Weitermachen, trotz Rückschritten

Menschenrechtsexpertin Fanny Gomez klärt über die Situation der LGBTIQ-Rechte in Lateinamerika auf.

© Christina Schröder

Lateinamerika scheint auf den ersten Blick im Vergleich zu Afrika, Asien oder auch zu manchen Ländern in Europa progressiv in Sachen LGBTIQ-Rechten zu sein. Und dann gibt es wiederum große Unterschiede zwischen den Staaten. Wie kommt das?

Grundsätzlich muss man Südamerika und Zentralamerika bzw. die Karibik gesondert ansehen, denn die Gesetzgebungen sind regional sehr unterschiedlich. Während es in südamerikanischen Ländern wie Uruguay, Argentinien, Brasilien oder Kolumbien tatsächlich sehr fortschrittliche Gesetze gibt – siehe Argentinien, weltweit das erste Land, das die Rechte von gleichgeschlechtlichen Paaren denen von heterosexuellen Paaren absolut gleichgestellt hat –, schaut es in z.B. in Guayana sehr schlecht aus. Dort gibt es ein Gesetz, dass Menschen per Strafe verbietet, sich zu „nicht-redlichen“ Zwecken so zu kleiden wie das „andere“ Geschlecht! Allein die Formulierungen zeigen, welche Homophobie dort heutzutage vorherrscht.

Das eine sind Gesetze, das andere Realitäten. Sind die fortschrittlichen Gesetze dort, wo es sie gibt, auch schon in den Köpfen der Menschen verankert?

Das ist der entscheidende Punkt. So etwas geht natürlich nicht von heute auf morgen. Diese Gesetze schaffen eine Grundlage, auf die sich Personen berufen können, sowie Rechte, die auch bei Verstößen einklagbar sind. Das ist gut und stärkt die Menschen in ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Auftreten. Sie werden sichtbarer und trauen sich ihre Stimme zu erheben, wenn sie diskriminiert werden. Das allerdings ruft zum Teil auch heftige Reaktionen bei konservativen Gruppierungen hervor. An diesem Punkt sind dann (Bewusstseins-)bildende Maßnahmen in der Schule sowie in den Medien umso wichtiger. Bis die Maßnahmen auch umfassend greifen, braucht es natürlich Zeit. Das Problem ist nun zum einen, dass es ab dem Zeitpunkt, ab dem in einem Land die gesetzlichen Rahmenbedingungen gegen Diskriminierung geschaffen sind, weniger Förderungen von internationalen LGBTIQ-Organisationen gibt. Zum anderen sind in Ländern wie Argentinien oder Brasilien, aber auch Kolumbien nun rechts-konservative Regierungen an der Macht, die im Begriff sind, die Fortschritte zunichte zu machen, bevor sie wirklich bei den Menschen angekommen sind.

Abseits der Politik von Regierungen: Gibt es Kräfte, die gegen die Rechte von LGBTIQ-Menschen mobil machen?

Ja, es sind, wie wir auf Spanisch sagen „grupos antiderechos“ – also Gruppen, die sich lautstark und vehement gegen die Gleichberechtigung und für die Aufrechterhaltung traditioneller Rollenbilder und Familienformen einsetzen. Da gibt es neben den Konservativen und Teilen der katholischen Kirche auch immer mehr evangelikale Kirchen und Sekten, die es schaffen, viele Menschen zu mobilisieren, etwa bei großen Demos. In Peru, beispielsweise: Sie nennen sich „Con mis hjos no te metas!“ (kann sinngemäß mit „Haltet euch von meinen Kindern fern!“ übersetzt werden, Anm. d. Red.) Direkt nach solchen Großdemos sind immer sofort vermehrt Fälle von Gewalt an LGBTIQ-Menschen zu verzeichnen.

Wie optimistisch sind Sie, was die Zukunft angeht?

Trotz Rückschritten: die Hoffnung stirbt zuletzt! Denn, es gibt zivilgesellschaftliche Organisationen in ganz Lateinamerika – sogar in Ländern wie El Salvador, wo es besonders viel Gewalt gibt. Sie bestehen aus sehr, sehr starken Menschen, die sich mit ihrem Leben für Gleichberechtigung einsetzen. Und deswegen werden wir trotz drohender Rückschritte nicht aufhören, für die LGBTIQ-Rechte einzutreten.

Die Venezolanerin Fanny Gomez arbeitet bei der NGO Synergía, die sich von Washington, D.C., aus für LGBTIQ-Rechte in Lateinamerika und Afrika einsetzt. Die Menschenrechtlerin war 2018 zu Besuch in Wien.

Interview: Christina Schröder

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