Von Umweltschutz bis Greenwashing

Konsumentinnen und Konsumenten würden gerne nachhaltig hergestellte, den Wald und die Umwelt insgesamt schonende Produkte kaufen. Es ist aber umstritten, ob es bei Holz und Papier, bei Palmöl oder Fisch diese Nachhaltigkeit tatsächlich gibt, berichtet Erhard Stackl.

Holzschlägerung in Rumänien: In den Karpaten sind einige der letzten Urwälder Europas in Gefahr.© Thomas Einberger / Greenpeace

In Rumänien seien die „letzten Wildnisse Europas akut gefährdet“, schrieb die Tageszeitung „Die Presse“ zu Jahresbeginn über illegale Schlägerungen in dort noch unberührten Wäldern. Der österreichischen Holzfirma Schweighofer, die von Rumänien aus Baumärkte und Brennstoffhändler in etlichen europäischen Ländern versorgt, werde von Umweltschützern „Mitschuld an der Raubwirtschaft“ vorgeworfen.

Tatsächlich hatte der „World Wide Fund for Nature“ (WWF) wenige Wochen davor gegen Schweighofer eine Beschwerde beim österreichischen Bundesamt für Wald eingebracht. Dessen Aufgabe sei es laut EU-Verordnung ja, die Einfuhr von illegalem Holz zu verhindern.

Der WWF belegte seinen Verdacht mit Gesprächsmitschnitten über die von einigen UmweltaktivistInnen fingierte Anbahnung verbotener Holzgeschäfte und mit Fotos eines mit illegal geschlägertem Holz beladenen LKWs auf einem Schweighofer-Firmengelände in Rumänien.

Schweighofer wies die Beschwerde als unbegründet zurück und beschuldigte den WWF seinerseits, „die Holzindustrie Schweighofer für eine Medienkampagne gegen illegalen Holzschlag in Rumänien zu missbrauchen“.

„Der WWF kooperiert mit Unternehmen, um deren ökologischen Fußabdruck zu verringern. Aber wir betrachten es auch als unsere Pflicht, mögliche Verfehlungen und Gesetzesbrüche aufzuzeigen“, sagt dazu Michael Zika vom WWF Österreich. „Unsere Aufgabe ist der Schutz der Urwälder und der alten Naturwälder in den Karpaten. Die Firma Schweighofer interessiert uns vor allem, weil sie das größte holzverarbeitende Unternehmen in Rumänien und damit Teil des Systems ist und hier der Verdacht besteht, dass es in diverse illegale Aktivitäten verwickelt ist, aber das muss von den Behörden in Österreich und Rumänien geklärt werden.“

Das Bundesamt für Wald erklärte sich für unzuständig und empfahl, sich nur an die rumänischen Behörden zu wenden – was der WWF nicht so hinnehmen will.

Die Umwelt-NGO irritiert zusätzlich, dass ein Teil der in Rumänien zu Schweighofer gehörenden Wälder Gütesiegel für nachhaltige Forstwirtschaft tragen. Es handelt sich dabei um die international bekannten Siegel FSC (Forest Stewardship Council) und PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification), deren Logos die KonsumentInnen auf vielen Holzprodukten, auch auf Verpackungen, Heften und Briefkuverts, finden können und die einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Rohstoff versprechen.

Verlässliche Siegel? Hier soll der Frage nachgegangen werden, wie sehr man sich auf solche Gütesiegel verlassen kann, oder ob sich manche Unternehmen nur „grün darstellen“ wollen, wie das Magazin „Datum“ kürzlich schrieb.

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt ja aus der Forstwirtschaft, wo er als Forderung, nicht mehr Bäume zu fällen als nachwachsen können, schon im 18. Jahrhundert definiert wurde. In den heutigen Sprachgebrauch kam das Wort vor allem nach dem „Erdgipfel“ 1992 in Rio, der im Zeichen von Entwicklung und von Umweltschutz (Englisch: „Environmental Stewardship“) stand. Bald danach bildeten NGOs und HändlerInnen in Kalifornien und Mexiko die internationale FSC-Organisation zur Zertifizierung nachhaltiger Forstwirtschaft. Seit seiner Gründung hat allein der FSC, dessen Hauptsitz seit 2003 in Deutschland ist, weltweit 179 Millionen Hektar Wald in 80 Ländern zertifiziert.

Nachhaltigkeitssiegel gibt es mittlerweile unter anderem auch für Lebensmittel (z.B. für Meeresfisch) und für Textilien.

Nachhaltigkeit wird in den UNO-Entwicklungszielen ebenso gefordert wie im Amsterdam-Vertrag der EU. Und immer geht es dabei um drei Komponenten: Eine nachhaltige Entwicklung könne nur erreicht werden, wenn sie ökologisch verträglich, wirtschaftlich tragfähig und sozial gerecht ist.

Umfragen hätten ergeben, dass in Österreich „mehr als die Hälfte der VerbraucherInnen an nachhaltigem Konsum interessiert“ sei, heißt es in einer Publikation des Vereins für Konsumenteninformation („Nachhaltig leben“). Aber nur ein kleiner Teil davon könne diesen Wunsch auch realisieren. Der Grund liege – abgesehen vom oft höheren Preis – vor allem am unübersichtlichen Dschungel der Gütesiegel. Diese gibt es ja nicht nur für Nachhaltigkeit, sondern auch für viele andere Bereiche, vom fairen Handel über giftfreie Textilien bis zum „Leaping Bunny“ für „tierfreundliche Kosmetik“.

Es sei schwer, sich in diesem „Urwald voller Gütesiegel“ zurechtzufinden, meint auch Nunu Kaller, Konsumentensprecherin von Greenpeace Österreich. Auf dem Weg zu verantwortungsvollerem Konsum hat sie selbst einen einjährigen Kaufstreik für neue Kleidung, Schuhe etc. gestartet und darüber ein Buch geschrieben: „Ich kauf nix! Wie ich durch Shopping-Diät glücklich wurde.“ Am Schluss gibt sie Tipps für bewussteren, verantwortungsvollen Konsum. Auf Gütesiegel könne man sich nicht blind verlassen, sagt sie. Einige seien zwar gut, andere aber „eindeutig zu schwach und mit manchen wird wirklich Schindluder getrieben“.

Schwache Siegel. Das beginne schon mit der Definition scheinbar einfacher Infos wie der Herkunft. Ein in China produziertes Kleidungsstück, „an dem in Griechenland noch ein Knopf angenäht wird“, könne als „Made in the EU“ angeboten werden.

Bei den Nachhaltigkeitssiegeln für Fisch sieht Greenpeace beispielsweise das Zeichen MSC („Marine Stewardship Council“) kritisch. Die Kriterien für das von einer privaten Organisation vergebene Siegel seien „nicht stark genug“, weil sie etwa den den Meeresboden schädigenden Fischfang mit Schleppnetzen nicht untersagen.

Bei Papierwaren mit dem Siegel „FSC Mix“ hat Kaller wiederum das Problem, dass daraus nicht klar hervorgehe, was in dem Produkt genau steckt. Es können sowohl Materialien aus FSC-zertifizierten Wäldern als auch Recyclingpapier und nicht nachhaltige Rohstoffe enthalten sein.

„Am Anfang des kritischen Konsums steht immer die Information“, ist Kaller überzeugt. Um verlässliche Siegel von einem möglichen „Greenwashing“ unterscheiden zu können, gibt es entsprechende Listen auf den Websites von NGOs oder von bewusstkaufen.at, einer umfangreichen Siegel-Auflistung des Lebensministeriums (siehe Gütesiegel-Ratgeber).

Verkaufsargument. Die Siegel haben aber nicht nur als direktes Verkaufsargument gegenüber den KonsumentInnen Bedeutung. Auch die industriellen AbnehmerInnen von Rohstoffen – bei Holz und Papier sind das große Möbelfirmen wie Ikea sowie Verpackungsriesen wie Tetrapak und Mondi – kaufen zunehmend nur bei zertifizierten Lieferanten. Für die Umwelt und gute soziale Standards engagierte NGOs schätzen den Wert der Zertifikate aber oft ganz unterschiedlich ein.

Im Bereich der Forstwirtschaft schneidet das Siegel der FSC-Organisation, die Wälder in 80 Ländern kontrollieren lässt, sowohl bei Greenpeace als auch beim WWF am besten ab. Das PEFC-Siegel gilt als weniger stark. Von Greenpeace wird allerdings immer wieder kritisiert, dass die Nachfrage nach FSC-zertifiziertem Holz, das vor allem aus Kanada und Russland kommt, zu groß ist. Dafür würden unerlaubterweise auch intakte Urwälder abgeholzt.

Noch schärfer fällt die Kritik kleinerer NGOs, wie FSC-Watch und „Rettet den Regenwald“, aus. Letztere moniert, dass bei FSC, das ursprünglich zur Kontrolle von Tropenholz gedacht war, nur 13 Prozent der zertifizierten Flächen in den Tropen liegen. Trotz FSC und anderer Waldsiegel gehe die Regenwaldrodung weiter. Außerdem, so klagt „Rettet den Regenwald“, zertifiziere FSC weltweit auch 50 Millionen Hektar an Plantagenwäldern. Diese müssen nach den internen Regeln z.B. von gentechnisch veränderten Pflanzen und von besonders schädlichen Pestiziden frei sein. Ob die Regeln eingehalten werden, ist eine andere Sache.

Diese NGO hat eine grundsätzlich kritische Position zu den naturfernen Industrieplantagen, in denen u.a. in Brasilien, Thailand und in Südafrika schnell wachsende Bäume (Eukalyptus, Kiefer) gezüchtet werden – mit all den negativen Folgen einer Monokultur: Bedrohung der Artenvielfalt, hoher Wasserverbrauch, Verdrängung der ansässigen Bevölkerung.

Problemfeld Palmöl. Weltweit aktive Groß-NGOs wie Greenpeace und der WWF sind in den vergangenen Jahren dagegen dazu übergangen, Verbesserungen im Dialog mit der Forstwirtschaft anzustreben.

Besonders dramatisch ist die Situation bei Palmöl, mit einer Jahresproduktion von 60 Millionen Tonnen weltweit. Palmöl gehört inzwischen zu den am weitesten verbreiteten Speisefetten. Der Großteil der Plantagen, in denen die wie große, rotbraune Ananas aussehenden Früchte auf hohen Palmen wachsen, befindet sich in Südostasien. Allein auf Inseln Indonesiens gibt es tausende Quadratkilometer an Palmölplantagen, für die vor allem Regenwald zerstört wurde.

Seit 2003 sitzt die Industrie mit dem WWF an einem „Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl“ („Roundtable on Sustainable Palm Oil“, RSPO) zusammen, um nachhaltige Anbaumethoden zu unterstützen und die Schädigung der Umwelt zu begrenzen.

In jüngster Zeit zeigt sich auch Greenpeace für diesen Dialog aufgeschlossen. Allerdings „gibt es derzeit kein Zertifikat, das die Rodung von Regenwald für die Palmölproduktion verhindert“, sagt Lukas Meus, Kampagnensprecher von Greenpeace Österreich. Bei der Kontrolle der Lieferkette gebe es ebenfalls Mängel. Die weiter verarbeitenden Firmen in Europa „wissen oft nicht einmal, woher ihr Palmöl kommt“. Greenpeace hofft auf eine neue Initiative, die Palm Oil Innovation Group (POIG), mit der die Richtlinien für nachhaltige Palmölproduktion verschärft werden sollen. Man will Landschaften klassifizieren, um die verbliebenen Wälder zu schützen und stattdessen etwa Graslandschaften für die Palmölproduktion zu nutzen.

Unverbindlich. Die deutsche Autorin Kathrin Hartmann, die auf indonesischen Palmölplantagen recherchierte, hält von solchen Innovationen nichts. Letztlich werde auch das nur eine freiwillige Vereinbarung ohne rechtliche Verbindlichkeit sein. „Wenn Greenpeace herausfindet, dass wieder Zerstörung stattfindet, dann heißt es von Seiten der Industrie, ups, Entschuldigung, wir werden uns bessern – und das Spiel wird unendlich so weitergehen.“ (Siehe Interview auf Seite 32.)

Noch schärfer geht Hartmann mit dem WWF ins Gericht, der mit am Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl sitzt. Er gehe davon aus, dass kleine Verbesserungen von großen Firmen weitreichende positive Folgen hätten, „aber er hat keinen Beleg dafür, dass das funktioniert“.

Michael Zika vom WWF Österreich bestreitet nicht, dass seine NGO im Bemühen, „die wertvollsten Gebiete auf unserem Planeten zu schützen“, mit Firmen kooperiert. Denn nur so sei es möglich, nachhaltige Wirtschaftsweisen zu etablieren, wie etwa durch glaubwürdige Zertifizierungen. „Sollte es bei Nachhaltigkeits-Zertifikaten zu Betrügereien und Greenwashing kommen, dann nimmt der WWF hier immer wieder eine Watchdog-Rolle ein und zeigt mögliche Verfehlungen auf.“

So verlangt der WWF nun von den FSC-KontrolleurInnen konkret eine Sonderprüfung der österreichischen Holzfirma Schweighofer und deren Aktivitäten in den Wäldern Rumäniens. Denn laut Statuten der Prüforganisation können nachweislich „unangemessene Aktivitäten“ einer Firma – auch außerhalb ihrer FSC-Wälder – zum Verlust des Nachhaltigkeitslogos führen.

Erhard Stackl ist freiberuflicher Autor und Journalist und Herausgebervertreter des Südwind-Magazins.

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