„Von Europa im Stich gelassen“

Der österreichische Seenotretter Stefan Schütz spricht im Interview über Wunder auf hoher See und italienische Behörden, die verhinderten, dass das Rettungsschiff „Alan Kurdi“ wochenlang wieder ablegen konnte.

70 Missionen hat die NGO Sea-Eye bisher durchgeführt. Seit der letzten sitzt das Schiff „Alan Kurdi“ im Hafen von Palermo fest.© Cédric Fettouche

Wie kam es dazu, dass Sie bei Mittelmeer-Missionen der deutschen NGO Sea-Eye mitfahren?

Ich war schon auf mehrwöchigen Einsätzen in der Flüchtlingshilfe in Griechenland, Serbien und in der Türkei. Dann habe ich erfahren, dass die Seenotrettung vonseiten der EU, die damals durch die Operation Sofia durchgeführt wurde, komplett eingestellt wird. Zeitgleich rekrutierte Sea-Eye für das medizinische Team. Da dachte ich, das will ich machen. Es ist ein absolutes Unrecht, was im Mittelmeer passiert.

Sea-Eye wurde bei ihren Einsätzen öfter gestört. Wie lief das ab?

Die Liste an Störungen und Behinderungen ist lang. Bei der letzten Mission im April bekamen wir auf dem Rettungsschiff „Alan Kurdi“ ein Notsignal und fuhren dorthin: ein hochseeuntaugliches Holzboot mit 68 Menschen. Wir hatten das erste Rettungsboot schon im Wasser, als wir auf dem Radar sahen, dass sich ein Motorboot mit hoher Geschwindigkeit näherte. Dann waren sie da, vier Männer auf einem Boot unter libyscher Flagge. Sie schossen mit Maschinenpistolen in die Luft und fuhren gefährliche Manöver. Einer der Männer sprang auf das Flüchtlingsboot und schlug auf die Leute ein. Er wollte den Motor anmachen und mit den Menschen zurückfahren. Die Situation eskalierte, die Geflüchteten schrien und sprangen ins Wasser. Wir reagierten sofort und warfen ihnen Rettungswesten zu. Zum Glück ist es uns dann gelungen, alle aus dem Wasser zu bergen.

Wie reagierten die Angreifer?

Sie bedrohten uns weiterhin mit ihren Waffen und hörten erst auf, als sie herausfanden, dass wir ein deutsches Schiff sind. Dass es so gut ausging, grenzt an ein Wunder.

Die Männer nahmen danach das Holzboot mit. Die Männer waren in Zivil gekleidet, wir vermuten stark, dass es sich um die libysche Küstenwache handelte oder sie mit dieser zumindest in Verbindung standen und den Notruf ebenfalls empfangen hatten.

Warum nahmen sie das Holzboot mit?

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es in Libyen wiederverkauft wird. Die Menschen zahlen teilweise tausend oder mehr Dollar, damit sie einen Platz auf einem dieser Boote bekommen.

Wie ging es für die geretteten Menschen weiter?

Wir bekamen an diesem Tag noch einen zweiten Notruf und retteten 82 Menschen. Somit hatten wir dann insgesamt 150 Menschen an Bord. Die Menschen können keinesfalls nach Libyen oder Tunesien gebracht werden: Tunesien verfügt über kein Asylsystem und in den libyschen Internierungslagern passieren schreckliche Menschenrechtsverletzungen.

Bisher war es so, dass man die Menschen nach Italien bringen konnte, wo es zu einer Verteilung auf EU-Staaten kam. Also fuhren wir dorthin. Es dauerte aber zwölf Tage, bis die Menschen in Palermo an Land durften, weil die italienischen Behörden zunächst meinten, sie könnten die Leute aufgrund der Corona-Situation nicht versorgen.

Es war eine Wahnsinnsaufgabe für unsere 17-Personen-Crew, uns am Schiff fast zwei Wochen um 150 Menschen zu kümmern. Allein das Kochen für alle war eine Herausforderung sondergleichen, wir hatten beispielsweise nur einen Reiskocher.

Welche weiteren Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie für euch?

Wir fuhren unterbesetzt los, da einige Leute kurzfristig absagen mussten. Als wir nach der Mission zurückkamen, musste die Crew zwei Wochen auf der „Alan Kurdi“ in Quarantäne bleiben. Letztendlich wurde die von den Behörden noch ein paar Tage verlängert. Dadurch war dann eine sogenannte Port State Control (Anm. Kontrolle bei der u.a. der technische Zustand des Schiffes geprüft wird) wieder möglich. In den vergangenen Jahren wurden wir schon viermal kontrolliert: immer positiv.

Und dieses Mal?

Sie stellten 32 Mängel fest, beispielsweise, dass eine Glühbirne ausgebrannt war oder Schrauben nicht fest genug angezogen. Und es kam der Vorwurf, das Schiff sei nicht geeignet für mehr als 20 Personen.

Es ist offensichtlich, dass die Festsetzung der „Alan Kurdi“ politisch motiviert ist. Wir beheben jetzt alle Mängel, die behebbar sind, und Anwältinnen und Anwälte kümmern sich um den Fall.

Für Sea-Eye ist es aber ein Fiasko, weil die Liegekosten für ein Schiff im Hafen von Palermo mit 2.500 Euro pro Tag überdurchschnittlich hoch sind. (Online-Update: Ende Juni, nach Redaktionsschluss der Printausgabe, wurde die „Alan Kurdi“ wieder freigesetzt, Anm. d. Red.)

Welche Menschen nehmen an Sea-Eye-Missionen teil?

Die Seenotrettung wird von manchen Politikerinnen und Politikern bewusst ins linksextreme Eck gerückt, was sie definitiv nicht ist. Menschen aller Altersgruppen mit den unterschiedlichsten Motiven sind dabei, zum Beispiel aus rein christlicher Überzeugung. Ganz viele Spenden kommen aus der Kirche. Die evangelische Kirche in Deutschland hat erst vor kurzem eine Riesensumme gespendet, dafür, dass wir weitermachen und Menschen vor dem Ertrinken retten.

Werden Sie sich weiterhin in der Seenotrettung engagieren?

Ja, sobald die „Alan Kurdi“ freigegeben wird, bin ich wieder dabei. Letztendlich retten wir die Menschen nicht nur vor dem Ertrinken, sondern auch vor den Zuständen in den libyschen Lagern. Was dort passiert, ist bekannt, und trotzdem bekommt die libysche Küstenwache durch die Kooperation mit der EU Geld, Ausrüstung und Ausbildungen. Das muss unbedingt eingestellt werden.

Die Geflüchteten werden momentan von Europa im Stich gelassen. Man muss dagegen auftreten und handeln, deshalb beteilige ich mich möglichst viel an der Hilfe. Ich habe den Beruf des Krankenpflegers aus einem bestimmten Grund gewählt: um für Menschen da zu sein.

Interview: Milena Österreicher

Auch die Rubrik „Menschen, die bewegen“ (S. 50) widmet sich in dieser Ausgabe dem Engagement für Geflüchtete.

Stefan Schütz ist Krankenpfleger und studiert derzeit Soziologie in Linz. Er nahm an drei Missionen der NGO Sea-Eye teil, zuletzt im April 2020 als Einsatzleiter.

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