Weiße Haut und breit gebaut

Rap ist nicht immer völker- und kulturverbindend: In Deutschland provozieren seit ein paar Jahren Rapper mit nationalistischen Texten und Nazi-Symbolik.

Von Richard Solder
Fler, einer der erfolgreichen deutschen Macho-Rapper: Nazi-Nostalgie oder provokativer Verkaufsgag?

Lange Zeit galt Hip Hop, ähnlich wie Jazz, für Rechtsextreme als minderwertige „Negermusik“. Doch sie verstanden bald, dass Hip Hop so „in“ wurde, dass man damit viele junge Menschen erreichen kann. Nationalistischer Rap droht heute, massenhaft Teenager zuzudröhnen.

Die Betonung der deutschen Sprache im Hip Hop war zum Teil eine Gegenbewegung zum weltweit dominierenden US-Rap auf Englisch. Doch diese Entwicklung führte daneben zu übertriebenem Patriotismus bis hin zu Nationalismus: Macho-Rapper wie Fler verdienen seit ein paar Jahren viel Geld mit Videos und Texten, in denen Fahnen geschwenkt werden und anderssprachiger Hip Hop angefeindet wird. Für das Erscheinen des Longplayers wurde im Frühjahr 2005 mit dem Slogan „Am 1. Mai wird zurückgeschossen“ geworben – in Frakturschrift.

Im Fahrwasser dieses nationalistischen Trends wurde vielfach die Menschenwürde veroetzt: Rapper reimten Zeilen wie „Ich burn’ dich wie Synagogen“ oder „Ich vergas dich wie Hitler die Juden“. MC Ronald Mack Donald lockte in Liedern Konkurrenten „in Gasduschen“, jagte „Kinder ins KZ“ und verglich den dunkelhäutigen Rapper Afrob mit einem Affen. Selbst einer der erfolgreichsten aktuellen deutschen Musiker versuchte, mit derartigen Tabubrüchen zu punkten: In einem Song von Bushido, ebenfalls aus 2005, heißt es: „Ich hab’ den Sound für die Dealer im Park / Denn ohne mich wird deutscher Rap schon wieder nicht hart / Schon wieder ein Tag, an dem ich eure Lieder nicht mag / Salutiert, steht stramm, ich bin der Leader wie A“.

Manche Deutschrapper erklären dabei ihre Musik zu „provokativer Kunst“, die man nicht „so ernst“ nehmen dürfe. Der Buchautor Hannes Loh meinte diesbezüglich, dass eine hysterische Pauschalisierung à la „Hilfe, Hip Hop ist rechts!“ am Problem vorbeigehe: „Das eigentlich Verheerende ist, dass sich Rechtsradikale durch die Texte und visuellen Verweise bei Fler für Hip Hop zu interessieren beginnen.“ Zusammen mit dem Ko-Autor Murat Güngör analysiert er in dem Buch „Fear of a Kanak Planet: Hip Hop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap“ gekonnt die aktuelle Situation. Güngör betont jedoch, dass die befürchtete Entwicklung hin zu einem breiten, auf Dauer etablierten Nazi-Rap bis heute nicht eingetreten sei, nicht zuletzt dank der Medien: „Das spricht für die Berichterstattung über dieses Thema und die kontroverse Auseinandersetzung in der Hip Hop-Szene.“

Tatsächlich ruderten viele der selbsternannten Gangster-Rapper in der Zeit nach dem öffentlichen Aufschrei wieder zurück. Fler wagte es zum Beispiel nicht, auf seiner zweiten CD die Nationalismen von „Neue Deutsche Welle“ zu wiederholen. 2008 allerdings gab er im Track „Deutscha Badboy“ bereits wieder Zeilen wie „Blaue Augen, weiße Haut, tätowiert, breit gebaut / jeder hat’s kapiert, ein deutscher Badboy“ zum Besten. Sein nächstes Album kam kurz nach Redaktionsschluss auf den Markt. Produziert wurde es auf dem Label von Bushido. Der ist mittlerweile nicht nur Geschäftsmann, sondern auch gern gesehener Talkshowgast.

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