„Wahl zwischen zwei Übeln“

In Pakistan droht Millionen afghanischer Flüchtlinge die Deportation, wenn sie das Land nicht bis Ende 2016 freiwillig verlassen. Welche Zerreißprobe das für viele Existenzen ist, berichtet Ali Safi.

Hashmatullah Khan wurde in Pakistan geboren und wuchs hier auf – wie viele der bis zu drei Millionen afghanischer Flüchtlinge, die nach wie vor in Pakistan leben. Die Familie des 24-Jährigen hatte Afghanistan unmittelbar nach der sowjetischen Invasion verlassen. Sie zog in die pakistanische Stadt Peschawar, zusammen mit vielen anderen Flüchtlingen und afghanischen Widerstandskämpfern.

Doch nun sieht er sich gezwungen, nach Afghanistan auszuwandern: „Die Polizei in Pakistan behandelt uns schlechter als Hunde. Wir können hier nicht mehr bleiben“, so Khan.

Bereits im August wurde er festgenommen, eine Woche inhaftiert und dann nach Afghanistan abgeschoben. Er musste aber zurück nach Pakistan, um sein Geschäft aufzulösen und seinen Besitz in Geld zu verwandeln. „Natürlich mache ich mir auch Sorgen über die Sicherheitslage in Afghanistan, aber Unsicherheit ist noch immer besser, als jeden Tag beschimpft und unmenschlich behandelt zu werden.“

Nicht mehr willkommen. Ende der 1970er Jahre waren die Flüchtlinge noch mit offenen Armen empfangen worden; sie erhielten Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und konnten sich auch politisch betätigen. Das ist lange her.

Heutzutage sind die Beziehungen zwischen Afghanistan und Pakistan von einem Klima des Misstrauens und von gegenseitigen Beschuldigungen geprägt. Kabul wirft dem pakistanischen Geheimdienst ISI vor, die afghanischen Taliban politisch, militärisch und finanziell zu unterstützen und Aktivitäten ihrer Führung in Pakistan zu tolerieren. Taliban-Chef Mullah Akhtar Mohammad Mansour wurde im Mai 2016 bei einem US-Drohnenangriff in Pakistan getötet, kurz nachdem er mit einem pakistanischen Reisepass eingereist war. Pakistan benutzt zudem die Millionen afghanischer Flüchtlinge auf seinem Territorium, um auf Afghanistan Druck auszuüben und seine regionale Machtposition gegenüber seinem historischen Gegner Indien zu stärken.

Pakistan hat den Flüchtlingen in den letzten Jahren bereits mehrmals Fristen zum Verlassen des Landes gesetzt, die jedoch nicht durchgesetzt wurden, da alle beteiligten AkteurInnen, darunter auch das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR), für eine freiwillige Rückkehr plädierten.

Doch diesmal scheint es ernst zu werden. Am 29. Juni verlängerte Pakistan die Aufenthaltsberechtigung der registrierten afghanischen Flüchtlinge lediglich bis Ende 2016. Wer danach noch im Lande sei, könnte als Illegaler behandelt werden, warnte der für die Grenzregion zuständige Minister, Abdul Qadir Baloch, im Juli. „Die afghanischen Flüchtlinge sind für unser Land ein bedeutendes Sicherheitsrisiko“, sekundierte der Informationsminister der Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa, Mushtaq Ahmad Ghan.

Torcham, der wichtigste Grenzübergang zwischen beiden Ländern, der die afghanische Ostprovinz Nangarhar mit den „Stammesgebieten unter Bundesverwaltung“ (FATA) und Khyber Pakhtunkhwa verbindet, wurde von Pakistan im Juni geschlossen, um AfghanInnen daran zu hindern, ohne gültige Papiere einzureisen.

Die unsichere Rechtslage der Flüchtlinge hat die pakistanische Polizei dazu ermutigt, sie zu schikanieren, ihnen mit Abschiebung zu drohen und sie zu erpressen. Die Schikanen nahmen zu, nachdem pakistanische Taliban im Dezember 2014 die Militärschule in Peschawar angegriffen hatten; 145 Menschen, vor allem SchülerInnen, kamen damals ums Leben.

Flucht zurück. Tatsächlich hat bereits eine Rückkehrwelle eingesetzt. Nach Angaben der Präsidentschaftskanzlei in Kabul kehren derzeit täglich knapp 5.000 Flüchtlinge zurück. Für die kommenden Monate wird mit noch höheren Zahlen gerechnet.

Am 1. September trafen Vertreter afghanischer Flüchtlinge in Pakistan mit dem afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani zusammen, um über ihre Rückkehr zu sprechen. Als Voraussetzung forderten die Stammesältesten u.a. Grundstücke für Häuser, Zugang zu Schulerziehung und Gesundheitsversorgung. In Anbetracht der politischen Spannungen und der schlechten Sicherheitslage im Land scheinen viele dieser Forderungen unrealistisch. An dem Treffen mit Ghani nahm auch Hazrat Omar Zakhilwal teil, Sondergesandter des Präsidenten und Außerordentlicher Botschafter in Pakistan. „Die afghanischen Flüchtlinge sind keine Last, sondern eine wichtige Ressource für unser Land“, betonte Zakhilwal. „Sie haben sich entschieden, statt im Exil und als Flüchtlinge lieber in Würde und geachtet in ihrem eigenen Land zu leben.“

Zerrissen. Aus Sicht der HeimkehrerInnen sieht das etwas anders aus. Der 28-jährige Safiullah, der wie viele AfghanInnen nur einen Namen benutzt, kam im Alter von zwei Jahren nach Pakistan. Er baute sich eine Existenz auf, muss aber nun mit seinen drei Kindern und weiteren Familienangehörigen das Land verlassen. Mehrmals stürmte die pakistanische Polizei sein Heim. Jedes Mal sei er erpresst worden, klagte Safiullah, obwohl seine Familie mehr als 20 Jahre legal im Land lebt.

„Wir stehen vor einer Wahl zwischen zwei Übeln – zwischen einem Leben in Pakistan, wo wir täglich schikaniert und erpresst werden, und einem Leben in Afghanistan, wo uns täglich Selbstmordanschläge der Taliban oder des IS drohen. Wir haben uns für die zweite Option entschieden, denn dann sterben wir rascher und nicht einen langsamen Tod“, zieht Safiullah bittere Bilanz.

Ali Safi ist ein afghanischer Journalist und Friedensaktivist. Er lebt in Wien und arbeitet für verschiedene internationale Medien und Forschungsinstitute.

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