Wachstum ins Desaster

Das Paradigma des unbegrenzten Wachstums der Wirtschaft wird seit Jahrzehnten kritisiert, ohne seine Wirkkraft zu verlieren. Alternative Ansätze sind vorhanden. Deren Umsetzung auf breiter Basis lässt noch auf sich warten.

Von Alina Brad und Christina Plank

Wirtschaftliches Wachstum wird meist mit gesellschaftlichem Wohlstand und Lebensqualität gleichgesetzt. Der allgemeine Tenor lautet, dass Wachstum nicht nur zu Wohlstand, sondern auch zu Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden beiträgt. Die negativen Begleiterscheinungen des Wachstums sind jedoch immer deutlicher sichtbar. Sie zeigen sich in der Übernutzung natürlicher Ressourcen, der Erosion der Biodiversität, einem Voranschreiten des Klimawandels, zunehmenden Verteilungsungleichheiten wie auch einer sich ausweitenden Armut. Die Verbreitung ressourcenintensiver Produktions- und Lebensweisen in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien sowie ihre gleichzeitige Intensivierung in den Ländern des Nordens führen zudem zu einer erhöhten Nachfrage nach Energie und Naturressourcen. Dadurch vergrößert sich der ökologische Fußabdruck*) aller Länder.

Würden weltweit so viele Rohstoffe und so viel Energie pro Kopf konsumiert wie in Österreich, wären drei Planeten notwendig, um den Verbrauch zu decken. Vor diesem Hintergrund wird im entwicklungspolitischen Diskurs oftmals die Frage gestellt, unter welchen Bedingungen Länder des globalen Südens den Lebensstandard des Nordens „einholen“ können, ohne die planetarischen Grenzen zu überschreiten. Doch was verbirgt sich hinter dieser Sicht von Entwicklung?

In einer zunehmend globalisierten Wirtschaft und Arbeitsteilung werden „schmutzige“ Produktionsschritte in die Länder des globalen Südens verlagert. Der darauf basierende Massenkonsum trägt jedoch nicht nur zu materiellem Wohlstand, sondern ebenso zu verheerenden Umweltauswirkungen bei und fördert sozial-ökologische Konflikte an den Orten der Produktion sowie der Ressourcenextraktion. Billige Kleidung, günstig produzierte Nahrungsmittel oder stets neue Modelle verschiedenster elektronischer Geräte sind nur einige Beispiele für  Konsumgüter, auf denen unsere alltägliche Lebensweise beruht.

Auch in den Schwellenländern sind steigendes Wirtschaftswachstum und immer anspruchsvollere Konsumgewohnheiten sowie eine rasante Urbanisierung mit einem hohen Ressourcenverbrauch verbunden und führen zu massiven Umweltbelastungen. Der ökologische Fußabdruck Chinas hat sich in den letzten vier Jahrzehnten vervierfacht. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist die größte Komponente des ökologischen Fußabdrucks. Ihr Anteil hat von 10 Prozent im Jahr 1961 auf 54 Prozent 2008 zugenommen. Nun scheint die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ihre Umweltpolitik zu überdenken und den Treibhausgas-Ausstoß erstmals mit einer Obergrenze eindämmen zu wollen.

Ein relativ harmloser Tropensturm löste im vergangenen Jänner auf der philippinischen Insel Mindanao große Überschwemmungen aus. Ein Bauer rettet die Habseligkeiten seiner Familie.

Eine Reduktion des Energie- und Ressourcenverbrauchs ist, global gesehen, – und hier vor allem seitens der Länder des Nordens – unbedingt notwendig. Dies wird ersichtlich, wenn man sich verschiedene Szenarien möglicher Entwicklungswege vorstellt, die das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) in seinem Bericht 2011 veröffentlicht hat. Sollten die Industrieländer ihren Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch beibehalten und die Entwicklungsländer eine Anpassung an dieses Niveau erreichen, würde die jährliche Ressourcenextraktion bis 2050 auf das Dreifache ansteigen. Aber auch eine Halbierung des Pro-Kopf-Verbrauchs in den Industrieländern würde, bei einer gleichzeitigen Anpassung der Entwicklungsländer, eine 40-prozentige Zunahme der Ressourcenextraktion zur Folge haben.

Trotzdem wurde im Rahmen von internationalen Klimaverhandlungen wie beispielsweise den UN-Klimakonferenzen bisher deutlich, dass weder die aufsteigenden Schwellenländer noch die Länder des Nordens, die einen überdurchschnittlich hohen Verbrauch der vorhandenen Biokapazität aufweisen, Umweltmaßnahmen auf Kosten des Wirtschaftswachstums durchsetzen wollen. Während beispielsweise Inselstaaten, die bereits stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, seit Jahren versuchen, ein globales Abkommen zu vereinbaren, treten viele Industrie- und Schwellenländer gegen konkrete Klimaziele wie eine verbindliche Begrenzung von CO2-Emissionen auf.

Doch scheinen Extremwetterereignisse die Schlüsselstaaten in jüngster Zeit zu motivieren, ernsthafte Verhandlungen zu führen. UmweltaktivistInnen sprachen im Anschluss an die UN-Klimagespräche im Juni dieses Jahres in Bonn von klaren Signalen für Bewegung im internationalen Klimaschutz. China und die Vereinigten Staaten, die weltgrößten Verursacher von CO2-Emissionen*), zeigten Bereitschaft für feste Emissionsziele bzw. wurden massive Einschränkungen für Kohlekraftwerke in Aussicht gestellt. Ob diesen Ankündigungen auch Taten folgen werden, wird sich bei der Weltklimakonferenz 2015 in Paris zeigen, wo ein verbindliches Klimaabkommen verabschiedet werden soll.

Gleichzeitig birgt die Fokussierung auf eine CO2-Reduktion weitere Gefahren in sich. So werden höchst problematische Energiegewinnungsformen wie beispielsweise Fracking zur Gewinnung von Schiefergas, die einen geringeren CO2-Ausstoß als vergleichsweise Kohlekraftwerke aufweisen, verstärkt gefördert (vgl. Thema im Südwind-Magazin 3/2014). Zudem wird seit den letzten Jahren aufgrund eines vermeintlich zunehmenden Bewusstseins für ökologische Probleme die so genannte „Green Economy“ als prominente „grüne“ Wachstumsstrategie zur Bearbeitung der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie zur Einhaltung der planetarischen Grenzen propagiert (siehe auch Beitrag auf Seite 32).

Aus ökonomischer Sicht soll Natur geschützt werden, indem sie in Wert gesetzt wird. Natur erhält in diesem Sinne einen Preis, der über den Markt geregelt wird. Dabei werden aber weder kapitalistische Strukturen und Verhältnisse noch das vorherrschende Konsummodell in Frage gestellt, sondern es wird dem Neoliberalismus lediglich ein „grüner Anstrich“ verpasst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter Wirtschaftswachstum wird die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) als eine gesamtwirtschaftliche Größe verstanden. Wirtschaftliches Wachstum wird meist angegeben als prozentuale Veränderung im Zeitablauf als monatliche, vierteljährliche oder jährliche Wachstumsraten. Diese berechnen sich als Quotient aus der relativen Zunahme (Wachstum) des Inlandsprodukts in Beziehung zum Wert des Inlandsproduktes in der Vorperiode. Das Bruttoinlandsprodukt misst den Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen, die innerhalb von einem Jahr in einer Volkswirtschaft erzeugt werden. Allerdings wird hier nicht differenziert. Das Wirtschaftswachstum in den fortgeschrittenen Industrienationen beruht heutzutage eher auf einem Zuwachs an Dienstleistungen als einem Zuwachs an Waren, zum anderen beruht ein zunehmender Anteil des BIP auf Umwelttechnik. WeH

Daten zum Wirtschaftswachstum von der Weltbank (data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD) und der Wirtschaftskammer Österreich (wko.at/statistik/eu/europa-wirtschaftswachstum.pdf).

Ein grundlegender Wandel wirtschaftlichen Handelns und des Umgangs mit Natur findet nicht statt. Vielmehr soll mithilfe technischer Lösungen, gesteigerter Ressourceneffizienz sowie unbegrenztem Recycling ein „nachhaltiges“ Wachstum ermöglicht werden – und zwar unter Beibehaltung des Konsumniveaus sowie einer gleichzeitigen Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein Beispiel für eine solche „innovative“ Lösung war die Schaffung des Emissionshandels*), der dazu führte, dass zwar neue Profit- und Spekulationsfelder kreiert, Emissionen aber nicht reduziert werden. Länder des Nordens können über den „Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung“ in Projekte im globalen Süden investieren, über die CO2 eingespart werden soll. Dadurch können sich die Konzerne des Nordens von ihren Reduktionsverpflichtungen freikaufen und überdies ihre Technologien profitabel absetzen.

Dass die Problemlösung zum Problem werden kann, verdeutlichen die desaströsen Entwicklungen im Bereich der Agrotreibstoffe. Der Anbau von „Energiepflanzen“ wie beispielsweise Palmöl, Raps oder Soja bewirkt aufgrund der Expansion von Monokulturen immense Umweltschäden, führt zur Abholzung von Regenwäldern oder verdrängt andere Formen der Landnutzung wie z.B. klein strukturierte Landwirtschaft. So werden Menschen ihrer Lebensgrundlagen beraubt und vertrieben. Insbesondere seitdem die Finanzmärkte den Agrarsektor als profitables Investitionsobjekt entdeckt haben, nehmen Land-Grabbing (Landraub) und damit verbundene Landkonflikte weltweit zu.

Dass wirtschaftliches Wachstum überdies nicht zu Wohlstand für alle führt, zeigt sich in Ländern, die historisch durch Armut gekennzeichnet waren und welche gegenwärtig eine Steigerung des BIP verzeichnen. Zu beobachten ist eine zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich. Oftmals werden Menschen gerade aufgrund der Einbindung in den kapitalistischen Weltmarkt in die Armut befördert, indem Subsistenz-Versorgungssysteme zerstört werden, ohne den Betroffenen Alternativen zu bieten. Menschen sind daher nicht im selben Ausmaß von den sozialen und den ökologischen Begleiterscheinungen des Wachstums betroffen, sondern je nach Zugehörigkeit zu Klasse, Geschlecht, Ethnie und Alter profitieren sie von den Entwicklungen oder werden dadurch benachteiligt.

So verfügen nur einige wenige über finanzielle Ressourcen, um sich beispielsweise vor einem steigenden Meeresspiegel durch spezifische bauliche Vorrichtungen oder einen Umzug in sicherere Gegenden zu schützen.

Ökonomisches Wachstum ist ökologisch und sozial nicht haltbar, wie es bereits Anfang der 1970er Jahre der Club of Rome*) thematisiert hat. Eine Entwicklung, die ökologisch und sozial nachhaltig sein will, muss sich vom dominierenden Wachstumsparadigma verabschieden. In den heutigen Debatten um eine sozial-ökologische Transformation oder eine Postwachstumsökonomie werden bereits einige alternative Ansätze formuliert. Es bedarf neuer regionaler Versorgungsstrukturen, einer Abkehr vom Wachstumszwang sowie einer Umverteilung. Eine Reduktion von Konsumbedürfnissen, verbunden mit weniger Erwerbsarbeit und innovativer nichtkommerzieller Versorgung (Community-Gärten, Tauschnetzwerke, etc.) und einer Regionalisierung von Produktion ohne Weltmarktzwang, würde die zum Teil global arbeitsteilige Fremdversorgung verringern und eine sozial-ökologisch verträgliche Produktionsweise fördern. Zudem bedarf es einer Aufhebung der bestehenden Trennung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit sowie einer Aufwertung von Sorgearbeit. Eine Demokratisierung der Gesellschaft, des Wirtschaftssystems und die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen sind notwendig, um attraktive Formen der Produktion und Lebensweisen zu entwickeln und eine umfassende Transformation in Gang zu setzen.

*) Siehe Infobox „Begriffe“.

Alina Brad und Christina Plank sind Doktorandinnen und Lektorinnen am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und forschen zu internationaler Umwelt- und Ressourcenpolitik.

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