Warten auf den Jackpot

Am 26. und 27. März findet im südafrikanischen Durban der fünfte BRICS-Gipfel statt. Das Land am Kap verspricht sich von dem Staatenbund die Lösung vieler Probleme. Bis dahin dürfte es aber noch dauern.

Von Markus Schönherr
Noch nimmt er es gelassen: Jubel um Cyril Ramaphosa nach seiner Wahl zum Vizepräsidenten des ANC.

Gold, Platin und Diamanten in rauen Mengen: Südafrikas Handel mit wertvollen Rohstoffen boomt. Auch die kleineren Sektoren wachsen stetig, darunter der Tourismus, die Landwirtschaft oder der Kommunikationssektor. Die letzten Jahre befand sich das Land am Kap unter den am schnellsten wachsenden Wirtschaften des Kontinents. Im südlichen Afrika übt es mehr und mehr Einfluss aus. Eine Reihe an Neuerungen soll den Wirtschaftsboom auch unter das Volk bringen. Vergangenes Jahr segnete das Parlament einen staatlichen Entwicklungsplan ab, der den Weg bis 2030 vorgibt und von dem sämtliche 50 Millionen EinwohnerInnen profitieren sollen. Seit 2011 gehört Südafrika den BRICS-Staaten an.

Der Bund – bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und eben Südafrika – befindet sich auf der globalen Überholspur. Die Bündnispartner versprechen, Südafrika sowie dem gesamten afrikanischen Kontinent beim Aufbau von Infrastruktur zu helfen. Darüber hinaus ist eine BRICS-Bank in Planung, die Entwicklungsprojekte in Afrika finanzieren soll. Die Süd-Süd-Kooperation klingt vielversprechend, doch bei einem genaueren Blick wird klar: Eine sozioökonomische Revolution in Südafrika wird wohl noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Im Gespräch mit dem Südwind-Magazin sagt Roelof Botha, Berater des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers (PWC) in Pretoria: „Der BRICS-Bund hält für Südafrika gewaltiges langfristiges Potenzial bereit, wenn es um Import und Export oder um Tourismus geht.“ Noch handle es sich dabei aber um Zukunftsmusik.

Derzeit zählt Südafrikas Gesellschaft zu den ungleichsten weltweit. Mehr als die Hälfte des nationalen Einkommens geht an eine Elite von zehn Prozent. Das ärmste Viertel der Bevölkerung hat nur 3,3 Prozent des Gesamteinkommens der Nation. Nach offizieller Statistik der Regierung ist die Unterschicht in den letzten Jahren zwar nicht ärmer geworden. Allerdings wurden die Wohlhabenden reicher, während die Mittelschicht einen herben finanziellen Rückschlag erlebte. Damit hebt sich Südafrika vom generellen Trend in Afrika ab, denn in den meisten Ländern brachte der wirtschaftliche Aufschwung eine blühende Mittelschicht hervor. „Seit 2009 wächst Südafrikas Wirtschaft allerdings nur gedämpft“, sagt Botha. „Dies liegt vor allem an der Trägheit der europäischen Wirtschaft. Immer noch ist die Eurozone einer der wichtigsten Abnehmer für Exporte Südafrikas.“ Seit 2010 habe man dank des leichten Wachstums eine halbe Million Jobs geschaffen, aber immer noch betrage die Arbeitslosigkeit 25 Prozent.

Die Ungerechtigkeit bei der Einkommensverteilung und die hohe Arbeitslosigkeit schieben unzufriedene SüdafrikanerInnen vor allem ihren Arbeitgebern in die Schuhe. Die breite Unterschicht will nicht länger zusehen, wie sich eine Elite das Geld einsteckt. 2012 kam es zu hunderten gewaltsamen Streiks: Waren es erst die Bergleute, folgten später die Truckfahrer und zu Beginn dieses Jahres auch die Farmarbeiter und -arbeiterinnen. Bei den ausufernden Demonstrationen im Bergwerk von Marikana, im Besitz des Bergbauunternehmens Lonmin, waren im August des Vorjahres 34 Bergleute durch die Kugeln der Polizei gestorben. Die internationale Presse sah darin die „schlimmste Gewalt seit dem Ende der Apartheid“.

Ralph Mathekga, Politologe in Johannesburg, stellt fest: „Wir konnten bei den letzten Streiks beobachten: Je größer die soziale Ungleichheit, desto intensiver die Gewalt, desto schwieriger eine dauerhafte Lösung.“

Bisher nehmen die meisten SüdafrikanerInnen noch nicht das Potenzial wahr, das in dem boomenden Staatenbund steckt, so Mathekga, denn sie wurden bisher vom Gewinn, den das Land macht, ausgeschlossen. Ob sich die Einstellung der Bevölkerung bald ändert, werde sich zeigen. Botha von PWC meint, das BRICS-Bündnis besäße zumindest das wirtschaftliche Potenzial, um eine soziale Revolution herbeizuführen. In Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika leben 43 Prozent der Weltbevölkerung, die ein Fünftel des globalen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. In Zahlen ausgedrückt sind das 13,7 Billionen US-Dollar, Tendenz steigend. Am weltweiten Handel mischten die fünf Staaten letztes Jahr mit 17 Prozent mit, 2050 sollen sie knapp für die Hälfte des Welthandels verantwortlich sein.

Wie sähe die BRICS-Hilfe für Südafrika konkret aus? Kann das gewaltige Bündel an Geld, Verträgen und diplomatischen Floskeln tatsächlich den 11,5 Millionen SüdafrikanerInnen helfen, die laut Weltbank derzeit unter der Armutsgrenze leben? Ralph Mathekga nennt eine Antwort auf diese Frage „reine Spekulation“.

In den Augen der Regierung handelt es sich hingegen nur um eine Frage der Zeit. BRICS würde durch eine verstärkte Kooperation und Investitionen der Bündnispartner die Wirtschaft ankurbeln, meint die Ministerin für Internationale Kooperation, Maite Nkoana-Mashabane. Ausgebaute Straßen, eine Bahnverbindung von den Minen zu den großen Häfen im südlichen Afrika und Energie, die alle Haushalte erreicht – all das werde die Konkurrenzfähigkeit gegenüber anderen globalen Akteuren steigern.

Die Schaffung einer BRICS-Entwicklungsbank wird eines der Themen sein, die die Staatsoberhäupter beim Treffen Ende März diskutieren. Diese soll Projekte auch außerhalb des Staatenbunds fördern und auf diese Weise zu einer Süd-Süd-Kooperation beitragen. Ein Schlag ins Gesicht wäre eine BRICS-Bank jedenfalls für die Chinesische Entwicklungsbank und die China Exim-Bank. Beide sind mit Milliarden-Krediten in Afrika vertreten. Die BRICS-Konkurrenz würde den chinesischen Einfluss in Afrika vermutlich schwächen. Eine wirkungsvolle Süd-Süd-Kooperation könnte allerdings an Zwistigkeiten scheitern, wie jüngst der Handelsstreit zwischen Südafrika und Brasilien zeigte (siehe SWM 10/2012). Südafrika hatte Hühnerfleisch aus Brasilien mit Antidumping-Zöllen belegt, Brasilien verklagte Südafrika vor der Welthandelsorganisation. Die eigenen Interessen scheinen bei den Staaten immer noch vorrangig. 

Ein zusätzliches Hindernis, das fast vergessen scheint, ist Südafrikas Identitätskrise. Auf den ersten Blick passt das Land am Kap nur wenig in den BRICS-Bund. Verglichen mit den Partnerstaaten besitzt Südafrika eine Miniwirtschaft. Laut Jim O'Neill, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, besitzen die Mitglieder zudem eine wachsende Mittelklasse und würden die Staaten der G7 spätestens 2040 als weltbeste Wirtschaften überholen. „Südafrika ist weit von dieser Vorstellung entfernt“, schrieb die südafrikanische Wochenzeitung „Mail and Guardian“ im Oktober. „Das müssen wir akzeptieren und voranschreiten.“ Südafrikas Regierung begründet die Mitgliedschaft im Bund mit der Entwicklungsrolle, die alle BRICS-Staaten teilen und versteht sich als deren „Tor zum afrikanischen Kontinent“.

Die große Mehrheit der ÖkonomInnen glaubt an eine nachhaltige Lösung für Südafrikas Probleme durch das BRICS-Bündnis. Diese lässt aber augenscheinlich auf sich warten, weshalb der Großteil der SüdafrikanerInnen auf eine nationale Antwort auf Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit hofft. Der neue Hoffnungsträger heißt Cyril Ramaphosa. Vor kurzem wählte ihn der regierende African National Congress (ANC) zum Vizepräsidenten. Bei den übernächsten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2019 – bei den nächsten im Jahr 2014 wird wohl noch einmal Amtsinhaber Jacob Zuma antreten – hat Ramaphosa Chancen auf das Präsidentenamt. Obwohl der ANC den Einfluss von Individuen bestreitet, glauben viele, dass Ramaphosa sich der Probleme der Mittel- und Unterschicht annimmt. Bekannt wurde er als Gewerkschaftsaktivist, ehe er durch den Bergbau zum Millionär wurde. Nun trat er freiwillig aus dem Aufsichtsrat des Bergbauriesen Lonmin zurück, „um einen Interessenkonflikt zu vermeiden“. Politologe Mathekga meint: „Wir können ihm nicht die Verantwortung zuschieben, Südafrikas sozioökonomische Probleme allein zu lösen. Allerdings hat er tiefes Verständnis für die Probleme des Landes.“ Er sei nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Politiker, und er habe die Entwicklungen der vergangenen Jahre mitverfolgt.

Markus Schönherr ist Korrespondent in Südafrika. Er schreibt für Tageszeitungen, Presseagenturen und Magazine.

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