Welt-Panorama

Ein Überblick, welche Auswirkungen die aktuelle Ernährungskrise in den Staaten des Südens hat, wie die Bevölkerungen und die Regierungen darauf reagieren und wie über Agrosprit diskutiert wird.

Von Werner Hörtner
PHILIPPINEN
Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo ist besorgt, dass die Reisknappheit und die hohen Preise zu Unruhen führen könnten. Das Land importiert zehn Prozent des Bedarfs an Reis, dem wichtigsten Nahrungsmittel - und Ende März waren die Reserven bereits auf den Konsum von zwei Wochen geschrumpft.
Neben längerfristigen Lösungen (vgl. Artikel von Roman Herre) sucht die Regierung durch Einkäufe vor allem in Vietnam und Indien den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Die Menschen stellen sich stundenlang an den öffentlichen Ausgabestellen an und versuchen immer wieder, durch neuerliches Anstellen noch eine zweite Ration zu ergattern.
Die Schweizer Investmentbank Credit Suisse hat errechnet, dass der Einkauf von 2,6 Millionen Tonnen Reis und die Abgabe zu subventionierten Preisen den Staat bis zu 1,3 Mrd. US-Dollar kosten könnte.

CHINA
Das Handelsministerium gab Ende April bekannt, dass das Land seine Getreideexporte drosseln werde, und forderte die lokalen Regierungen auf, die Reserven von Getreide, Fleisch und Speiseöl aufzustocken.
Chinas Getreidepreise gehören zu den niedrigsten der Welt. Die Reserven von etwa 250 Millionen Tonnen decken beinahe den Bedarf eines halben Jahres. Gleichzeitig wies das Ministerium die Behörden an, die Einfuhr von Pflanzenölen zu erleichtern.

SOMALIA
In dem ostafrikanischen Staat, der in letzter Zeit durch seine Luxusjachten kapernden Piraten in die Schlagzeilen geriet, begannen Ende April Demonstrationen gegen die rasant ansteigenden Lebensmittelpreise. Dazu kommt noch der Ärger, dass aufgrund der galoppierenden Inflation die LebensmittelverkäuferInnen keine Geldscheine mehr annehmen. In der ersten Maiwoche protestierte eine aufgebrachte Bevölkerung in der Hauptstadt Mogadischu vor zahlreichen Geschäften, wobei ein Ladenbesitzer einen Demonstranten erschoss.
Bei einem Besuch von Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed in Paris bat dieser am 5. Mai seinen französischen Amtskollegen Nicolas Sarkozy um Unterstützung, wobei dieser eine Verdoppelung der Nahrungsmittelhilfe zusagte. Die gewünschte Militärhilfe für das vom Bürgerkrieg zerrissene Land lehnte Sarkozy jedoch ab.

FAO / HAITI
Jacques Diouf, Präsident der UN-Landwirtschaftsorganisation (FAO), besuchte in der zweiten Maiwoche Haiti, das von den Unruhen wegen der Nahrungsmittelkrise besonders betroffene Armenhaus Amerikas. In der Stadt Cabaret traf er sich mit protestierenden Bauern und dem Präsidenten des Landes, René Preval. "Die Welt wird sich mit jedem Tag mehr bewusst, dass es kein Leben ohne Landwirtschaft gibt", so der FAO-Chef, der aus Senegal stammt.
In dem karibischen Staat, der fast alle Nahrungsmittel importieren muss, war es schon Anfang April wegen der hohen Preise zu Unruhen gekommen, bei denen mindestens sieben Menschen erschossen wurden. Als Sündenbock wählte daraufhin der Senat mit einer knappen Mehrheit Premierminister Jacques Edouard Alexis ab. Präsident Preval ließ in der Folge - mit internationaler Finanzhilfe - subventionierten Reis auf den Markt bringen.

FÜR UND GEGEN AGROSPRIT
Der EU-Kommissar für Entwicklung und Humanitäre Hilfe, Louis Michel, warnte davor, dass der Trend zu Agrosprit zu einer Nahrungsmittel-Katastrophe in den armen Ländern führen könnte. "Schon seit langem sage ich, dass diese Mode des Biosprits eine Katastrophe sein kann, vor allem in den Ländern ohne Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln." Agrotreibstoffe wären vielleicht ein Glücksfall für Länder mit Überkapazität, aber anderswo können sie zu einem Druck auf Land führen, das sonst für den Nahrungsmittelanbau für die eigene Bevölkerung genützt würde, so der Entwicklungspolitiker. Mit dieser Aussage steht Michel übrigens in völligem Gegensatz zur EU-Kommission, die weiterhin beharrlich auf dem Ziel einer 20-prozentigen Beimischung von Agrosprit bis 2020 besteht.
Auch die US-Regierung beharrt auf ihrem Programm der massiven Ethanol-Produktion auf Basis von Mais. Ein Viertel der heurigen Maisernte von 13,1 Milliarden Bushel (à 25,4 kg) soll zu Benzinzusatz verarbeitet werden. Schuld an den steigenden Nahrungsmittelpreisen sei vor allem der hohe Ölpreis, so US-Landwirtschaftsminister Ed Schafer.

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