#Weltverändern

Wie sehr helfen soziale Medien dabei, die Gesellschaft gerechter zu machen? Und was bewirken sie in Österreich? Stephan Schlögl hat Antworten.

© betterplace lab

@HBF_Vie: helfer*innen dringend am hauptbahnhof gesucht! wer mag tee ausschenken, gurken schneiden, kleider austeilen? danke!! #hbfvie #trainofhope.

Ende September setzt der Twitter-Account „Train of Hope“ der FlüchtlingshelferInnen am Wiener Hauptbahnhof diesen Tweet ab. Innerhalb weniger Minuten wird die Nachricht via dutzender anderer NutzerInnen im Netzwerk weiterverbreitet und kurz darauf kündigen sich Personen an, die kommen wollen, um Spenden zu bringen und mitzuhelfen. Situationen dieser Art spielen sich nun tagtäglich ab und demonstrieren auf beeindruckende Art und Weise das Organisations- und Koordinationspotenzial neuer Kommunikationstechnologien im Kontext zivilgesellschaftlichen Engagements. Beeindruckend deshalb, weil die Hilfe wie in diesem Fall offenbar ohne jegliche institutionalisierte Organisationsstruktur auskommt. „Train of Hope“ hat weder Vorstand noch PressesprecherIn.

Wenig Aufwand, große Wirkung. Dezentralität und Hierarchiefreiheit sind jene Schlagwörter, die gemeinhin verwendet werden, um Phänomene dieser Art zu beschreiben, und sie sind ohne soziale Medien schwer vorstellbar. Die Studierendenproteste von 2009 waren das erste Beispiel für eine solche Bewegung in Österreich. Via Facebook und Twitter wurden verschiedenste politische Aktionen koordiniert, die Besetzung von Hörsälen organisiert und im Anschluss kommuniziert, stets mit Bedacht darauf, die Herausbildung von RepräsentantInnen der Bewegung zu vermeiden.

Freilich nutzen aber längst nicht nur dezentral agierende Gruppierungen wie diese das Internet für ihre Anliegen. Auch nationale und internationale NGOs haben längst erkannt, wie sich Inhalte auch mit begrenzten finanziellen Mitteln mehr oder weniger breitenwirksam transportieren lassen. Eine der wichtigsten Strategien dabei sind sogenannte „Urgent Actions“, bei denen Organisationen Petitionen oder Protestbriefe formulieren und schließlich die Netzgemeinde dazu auffordern, diese zu unterstützen.

Der Aufwand für die UnterstützerInnen ist dabei meist minimal. Wenige Klicks reichen aus, um eine vorformulierte Email an die zuständigen EntscheidungsträgerInnen zu senden, die Protestbotschaft in sozialen Medien zu teilen oder eine Petition digital zu unterzeichnen. Mittlerweile gibt es Plattformen, die eigens dafür gemacht sind, Petitionen dieser Art Raum zu geben. Die Kampagnenplattform change.org zählt heute nach eigenen Angaben weit über 100 Millionen NutzerInnen. Ihre Petitionen reichen von der Erhaltung eines Baumhauses in einer Berliner Kleingartensiedlung bis zur Forderung des Malala Fonds, zwölf Jahre Schulbildung für alle Mädchen weltweit zu garantieren.

Von der Straße auf die Couch. „To save everything, click here“ (Um alles zu retten, klicke hier) lautet der zynische Titel eines Buches von Evgeny Morozov. Er drückt die Skepsis gegenüber dieser Form zivilgesellschaftlichen Engagements im Internet aus. Die Befürchtung vieler BeobachterInnen ist, dass sich der Protest heutzutage von der Straße auf die Couch verlagert hat und ein einziger Klick ausreicht, um den Weltverbesserungsdrang der oder des Einzelnen zu bändigen und das Gewissen zu beruhigen. „Clicktivism“ nennen KritikerInnen diesen Trend und argumentieren, dass es meist eher um Selbstdarstellung geht als um die Sache an sich.

Letztlich ist es aber Ziel jeder Protestaktion, Aufmerksamkeit für bestimmte Themen in der Öffentlichkeit zu schaffen. Heute hat sich die öffentliche Diskussion sehr stark ins Internet verlagert und dementsprechend verwundert es kaum, dass das auch den Protest mit einschließt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich diese digitale Öffentlichkeit in irgendeiner Weise entkoppelt hätte oder zum Selbstzweck geworden wäre. Anfang September schaffte es beispielswiese eine unbekannte Nutzerin, mit einem einfachen Aufruf auf Facebook über 20.000 Menschen zu einer Demonstration für menschliche Flüchtlingspolitik auf Wiens Straßen zu bewegen. Und auch etwa change.org kann zahlreiche Beispiele auflisten, bei denen Online-Petitionen zu tatsächlichen Erfolgen geführt haben.

Ermächtigung statt Machtverschiebung. Offen bleibt die Frage, ob die digitale Vernetzung grundsätzliche soziale Veränderungen in Richtung einer gerechteren Welt mit sich bringt. Klar ist, dass das Internet nicht nur von gemeinwohlorientierten Individuen, wohltätigen Organisationen oder sozialen Bewegungen genutzt wird. Vielmehr spielen diese Akteure auch im digitalen Raum eine meist marginale Rolle, und klassische Machtverhältnisse spiegeln sich auch hier wider. Die Faszination darüber, dass selbst die ressourcenärmsten NGOs ihre Botschaften heute auf einfache und günstige Weise an tausende Menschen bringen können, täuscht leicht darüber hinweg, dass sich auch das Publikum traditioneller MeinungsmacherInnen verhundertfacht hat. Die zentralsten AkteurInnen der Medienwelt sind heute wie damals PolitikerInnen, JournalistInnen und vor allem jene, die die nötigen finanziellen Mittel medialer Präsenz aufbringen können. Von einer Machtverschiebung kann demnach kaum die Rede sein.

Nichtsdestotrotz bieten soziale Medien vielfältigste Möglichkeiten und einen Ansporn zur eigenständigen politischen Partizipation im Sinne politischer Ermächtigung. Technische Errungenschaften der Kommunikationstechnologie spielen dabei eine nicht unbedeutende Rolle. Es ist allerdings nie die Technik selbst, die Veränderungen hervorbringt, sondern die Menschen, die sie entwickeln und benutzen. Insofern ist das Internet als Werkzeug zu verstehen, das – in den richtigen Händen – einen sinnvollen Beitrag zum anwaltschaftlichen Arbeiten leisten kann.

Stephan Schlögl ist Doktorand am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien und beschäftigt sich in seiner Dissertation mit Strukturen globaler Ungleichheit in computervermittelten Öffentlichkeiten. twitter.com/supersambo

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