Von Zielen und Zäunen

Die Sustainable Development Goals (SDGs) sollen die Entwicklung der nächsten 15 Jahre prägen. Die Aufbruchstimmung hält sich noch in Grenzen.

Von Christina Bell
© Illustration: Thomas Kussin

Das Jahr 2015 ist bedeutsam für die Zukunft der Welt – zumindest wenn man die Liste an politischen Großereignissen betrachtet. Den Auftakt machte die Entwicklungsfinanzierungs-Konferenz in Addis Abeba im Juli, zu Jahresende wartet der Klimagipfel in Paris, und derzeit bereitet sich die internationale Gemeinschaft gerade auf den UN-Sondergipfel in New York vor, bei dem von 25. bis 27. September die Sustainable Development Goals (SDGs) beschlossen werden sollen. Die neuen Entwicklungsziele lösen die Millennium Development Goals (MDGs) ab und werden die internationale Agenda der nächsten 15 Jahre maßgeblich mitbestimmen. Die Weltöffentlichkeit hält buchstäblich den Atem an, die NGOs arbeiten fieberhaft zum Thema, die Zeitungen sind voll mit den SDGs. Möchte man meinen. Vielmehr gelingt es eher nur vorinformierten MedienkonsumentInnen, Berichte zum Thema zu finden, die breite Öffentlichkeit kann mit den neuen drei Buchstaben noch wenig anfangen, und selbst in NGO-Kreisen ist die Begeisterung enden wollend.

Nicht weniger als das „Synonym für ein neues umfassendes Entwicklungsparadigma“ werden die VertreterInnen von 193 Staaten aller Wahrscheinlichkeit nach verabschieden, analysiert Michael Obrovsky von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung die Rhetorik im Vorfeld. Die Beschlussvorlage für die SDGs wurde Anfang August fertig (Mehr dazu ab S. 36). Stolze 17 Ziele und 169 Unterziele umfasst die To-do-Liste der Welt bis 2030.

Globale Fleißaufgabe. Die inhaltliche Bewertung der SDGs wird noch viele Publikationen füllen. Ein Manko ist das Fehlen von Verbindlichkeit, viel kritisierte Schwäche der MDGs und absehbarer, aber enttäuschender Kompromiss der neuen Agenda. Die Dachorganisation entwicklungspolitischer NGOs in Österreich, die AG Globale Verantwortung, hofft auf „ausreichend internationalen und öffentlichen Druck für die Erreichung der Ziele, damit der politische Wille und das Bekenntnis gestärkt wird“. Wenn das nur nicht zu große Erwartungen sind. In Europa würden Herr und Frau Durchschnittsbürger derzeit am liebsten einen Zaun bauen, um sich vor der bösen Welt zu schützen, die etwa in Gestalt von Flüchtlingen ungefragt vor ihrer Tür steht. Die Politik, und das ist ungleich schlimmer, kann dem mangels besserer Ideen einiges abgewinnen. Globale Zusammenhänge zu erkennen geschweige denn zu vermitteln ist im politischen Geschäft gerade nicht en vogue. Und sowohl Griechenland-Causa als auch Flüchtlingskrise zeigen, dass auch Solidarität als politische Kategorie schon bessere Zeiten erlebt hat.

Wie immer man den Erfolg der MDGs bewertet, die Ziele lenkten die Aufmerksamkeit der Welt für eine Weile auf Entwicklung und Armutsbekämpfung und sorgten für eine globale Dynamik. Die SDGs, weitaus ambitionierter und im Aufmerksamkeits-Wettstreit mit multiplen Krisen, brauchen ein ähnliches Momentum. Sonst laufen sie Gefahr, das Schicksal vieler To-do-Listen zu teilen: unerledigt in der Schublade zu verschwinden.

Christina Bell ist Redakteurin des Südwind-Magazins.

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