Von giftigen Gerbereien und stinkenden Fabriken

Wie es Menschen in Indien geht, die unsere Lederschuhe herstellen, wollte Christina Schröder wissen. In ihrem Reisetagebuch erzählt sie, was sie bei ihren Recherchen herausgefunden hat.

© Schröder/Südwind

Tag 1, Ambur. Um sechs Uhr, noch vor dem Frühstück, machten wir uns zu einem Schlachthof auf, um den ersten Produktionsschritt eines jeden Lederschuhs zu sehen. Und der wurde hier in einer Art Garage vollzogen, in der sich zehn Ziegen ängstlich aneinander drängten. Sie wussten wohl, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte. Als ein massiver Mann sich die erste von ihnen schnappte und sie zu Boden drückte, um ihr sogleich den Halal-Tod mit einem einzigen großen Schnitt durch den Hals zu bescheren, wurde aus meiner und wahrscheinlich auch ihrer Befürchtung Gewissheit. Eine nach der anderen schied langsam aus dem Leben und wurde anschließend mit flinken Griffen gehäutet. Vor meinen Füßen landeten mehr und mehr Häute – schneeweiß waren sie, wie wohl auch mein erbleichtes Gesicht.

Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, war ich wieder aufnahmefähig für interessante Informationen: Die meisten der in der indischen Schuhindustrie verarbeiteten Tierhäute sind Abfallprodukte der Fleischindustrie. Und sie kommen nicht nur aus Indien, sondern auch aus Südamerika und Europa, vielleicht auch aus Österreich – eingelegt in einer konservierenden Flüssigkeit, aber ungegerbt. Das Rohmaterial ist im Grunde noch wertlos: Der Preis für eine Ziegen- oder Schafhaut beträgt in Indien etwa 1,50 Euro. Erst nach der Weiterverarbeitung der Haut zu Leder steigt der Wert rapide an. Aus einer Ziegenhaut werden drei bis sechs Paar Lederschuhe erzeugt. Die gehen dann bei uns um 150 Euro und mehr über den Ladentisch.

Tag 2, Chennai. Heute wollten wir sehen, wie der Wert der Haut bis ums Hundertfache erhöht wird und fuhren dazu in ein Viertel, das Chrompet heißt: Es trägt den Namen jenes Gerbe-Verfahrens, das weltweit am meisten verbreitet ist. Es ist schnell und billig, birgt aber Risiken für Umwelt und Gesundheit. Vor allem dann, wenn das chemische Verfahren nicht sauber gemacht wird und es zur Bildung von so genannten Chrom(VI)-Verbindungen kommt. Dann wird das Gerben hochgiftig und kann gesundheitsgefährdend sowohl für die HerstellerInnen als auch für TrägerInnen des Leders sein.

Unerwartet bereitwillig wurden wir gleich von Arbeitern in eine kleine Fabrikhalle geführt, vorbei an Stapeln von sogenanntem „wet blue“-Leder, also feuchtem und bereits chromgegerbten Leder. In der Fabrik war es zwar finster, aber es schien, als würde hier tagtäglich Holi gefeiert, das indische Fest der Farben. Die Wände waren bunt besprenkelt, überall standen Kanister mit Farben und irgendwie wirkte auch die Stimmung der Arbeiter, die offenkundig sorglos mit bloßen Händen bunte Flüssigkeiten mischten und in walzenartige Maschinen gossen, ganz heiter.

In den meisten Gerbereien und Färbereien bekommen die Menschen keine ausreichenden Informationen zu den gesundheitsgefährdenden Chemikalien und Farben, mit denen sie arbeiten, geschweige denn die passende Schutzkleidung. Schwere Erkrankungen der Haut oder Atemwege sind oftmals die Folge. Aber auch Unfälle sind häufig.

Tag 3, Ranipet. Auf dem Weg zu den Schuhfabriken machten wir heute Halt in Ranipet. Ende Jänner kamen dort in einer Gerberei elf Arbeiter ums Leben. Aus Kostengründen wurde – mit Wissen des Fabrikmanagements – in einem Tank für trockenen Abwasserschlamm der viel schwerere nasse Abwasserschlamm gelagert. Die Wände konnten dem Druck nicht mehr standhalten und brachen. Der Abwasserschlamm überschüttete die elf Arbeiter, die in Baracken am Fabrikgelände wohnten, im Schlaf. Bis heute wurden den Hinterbliebenen die versprochenen Entschädigungen nicht bezahlt. Die Gerberei wurde aufgegeben – nur ein Wachmann war vor Ort in den Ruinen. Schnell machten wir ein paar Fotos und sprangen wieder ins Auto, als er zum Telefon griff. Bedrückende Eindrücke …

Tag 4, Ambur. Heute haben wir den ganzen Tag mit den Menschen gesprochen, die in Handarbeit unser Fußgewand nähen, stanzen, kleben und so weiter. Zum einen sind da die FabrikarbeiterInnen, die tagaus tagein pausenlos am Fließband stehen und den gleichen Handgriff wiederholen. Für uns sofort fühlbar und unerträglich waren die Hitze, der Gestank der Klebstoffe und der Lärm. Für sie kommen Stress, Beleidigungen durch die Vorarbeiter, Erschöpfung und Schmerzen hinzu. Am Ende des Arbeitstages haben sie die Hälfte von dem verdient, was sie für ein menschenwürdiges Leben bräuchten.

Zum anderen sind da die HeimarbeiterInnen. Diejenigen, die in den Fabriken keine Anstellung und damit auch nicht einmal ein Mindestmaß an sozialer Absicherung erhalten. Je nach Auftragslage bekommen sie von Mittelsmännern in der Früh Schuhteile nach Hause gebracht und je nachdem, wie viele Paare sie und vielleicht auch ihre Kinder dann im Laufe des Tages zusammennähen, erhalten sie am Abend einen oder zwei Euro.

Sie alle habe ich gefragt, wie viele Paar Schuhe sie selbst haben. Die meisten waren barfuß, und wenn sie Schuhe hatten, dann waren es keine Lederschuhe. Wie auch, ein Paar kostet das Doppelte ihres Monatslohns …

Mit diesen Eindrücken im Koffer und Schuhen an den Füßen ging es dann zurück nach Österreich. Bis zu fair gehandelten Schuhen ist es noch ein weiter Weg. Aber auch die längste Reise beginnt mit den ersten Schritten.

Christina Schröder leitet die Öffentlichkeitsarbeit der entwicklungspolitischen Organisation Südwind. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Regina Webhofer hat sie im März Indien besucht.

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