Vorgeschmack des Urlaubs

Der Buchhändler unseres Vertrauens verzichtet darauf, die hier empfohlenen Bücher im Urlaub selbst zu genießen. Für die Südwind-LeserInnen schlüpft er in die Rolle des professionellen Vorkosters.

Von Rudi Lindorfer
Der Buchhändler unseres Vertrauens hat wieder ein paar Schmankerl vorgekostet.

Neuerscheinungen für den Urlaub zu empfehlen, heißt für mich, Bücher, die ich eigentlich selber im Urlaub lesen wollte, vor diesem lesen zu müssen – wobei sich „müssen“ nicht auf „lesen“, sondern auf „vor dem Urlaub“ bezieht. Es ist nicht so, dass es nicht genug an neuen Büchern gäbe, aber meine Urlaubslektüre will ich nicht von der tragischsten Sorte. Zwar gibt es LeserInnen, die nur dann, wenn sie Zeit zum Reflektieren haben, Bücher wie Dave Eggers biografischen Roman über Valentino Achak Deng (siehe auch: www.valentinoachakdeng.org) „Weit gegangen“ verkraften. Achak ist sieben Jahre, als der Krieg sein Dorf im Südsudan erreicht. Er verliert seine Familie, seine Freunde und nach fünfzehn Jahren Flucht und Aufenthalten in verschieden Flüchtlingslagern gelangt er in die USA – und auch hier wird seine (Über)-Lebenskraft auf eine harte Probe gestellt.

Hätte ich diesen zu Recht hoch gelobten Roman im Urlaubsgepäck, müsste ich nachher, quasi zur Entspannung, z.B. Adaobi Tricia Nwaubanis „Die meerblauen Schuhe meines Onkels Cash Daddy“ lesen. Nicht, dass die junge Autorin eine heile Welt herbei schriebe, aber sie führt mit Witz und Charme vor, warum und vor allem auch wie die an Millionen Adressen gesandten Mails „Lieber Freund, ich habe 50.000.000 Pfund Sterling …“ immer wieder einen oder eine „Mugu“ finden, deren Bankkonten in Erwartung von gutgeschriebenen Millionen statt dessen leer geräumt werden. Adaobi Tricia Nwaubani führt durch ein modernes Nigeria, in dem Skrupellosigkeit siegt, wenigstens vorläufig, die Abkassierer werden einem wenigstens auch ein bisschen sympathisch, weil sie nach alter Tradition ihre (Groß-)Familien unterstützen und versorgen.

Beinahe sozialromantisch mutet Emmanuel Dongalas Roman „Gruppenfoto am Ufer des Flusses“ an. Der Autor aus der Zentralafrikanischen Republik schreibt über einen Aufstand von Steinklopferinnen, die einen besseren Lohn für ihre gefüllten Schottersäcke verlangen und deswegen nicht nur den Geschäftemachern, sondern auch der großen Politik in die Quere kommen. Ihr Zusammenhalt, ihre Unbestechlichkeit und die Solidarität der BewohnerInnen ihrer Stadt mit ihnen lässt selbst die Präsidentengattin kapitulieren. Emmanuel Dongala lässt kein Klischee aus: kein Schicksalsschlag, den nicht irgendeine der Frauen meistern musste, und so ist der Roman eine tiefe Verbeugung vor den Frauen Afrikas und ein Aufmerksammachen auf ihre Situation.

Aufklärungsliteratur im besten Sinn ist Leonardo Paduras „Der Mann, der Hunde liebte“. Der Kubaner nimmt ein spannendes und noch immer viel zu wenig diskutiertes Stück Zeitgeschichte als Vorlage für seinen Roman. Er spannt einen Bogen vom spanischen Bürgerkrieg bis zum Kuba von heute und rechnet dabei mit dem Stalinismus ab. Ebenso ist das Werk eine Roman-Biografie Trotzkis wie auch die seines Mörders und die Geschichte eines an der kubanischen Realität scheiternden Schriftstellers.

Licht in korrupte Politiker- und Oberschichtkreise in Indien bringt Vikas Swarup in „Immer wieder Gandhi“. Der immer dreister werdende Sohn eines pensionierten Regierungschefs schreckt auch vor Mord nicht zurück. Der Vater, der seine Eskapaden immer ausgebügelt hat, fällt allerdings fallweise für seine Verteidigung aus, denn bei einem Unfall hat er sich den Kopf derartig angeschlagen, dass er meint, Gandhi zu sein – bis er wieder eine auf den Schädel bekommt. Dieses Spiel geht ein paar Mal hin und her, sehr zur Erheiterung der LeserInnen.

Diese Bücher hätte ich diesen Sommer gerne eingepackt, anderseits habe ich zu Hause einen Stapel liegen, der mir die Qual der Wahl bereiten wird, also gut, dass ich wenigstens die obigen nicht mit einbeziehen muss.

Rudi Lindorfer ist Buchhändler bei Südwind Buchwelt in Wien.

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