Von Soliman zu Omofuma

Seit Jahrhunderten leben Menschen afrikanischer Herkunft in Österreich. Der kürzlich erschienene Sammelband versucht eine systematische Bestandsaufnahme.

Von Beate Hammond
Der Titel verwundert, denn die Geschichte schwarzer Menschen in Österreich begann weder mit Angelo Soliman (ab 1754 in Wien), dem aus Afrika stammenden ehemaligen Haushofmeister des Fürsten Liechtenstein, noch endete sie mit Marcus Omofuma, dem gescheiterten Asylbewerber aus Nigeria, der am 1. Mai 1999 auf dem Abschiebeflug in der Obhut der österreichischen Polizei erstickte. Doch es geht in dem Buch nicht um zwei recht unterschiedliche Einzelschicksale von Menschen afrikanischer Herkunft in Österreich, sondern um den Versuch einer systematischen historischen Bestandsaufnahme.
Auch wenn es bereits zu Zeiten der römischen Besatzung Hinweise auf Afrikaner in Vindobona gibt, so beginnt das Buch mit der Darstellung von Lebensschicksalen im 17. Jahrhundert. Zu dieser Zeit kamen meist männliche Afrikaner nach Österreich, als Repräsentationsobjekte für adelige Haushalte. Johann Martin war einer von ihnen und im Hofstaat Josephs I. und Karls VI. als „Läufer“ beschäftigt. Zu seinen Aufgaben gehörten die Begleitung der kaiserlichen Karosse (laufend) sowie die Überbringung von Nachrichten.
Auch Angelo Soliman begann seine berufliche Laufbahn im Hause des Fürsten Liechtenstein als Läufer, emanzipierte sich aber schon bald nicht zuletzt durch das Pharaospiel, ein Kartenspiel, bei dem Adelige und Bürger nicht selten ihr gesamtes Vermögen verloren. Soliman, auch ein gefürchteter Schachspieler, gewann hierbei hohe Summen, die es ihm erlaubten, eine selbständige Existenz aufzubauen. Seine Anerkennung in der Wiener Gesellschaft, inklusive Mitgliedschaft bei den Freimaurern, fand jedoch mit seinem Tod ein jähes Ende. Der angesehene Mann, der mit Joseph II. im Prater spazieren gegangen war, wurde enthäutet, ausgestopft und mit Lendenschurz an der Seite ausgestopfter Tiere im k.k. Naturalienkabinett in Wien zur Schau gestellt. Da half auch der Protest seiner hinterbliebenen Tochter Josephine nicht.

Herausgeber Walter Sauer, Vorsitzender des Southern African Documentation and Co-operation Centre (SADOCC) in Wien, beleuchtet diesen rassistischen Skandal und widerlegt überzeugend Hypothesen, dass Soliman seine Haut zu Lebzeiten selbst „gespendet“ habe.
Die Funktionalisierung afrikanischer Menschen setzte sich im 19. Jahrhundert fort. Ein kleinwüchsiger Afrikaner mit Gehbehinderung, uns unter dem Namen Rustimo bekannt, diente Kaiserin Elisabeth („Sisi“) hauptsächlich zur Provokation ihrer ungeliebten Umwelt am Kaiserhof. Als dies langweilig wurde, ließ sie „ihn fallen und schickte ihn fort – wie den Affen, der sich ungebührlich benahm“, so die Historikerin Brigitte Hamann. Christine Sulzbacher schildert das Leben Rustimos in ihrem ausgezeichneten Beitrag und beschreibt zwei weitere Facetten des schwarzen Daseins im 19. Jahrhundert, als Unterhalter im Zirkus (KunstreiterIn, Löwenbändiger oder Clown) oder Varieté oder, ein weibliches Schicksal, als Nonne.
Die Ausbildung ägyptischer Studenten an der Wiener Universität ist Thema des Beitrags von Marcel Chahrour. Außer Ägyptern gab es dort auch beispielsweise den afroamerikanischen Erfinder Percy Julian, der 1931 in Chemie promovierte, zu einer Zeit, als Nationalsozialisten ein Auftrittsverbot für Josephine Baker forderten.

Wissenschaftliches Neuland betritt Herwig Czech in einem Artikel über die Verfolgung Menschen afrikanischer Herkunft zu Zeiten des Nationalsozialismus. Zwar war die NS-Rassenpolitik in erster Linie gegen Juden gerichtet, Eheverbote und andere Diskriminierungen betrafen jedoch alle als „NichtArier“ Eingestuften und daher auch Menschen mit afrikanischen Groß- oder Urgroßeltern. Mit Achmed Kranzmayr kommt auch ein betroffener Zeitzeuge zu Wort.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Österreich (und Deutschland) durch Beziehungen mit Soldaten der alliierten Truppen Menschen mit schwarzer Hautfarbe geboren. Hamid Lechhab beleuchtet in seinem Beitrag ausschließlich die Situation in Vorarlberg. So wird das Leben des wohl bekanntesten dieser Nachkommen im Buch nicht einmal erwähnt. An Helmut Köglberger, in den 1960er und 1970er Jahren Profifußballer (LASK, Austria Wien) sowie 28-facher Nationalspieler und Kapitän der österreichischen Nationalmannschaft, erinnern sich wohl nur noch eingefleischte Fußballfans.
Bei aller Lückenhaftigkeit bleibt das Buch lesenswert, auch aufgrund des ausführlichen Literaturverzeichnisses. So muss man denn auch darüber hinweg sehen, dass die ProtagonistInnen seines Buchs für Sauer nur, wie er selbst sagt, eine „Ausländergruppe“ in Österreich sind, selbst wenn viele dieser Gruppe seit Geburt ÖsterreicherInnen sind und hier sozialisiert wurden.

Beate Hammond lebt als Autorin in Wien. Zuletzt erschienen von ihr „Habsburgs größte Liebesgeschichte“ und „Jugendjahre großer Kaiserinnen“, beide im Ueberreuter-Verlag.

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