Voyeuristischer Blick

Die Art, wie weibliche Genitalverstümmelung hierzulande thematisiert wird, sagt viel über den Umgang mit weiblicher Sexualität in unserer eigenen Gesellschaft aus, meint Meike Lauggas.

Seit knapp zehn Jahren erscheint der Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) auch auf den Agenden westlicher Entwicklungsorganisationen. Jüngstes prominentes Beispiel in Österreich: die Katholische Männerbewegung, die mit der Romero-Preis-Verleihung an Waris Dirie ein medienwirksames Zeichen setzt, sich für die sexuellen Rechte von Afrikanerinnen zu engagieren.
Nun sei hier nicht der Kampf gegen FGM in Frage gestellt. Wohl aber die Art und Weise, wie er in unseren Breiten zum Thema gemacht wird.
Vieles von dem, was im Kontext des FGM-Diskurses gesagt und suggeriert wird, spielt auf dem Terrain kolonial und rassistisch geprägter Bilder und Ansichten. Geht man ihnen nach, findet man heraus, was der Norden über sich selbst sagt, wenn er über weibliche Genitalverstümmelung im Süden spricht.

Beschreibungen von FGM folgen fast immer dem gleichen Muster. In der Art eines Gruselcrescendos werden verschiedene Typen der Verstümmelung angeführt. Der Höhepunkt wird mit der Beschreibung der Infibulation, der vollständigen Entfernung der äußeren Geschlechtsorgane erreicht. Der Zusatz, diese Form würde auch die „pharaonische“ genannt, darf dabei nicht fehlen. Immer sind es „Scherben“ und „Dornen“, mit denen das Ritual durchgeführt wird. Die Selbstdarstellung der Sprechenden ist dabei immer eine von explizit Zivilisierten, die sich voller Abscheu und Unverständnis von einem barbarischen Kontinent abgrenzen. Dass Verstümmelungen auch in modernen afrikanischen Spitälern durchgeführt werden, bleibt ausgeblendet. Übrigens finden sich angeblich auch in Wien, in Berlin, in Paris und anderswo Ärzte (und Ärztinnen?), die „zivilisiert und hygienisch“ Klitorisentfernungen bei Mädchen gegen stattliche Bezahlung durchführen – zwar illegal, aber Anstrengungen gegen FGM innerhalb dieses Terrains sind marginal.
Schwarze Frauen und Männer dienen seit den Kolonialdiskursen des 19. Jahrhunderts als Antithese für europäische Sexualmoral, schwarze Frauen als Symbol entfesselter, „primitiver“ Sexualität, festgemacht am Genital, oft an der „exzessiven“ Größe der Klitoris: Erinnert sei an die im 19. Jahrhundert als „Hottentotten-Venus“ in mehreren europäischen Ländern zur Schau gestellte Saartje Baartman, deren Vagina nach ihrem Tod konserviert und bis in die 1970er in einem Pariser Museum ausgestellt wurde. Erst nach zähen, langjährigen internationalen Anstrengungen konnte sie 2002 in Südafrika bestattet werden.

Im 19. Jahrhundert gab es medizinischen Austausch in Bezug auf die Verstümmelung weiblicher Genitalien zwischen europäischen „Forschungsreisenden“ in Afrika und den Zuständigen vor Ort. Zur Bekämpfung von Masturbation, zur Vereindeutigung ihrer Geschlechtszugehörigkeit (bei zu großer „Klitoris peniformis“), gegen das als „übermäßig“ oder „falsch“ qualifizierte sexuelle Begehren von Frauen, gegen ihre „Verrücktheit“ oder schlicht aus kosmetischen Gründen wurde (und wird) auch in Europa „operiert“. Diesbezügliches Geschichtswissen ist nicht weit verbreitet oder interessant.
Der voyeuristische Blick auf die Geschlechtsorgane von Afrikanerinnen degradiert und entmenschlicht sie, wie er sie auch zum Schweigen bringt. Es wird keine Intimität respektiert, der Gedanke an ihre mögliche Beschneidung, der auf alle schwarzen Frauen projiziert wird, macht sie wiederum zu stummen Opfern.

Dies soll nicht die eminenten Unterschiede relativieren, die es zwischen FGM und europäischen Traditionen der Genitalverstümmelung sowohl in Verbreitung als auch Qualität gibt. Es ist ein Hinweis darauf, wo das große Schweigen, Verschieben und Nichtwissen stattfindet und wo die blinden Flecken im kulturellen Gedächtnis Europas sind. Wer weiß noch, dass es Frauen und Feministinnen aus afrikanischen Ländern waren, die bei der UN-Frauenkonferenz 1995 in Beijing den Kampf gegen FGM auf die weltweite Tagesordnung setzten – und damit aus engen medizinischen, ethnologischen und feministischen Kreisen heraus an die Öffentlichkeit holten? Sie wurden gehört, unterstützt, wahr- und ernst genommen – und vielfach wieder vergessen, in Betroffenheit versenkt.
Unter dem Code FGM wird im „Norden“ häufig ein ganz anderer Diskurs betrieben, der hier eine pauschale „sexuelle Selbstbestimmung von Frauen“ als realisiert und damit nicht weiter erwähnenswert betrachtet: Schließlich sind sie unbeschnitten.
Warum gibt es aber im Deutschen kaum Begriffe für das weibliche Geschlechtsorgan? Warum ist es so schwierig, öffentlich über weibliche Sexualität zu sprechen und so einfach, weibliche Genitalverstümmelung detailliert zu beschreiben? Oder verhält es sich eben umkehrt, dass die Entrüstung über FGM in Europa eine der raren Möglichkeiten gibt, weibliche Lust überhaupt zu erwähnen?


Literaturtipps:
Alice Walker, Sie hüten das Geheimnis des Glücks. Roman, Reinbek/Hamburg 1993

Marion Hulverscheidt, Weibliche Genitalverstümmelung.
Diskussion und Praxis in der Medizin während des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum, Frankfurt/M. 2002

Anne McClintock, Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest, New York-London 1995

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