„Von der Zeit weggewaschen“

Von Redaktion ·

Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger urlaubte im Jahr 2004 mit seiner Familie auf der thailändischen Insel Ko Phi Phi, als ein riesiger Tsunami das Land überrollte. Wie er dieses Erlebnis verarbeitet hat, hat er Nora Holzmann erzählt.

Südwind-Magazin: Es ist jetzt über acht Jahre her, dass Sie und Ihre Familie den Tsunami in Thailand knapp überlebt haben. Wie ist Ihre Einstellung heute zum Reisen, hat sich für Sie etwas verändert?
Josef Haslinger:
Eigentlich nicht. Wenn man allen Todesgefahren ausweichen will, dann dürfte man ja gar nichts mehr machen. In den ersten Jahren nach dem Tsunami habe ich allerdings ein Problem damit gehabt, direkt am Meer zu wohnen. Und das Meeresrauschen, das ich früher als etwas Beruhigendes empfunden habe, hat mich nervös gemacht.

Sie sind knapp ein Jahr danach noch einmal nach Ko Phi Phi, an den Ort des Geschehens, gefahren. Hat Ihnen diese Rückkehr bei der Verarbeitung des Traumas geholfen?
Die Rückkehr hat auf jeden Fall geholfen, das Buch zu schreiben. Und das Buch hat mir mit Sicherheit bei der Verarbeitung des Traumas geholfen. Nach Fertigstellung habe ich ein Jahr lang nicht daraus vorlesen können. Ich hätte zu weinen begonnen. Ich habe nach keinem Buch so viele Zuschriften bekommen wie nach diesem. Es waren fast nur Menschen, die selbst den Tsunami erlebt und überlebt hatten, und sie alle waren dankbar. Obwohl ich eigentlich nur unsere eigene Geschichte erzählt habe, finden viele anscheinend in diesem Buch Trost.

Haben sich manche gewundert, dass Sie wieder an diesen Platz, wo Ihnen Schreckliches widerfahren ist, zurückkehren wollten?
Die Einheimischen waren irgendwie dankbar, dass ich Thailand nicht für immer aufgebe. Der Tourismus war ein Jahr später noch sehr bescheiden. Die Thailänderinnen und Thailänder waren sehr froh, wenn Leute wieder kamen.

Wie haben Sie den Umgang der lokalen Bevölkerung mit der Katastrophe erlebt?
Die machen nicht so viel Aufheben wie wir. Die stecken das weg, auf eine merkwürdige Weise. Es herrscht ein anderer kultureller Umgang mit solchen Katastrophen. Diese Hysterie, die bei uns leicht aufkommt, findet sich nicht. In Österreich würde man, glaube ich, ganz anders mit einer solchen Katastrophe umgehen.

„Phi Phi Island“: Um sein Buch schreiben zu können, hat Autor Josef Haslinger ein Jahr nach dem Tsunami noch einmal die thailändische Insel besucht.

 

Mittlerweile gibt es auf Ko Phi Phi zwar ein „Tsunami Memorial“, es wird allerdings kaum darauf hingewiesen und es ist schwer zu finden. Denken Sie, dass Gedenkstätten für uns in Österreich und Europa eine größere Bedeutung haben?
Mit Sicherheit. Wir legen auf solche Äußerlichkeiten wesentlich größeren Wert. Wir wollen nicht, dass die Zeit so über unsere Wunden hinweg geht. Diesen Gedenkstätten-Fetischismus, den wir haben, den gibt es dort mit Gewissheit nicht. Es ist auch interessant, dass die erste Gedenkstätte, die an einem Strandabschnitt der Insel gemacht wurde, eigentlich nur für ein paar Jahre angelegt war. Es war von vornherein klar: Auch das Gedenken wird von der Zeit weggewaschen werden. Eigentlich hat mir das sogar gefallen, dass nichts für die Ewigkeit gedacht ist, dass auch der Blick zurück der Zeit ausgeliefert ist.

Wie haben kein Gefühl mehr für die Zeitlichkeit, kein Gefühl mehr für die Sterblichkeit. In meiner Kindheit auf dem Land hat man, wenn jemand gestorben ist, drei Tage im Haus vor dem aufgebahrten Toten gebetet. Auch als Kind ging man hin, hat die Leiche vor sich gehabt und ahnen können, wie es einmal enden wird. Aber das ist auch nicht mehr der Fall. Wahrscheinlich muss man heute ein Kind, das versehentlich einen Toten erblickt, schon zum Psychiater schicken, damit es mit dieser Traumatisierung zurecht kommt – die wir dem Kind zufügen, indem wir es fernhalten von Krankheit und Tod.

Ihnen ist während ihres Weihnachtsurlaubs im Paradies etwas Furchtbares widerfahren. Viele Menschen begeben sich auf Ihren Reisen freiwillig an Orte, an denen Furchtbares geschieht oder geschehen ist – an Gedenkstätten, in Slums und Elendsviertel. Wie sehen Sie das?
Elendstourismus ist mir zuwider. Wenn ich in armen Ländern bin, stört es mich wahnsinnig, wenn ich mich als wohlhabender Tourist, möglichst noch mit Fotoapparat, in ein Elendsviertel begebe, um Fotos heimzubringen, die zeigen, wie arg es dort ist. Selbstverständlich ist es aber wichtig, dass es eine Öffentlichkeit dafür gibt, wie anderswo Menschen leben, wie sie leben müssen.

Im Übrigen gibt es ja viele Leute, die sich mit bestem Gewissen gegen den Massentourismus aussprechen. Man kann aber froh sein, wenn es Millionen von Menschen gibt, die zufrieden sind, wenn sie am Abend am Buffet abgefüttert werden und irgendwelche Animateure sie im abgezäunten Hotelbereich halten, und sie nicht auch noch alle durchs Land laufen.  Im Grunde ist das eine ganz gute Einstellung, die Touristen zu melken, indem man sie gleichsam in Käfighaltung nimmt.

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