators ist aber kein einmaliger Ausrutscher: Sie steht beispielhaft dafür, wie Roy von bestimmten privilegierten, englischsprachigen InderInnen wahrgenommen wird. Sie ist ein Resultat ihres Schreibens und ihres Aktivismus. In einem gewissen Sinn spiegelt sich darin die Geschichte des heutigen Indien.

Es fällt schwer, die tiefgreifenden, aber widersprüchlichen Effekte des politischen Wirkens von Roy in Indien zu verstehen, wenn man sich nicht in Erinnerung ruft, mit welch überschwänglicher Euphorie ihr Auftauchen begrüßt wurde und wie ironisch es in diesem Kontext war, für welchen Weg sie sich danach entschied. Roy wurde der Welt erstmals in einem enthusiastischen Artikel präsentiert, der in einem führenden indischen Magazin erschien. Das war 1996. Die Liberalisierung der indischen Wirtschaft war seit fünf Jahren im Gang. Eine aufstrebende Mittelschicht war auf der Suche nach einem Maskottchen. Arundhati Roy kam wie vom Himmel geschickt, maßgeschneidert: eine elfenhafte Schönheit, ein blitzender Diamant im Nasenflügel, eine prächtige Haarmähne, ein romantischer Background und ein Manuskript voller knisternder Gefühle und funkelnder Prosa, das einen internationalen Bieterkrieg um die Publikationsrechte ausgelöst hatte. Indien schloss sie sofort ins Herz.

Seit dem Zeitpunkt der Veröffentlichung von „The God of Small Things“ galt Roy als die Auserwählte, eine Zuschreibung, die durch den wachsenden Erfolg ihrer Novelle gleichsam besiegelt wurde – enorme Vorauszahlungen, Übersetzungen in 40 Sprachen und 1997 schließlich der Booker Prize. Arundhati Roy war der umjubelte Auftritt Indiens auf der globalen Bühne; sie war die Ballprinzessin. Niemand hätte ahnen können, dass die Prinzessin den Gong sogar noch vor Mitternacht schlagen, das Fest absichtlich platzen lassen würde. Das Ballkleid zerreißen. Die Kutsche als Kürbis entlarven. Die gläsernen Schuhe zerschmettern.

Genau das war es aber, was Arundhati Roy tat. Im Mai 1998, nur ein paar Monate nach dem Höhepunkt des Rummels um den Booker Prize, ließ die von der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Party geführte Koalitionsregierung einen Atombombentest durchführen. Im August 1998 schrieb sie „The End of Imagination“, eine zornige, leidenschaftliche Kritik der Atombombe, ihr erster Text nach ihrem Bucherfolg. Seit damals war Roy nicht mehr zum Schweigen zu bringen. „The End of Imagination“ war der erste einer Reihe von Essays, die an moralischer Schärfe und Klarheit gewannen, sich von der übertriebene Emotionalität der Bombenkritik weg hin zur Klarsichtigkeit und Unbehaglichkeit ihrer späteren Texte bewegten. Sie war auf die Seite der Dunkelheit übergelaufen. Mit jeder ihrer Gegenerzählungen bezog sie immer mehr Distanz zum Wunschbild, das Indien von sich selbst pflegte.

Arundhati Roy hat alle großen Themen unserer Zeit angepackt: Riesenstaudämme, Vertreibung, Kraftwerksprojekte, Industrialisierung, Privatisierung, Globalisierung, Terrorismus, US-Imperialismus, Hindu-Nationalismus, Kaschmir und zuletzt den maoistischen Aufstand. Dabei lag ihren Texten stets eine These zugrunde: Acht Prozent Wachstum und Demokratie schließen sich gegenseitig aus – zumindest solange „Freier Markt“ und „Demokratie“ nicht so verstanden werden, dass sie dasselbe bedeuten: Gewinn für Wenige, Katastrophe für Millionen. Wobei die „Lebenskosten“ auf die Armen überwälzt werden.

Jeder aktuelle Konflikt scheint die These zu bestätigen. In Niyamgiri in Orissa kämpft das Volk der Kondh gegen den Vedanta-Konzern, der auf ihrem Land Bauxit abbauen will. In Singur und Nandigram in Westbengalen haben Bauern und Bäuerinnen gekämpft, um ihr Land vor dem Tata-Konzern und der indonesischen Salim Group zu schützen. Aber nirgendwo bewahrheitet sich die These so wie im Fall der maoistischen Rebellion.

Letztes Jahr fügte Premierminister Manmohan Singh seiner ersten Warnung eine weitere hinzu: „Wenn der maoistischen Rebellion nicht Einhalt geboten wird, wäre das Investitionsklima in Indien beeinträchtigt.“ Dieses Statement machte noch deutlicher, worin der Kern des Problems besteht: Die eine Hälfte Indiens versucht, sich in eine industrielle Konsumgesellschaft zu verwandeln, und hat sich dazu mit einer Flut von Gesetzen bewaffnet, die ihr ermöglichen, das Land der anderen Hälfte auszuschlachten – legal, unter Androhung von Gewalt. In Gebieten mit indigener Bevölkerung reichen diese rechtlichen Waffen aber nicht aus. Der 5. Verfassungsanhang, der die Übernahme von Land der „Adivasi“, der Urbevölkerung verbietet, steht dabei im Weg. Der Trick, um doch an dieses Land und die Bodenschätze heranzukommen, besteht darin, die Adivasi zu vertreiben.

Anfang des Jahres begab sich Arundhati Roy in die Urwälder von Chhattisgarh, um eine Antwort auf die Hauptfrage zu finden: Wer ist ein Maoist? Sie schrieb einen bewegenden Text – „Walking with the Comrades“. Die Feindseligkeit der TV-ModeratorInnen verbreitete sich in der Mittelschicht wie ein Buschfeuer. Die führenden maoistischen Ideologen sind vielleicht doktrinär, meinte Roy, aber die Kader bestehen aus gewöhnlichen Adivasi, die in die Enge getrieben wurden und sich nun zur Wehr setzen. Indem sie diesem verzweifelten Widerstand eine Stimme verliehen, tue die maoistische Führung – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt – nur das, was die gewählte politische Führung Indiens hätte tun sollen.

Erregt und beunruhigt fragen FernsehmoderatorInnen, stellvertretend für eine breite Mittelschicht: Warum können die Maoisten sich nicht dem Mainstream anschließen, warum gehen sie nicht einfach wählen? Die Antwort würde sie erschrecken: Weil Wählen für die Armen offenbar keine Möglichkeit mehr bietet, die Kluft zwischen den zwei Kontinenten Indiens zu überbrücken.

Copyright New Internationalist

Shoma Chaudhury ist Redakteurin und Mitbegründerin des Magazins Tehelka (www.tehelka.com).

Arundhati Roys Buch „Listening to Grasshoppers“ (erschienen im Verlag Penguin) liegt in deutscher Übersetzung vor: „Aus der Werkstatt der Demokratie“, S. Fischer 2010.

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