Was heißt hier „gut leben“?

Von Werner Hörtner
Bhutan hat wohl ein niedriges Bruttonationalprodukt, doch einen hohen Zufriedenheitsgrad in der Bevölkerung. Rechts (mit gelbem Schultertuch) Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, seit vier Jahren König des kleinen Himalaya-Reiches.

Ein Slogan, der wie ein Allgemeinplatz anmutet, erregt plötzlich weltweites Aufsehen. Vielleicht ist es gerade die Unverbindlichkeit dieser Formulierung, die ihr so große Attraktivität verleiht? Wenn man sich die verschiedenen Facetten dieses Begriffes ansieht, so wird man schnell sehen, dass der Unterschied bei den verschiedenen Interpretationen des Wörtchens „gut“ liegt. „Gut leben“ bedeutet für die Manager ein vielstelliges Bankkonto, auch wenn sie weder Zeit noch Energie haben, ihr Geld genüsslich auszugeben; unsere Bobos und Lohas verstehen darunter ein materiell gut abgesichertes Dasein, das sie mit gutem Gewissen genießen können; für viele Menschen auf der ganzen Welt bedeutet es eine Absicherung ihrer Grundbedürfnisse, die ihnen ein einigermaßen menschenwürdiges Leben erlaubt.

Doch nicht nur bei uns wird der Ausdruck „gut leben“ verschieden interpretiert; ihm liegt auch ein wesentlich anderes Verständnis in der traditionellen indigenen Weltsicht und in der materiellen europäischen Sichtweise zu Grunde.

Die Grüne Bildungswerkstatt Österreich hat das Konzept des „Guten Lebens“ zum Jahresschwerpunkt für 2010 ausgewählt. Die deutsche Zeitschrift „Luxemburg“, ein Magazin für Gesellschaftsanalyse und linke Praxis, hat kürzlich eine lange Analyse des „Guten Lebens“ als Alternative zum Neoliberalismus, als gegenhegemonialen Prozess publiziert. Beide meinen wohl nicht genau dasselbe, doch nähern sie sich jenem Verständnis, das in dem vorliegenden Themenschwerpunkt vertreten und ausführlich dargestellt wird: Das „Gute Leben“ als ein Weltbild, in dem der soziale Fortschritt, die psychische Zufriedenheit, die spirituellen Werte im Mittelpunkt stehen.

Auch wenn dieses Verständnis vom „Guten Leben“ in unseren Breitengraden immer schon AnhängerInnen hatte, so sind es nunmehr Länder des so genannten Südens, die die Überzeugung, dass Fortschritt und Entwicklung am kollektiven Wohlbefinden der Menschen gemessen werden sollen und nicht am Bruttoinlandsprodukt, in ihre politische Praxis umsetzen. Hier hätten unsere politischen und wirtschaftlichen EntscheidungsträgerInnen noch ein großes Lernfeld vor sich.

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