Was wir so alles brauchen ... oder auch nicht

Nehmen wir einmal an, es gelingt, mit einer noch nie da gewesenen kollektiven Anstrengung der Menschheit, völlig aus den fossilen Energieträgern auszusteigen und damit den Klimawandel „in den Griff zu kriegen“, sind unsere Probleme dann gelöst?, fragt sich Jean-Marie Krier.

Von Jean-Marie Krier
Der Klimawandel lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen einzigen Aspekt der beispiellosen Ressourcenkrise, die unser Wirtschaftsmodell dem Planeten in den letzten Jahrzehnten beschert hat. Weltweit nimmt der Druck auf die Ressourcen, ob fossil oder nicht, ob erneuerbar oder nicht-erneuerbar, permanent zu. Die zur Neige gehenden Vorräte an Erdöl oder an Zink, der aussterbende Tiger oder die überfischten Ozeane sollen als Beispiele genügen. Die Entwicklungen in China und Indien, wo hunderte Millionen Menschen versuchen, die materielle Wohlstandslücke zu den reichen Ländern zu schließen, verschärfen die Situation weiter.
Ein gutes Maß für den Druck auf die Ressourcen ist der so genannte Ökologische Fußabdruck, der anfangs der 1990er Jahre von Mathis Wackernagel und William Rees entwickelt worden ist. Dieses Maß, das für einzelne Menschen, Städte und Regionen, Länder und nicht zuletzt für den gesamten Planeten angewendet werden kann, rechnet den gesamten Verbrauch an Naturressourcen in dafür benötigte Bodenfläche um und stellt diesen Wert den zur Verfügung stehenden bio-produktiven Flächen gegenüber.
Seit vielen Jahren zeigt sich deutlich, dass die Menschheit weit über ihre ökologischen Verhältnisse lebt. Jahr für Jahr werden ungefähr 30% mehr natürliche Ressourcen verbraucht als von der Natur in einem Jahr nachproduziert werden. Der 9. Oktober gilt als der „Overshoot Day“, der Tag eines jeden Jahres, an dem die Menschheit alle in jenem Kalenderjahr nachwachsenden Rohstoffe verbraucht hat, und ab dem sie bis zum 31. Dezember auf Pump lebt. Fast drei Monate im Jahr leben wir also zu Lasten des über Jahrmillionen angehäuften Naturkapitals und zu Lasten der nachfolgenden Generationen.

Angenommen, es gelingt, die Ressourcenproduktivität weltweit um den Faktor 10 zu erhöhen, ist dann die Ressourcenkrise gelöst? Auch dann bliebe die extrem schiefe Verteilung, bei der rund 27% der Weltbevölkerung ca. 80% der Ressourcen verbrauchen, unverändert. Eine derart ungleiche Verteilung wird immer labil sein und keine Grundlage für eine friedliche Welt sein können. Was also angesagt ist, ist ein neuer Anlauf für mehr globale Fairness, für eine wirklich globale Partnerschaft „auf gleicher Augenhöhe“.
So gesehen greifen viele der jetzt diskutierten Klimaschutz-Aktivitäten viel zu kurz. Nicht eine Einsparung um 20% ist angesagt (wie vor kurzem von der EU als großer Erfolg verkauft), vielmehr geht es darum, den Energieverbrauch in unseren Ländern auf ein global kompatibles Maß herunterzubringen. Zielmarke sind also zwei Tonnen CO2-Äquivalente an Emissionen pro Person pro Jahr. Alles andere heißt, die Rechte anderer Menschen in anderen Teilen der Welt zu beschneiden. Für Österreich und den Großteil der EU bedeutet dies, den Energieverbrauch auf rund ein Fünftel des jetzigen zu reduzieren. Zurück in die Steinzeit also?
Noch immer wird uns der Blick auf die richtigen Fragen von der herrschenden Lehrmeinung der Ökonomie verstellt. Wenn es wirklich so wäre, dass der Mensch ein Wesen mit unendlich vielen Bedürfnissen ist, die nie befriedigt werden können, dann hätten wir alle angesichts der begrenzten Ressourcen ein unlösbares Problem.
Manfred Max-Neef, chilenischer Ökonom und einer der Begründer der „Ökonomie nach menschlichem Maß“, geht von einem anderen Menschenbild aus, welches Mensch und Natur wieder versöhnen kann. Für ihn gibt es neun menschliche Grundbedürfnisse, nämlich Subsistenz, Schutz, Liebe, Verstehen, Partizipation, Muße, Kreatives Schaffen, Identität und Freiheit. Diese sind zu allen Zeiten und in allen Kulturen gleich. Das einzige, das sich ändert, ist die Art und Weise, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden. Dass dies nicht nur mittels käuflicher Produkte passieren kann, versteht sich in unserer vom Shopping dominierten Welt nicht mehr ganz von selbst.

Es ist zu befürchten, dass viele gut gemeinte Aufrufe, z.B. zu einem das Klima schonendem Verhalten, im Sande verlaufen werden, wenn wir uns nicht stärker mit der fundamentalen Frage nach den menschlichen Bedürfnissen auseinander setzen: Was braucht der Mensch? Und vor allem: was gibt es mir, mich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten?
Menschen, die ein zwei Tonnen schweres Auto in Bewegung setzen, um ihre 70 Kilo Lebendgewicht wohin zu bringen, wollen ja nicht die Umwelt schädigen, sondern etwas Anderes: Auf dieses „Andere“ kommt es an. Nur dann, wenn sozial- und umweltverträgliches Verhalten einen ähnlichen Beitrag zur Identitätsbildung bieten kann wie ein PS-starkes Auto, ein prestigeträchtiger Job, ein großes Haus oder eine exotische Fernreise, nur dann werden die, die mit einem kleineren Fußabdruck leben wollen, auch zufriedene Menschen sein können.


Das Themendreieck Bedürfnisse, Ressourcen und Fairness steht auch im Mittelpunkt einer vom Autor konzipierten Großausstellung mit dem Titel „All We Need“, die im Rahmen von „Luxemburg 2007, Europäische Kulturhauptstadt“ im ehemaligen Stahlwerk Belval im Süden Luxemburgs gezeigt wird. Öffnungszeiten: 21. April bis 28. Oktober, Di bis So von 11 bis 19 Uhr.

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