Wenn Hilfe hilflos macht

Für manche HelferInnen kann der Auslandseinsatz selbst zu einem psychisch schwer belastenden Ereignis werden, besonders wenn sie mit Gewaltsituationen konfrontiert sind.

Von Judith Brandner
Nicaragua, Anfang 1999. Wenige Wochen zuvor hatte Hurrikan Mitch schwere Verwüstungen in dem Land hinterlassen, das zu den ärmsten der Welt gehört. Kay Stubbs, damals Mitarbeiterin des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) in Managua, begleitete als Dolmetscherin eine Journalistenreise. Der Inbegriff der Katastrophe war die sandinistische Gemeinde Posoltega am Rande des Vulkans Casita. Vom Kratersee des erloschenen Vulkans aus hatte sich eine riesige Schlammlawine über mehrere kleine Siedlungen ergossen und rund 2.000 Menschen unter sich begraben. Friedhofsstille lag über der verwüsteten Landschaft, als wir über das eingetrocknete Schlammfeld gingen. Und plötzlich wandte sich Kay Stubbs ab und begann heftig zu weinen, überwältigt von den Erinnerungen an die Kinder, die sie hier kennen gelernt und betreut hatte. Sie lagen nun unter dem Schlamm begraben.

Auch professionelle HelferInnen sind nicht davor gefeit, auf ihren Einsätzen psychisch überfordert oder traumatisiert zu werden. Mehr noch als bei der Hilfe nach Naturkatastrophen drohe diese Gefahr, wenn es um Gewaltsituationen gehe: „Ein Man-made Disaster ist bei weitem belastender als Naturkatastrophen“, bestätigt Barbara Juen, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Innsbruck, Leiterin der psychosozialen Dienste des Österreichischen Roten Kreuzes: „Das Schlimmste ist, wenn man anderen Menschen nicht mehr vertrauen kann!“ Wie bei bewaffneten Auseinandersetzungen, Bürgerkriegen oder ethnischen Konflikten.
„Man muss was aushalten können“, sagt Matthias Themel rückblickend, der von 2003 bis 2005 für die Hilfsorganisation CARE in Ruanda war. Er managte das Projekt „Nkundabana“ zur psychosozialen Förderung von Kindern in der Region Gitamara. Als Folge von Bürgerkrieg, Genozid und HIV/Aids ist in Ruanda ein großer Teil der Bevölkerung schwer traumatisiert, das soziale Gefüge ist zerstört. Die Gesellschaft hat den weltweit höchsten Prozentsatz von Waisenkindern. Hier setzte das Projekt an. Es ging darum, sozial motivierte Dorfmitglieder zu MentorInnen, sozusagen zu „Ersatzeltern“ für die vielen allein lebenden Kinder auszubilden: „Ziel waren ursprünglich 3.000 Kinderhaushalte, doch aus logistischen Gründen waren bei 2.600 die Kapazitäten unseres Teams erschöpft,“ erzählt Themel. Denn es war extrem schwierig, diese Kinder zunächst einmal überhaupt zu finden. Auch war es kaum möglich, MentorInnen auszuwählen, die selbst völlig frei von traumatischen Erlebnissen waren: „In Ruanda war jeder irgendwie vom Genozid betroffen“, so Themel. Bei der Ausbildung der Freiwilligen arbeitete CARE mit einer Organisation vor Ort zusammen, die sich auf Traumaberatung spezialisiert hat. In Workshops konnten die HelferInnen zunächst über eigene traumatische Erlebnisse sprechen, ehe es um Gewalt, Aids, Konfliktverhütung und die konkrete Arbeit mit den Waisenkindern ging.

Und die erfordert äußerstes Fingerspitzengefühl: Die Traumatisierung von Kindern ist besonders dramatisch, weil ihr Urvertrauen in einer Phase erschüttert wird, in welcher der Entwicklungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. „Kinder haben nicht so viele Bewältigungsressourcen zur Verfügung wie Erwachsene“, erklärt Barbara Juen. Ein Schutzfaktor ist Bindung. Ob und wie Kinder traumatische Erlebnisse bewältigen können, hängt davon ab, ob sie noch bindungsfähig sind und eine neue Bindung eingehen können. „Wenn ein Kind unter schlechten Bedingungen aufgewachsen ist, zusätzlich traumatisiert wird und keine Bindungsperson hat, dann erfährt es eine chronische Traumatisierung, die zu einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung führen kann“, so Juen.
Matthias Themel fand in Ruanda Waisenkinder, die ihre Situation erstaunlich gut gemeistert hatten, und solche, die verwahrlost, todkrank und halbverhungert waren.
Die Konfrontation mit den vielen tragischen Einzelschicksalen war für ihn selbst die größte psychische Herausforderung: „Natürlich gab es Momente, in denen meine Traurigkeit überhand genommen hat. Aber ich konnte das durch die Projektarbeit ausgleichen.“ Es half, den Erfolg des Projekts und die Perspektiven zu sehen. Es half, die Kinder immer wieder lachen zu sehen. Es half vor allem, dass seine Lebensgefährtin da war und er viele Gespräche mit ihr und den anderen aus dem Team führen konnte.

„Es ist gut, nicht allein zu sein!“, bestätigt auch Psychotraumaexpertin Barbara Preitler. Die Hilfe im Krisengebiet sei immer eine Gratwanderung zwischen zu intensivem Engagement und zu großer persönlicher Distanz. Man müsse auch aufpassen, nicht zynisch zu werden, beobachtet der langjährige CARE-Mitarbeiter Reinhard Trink, Koordinator bei Notfällen. Andrerseits sei es wichtig, einen gewissen Abstand zu halten und sich etwa bei Konflikten nicht auf eine Seite ziehen zu lassen. CARE arbeitet prinzipiell mit einheimischen HelferInnen in den Einsatzgebieten. Wenn zusätzliches Personal notwendig ist, werden nur erfahrene HelferInnen entsandt. Alle haben ein Basiswissen über Trauma erhalten und können z.B. an KollegInnen Krisensymptome wahrnehmen. In den Länderbüros und in Österreich gibt es das Angebot psychosozialer Betreuung.
Matthias Themel hatte vor seinem Einsatz eine intensive Vorbereitungsphase hinter sich. Schon während des Studiums befasste sich der Ethnologe und Psychologe mit dem Völkermord und dem psychischen Phänomen des Traumas. Dadurch wusste er, was ihn in Ruanda erwarten würde. Und das sei unabdingbar: „Man ist nicht nützlich, wenn man blauäugig wohin kommt und es führt zu Problemen, die die Partner vor Ort zu Recht kritisieren.“

So haben auch die Hilfsorganisationen die Verantwortung, ihre HelferInnen vorzubereiten und vor, während und nach einem Auslandseinsatz psychologisch zu betreuen: „Jeder, der sich in eine solche belastende Situation begibt, ist mit akuten Stressreaktionen konfrontiert“, weiß Barbara Juen, „Die meisten unserer MitarbeiterInnen, die auf Auslandseinsätzen waren, kennen Symptome wie Intrusionen, immer wieder kehrende, verstörende Bilder. Sie können jedoch damit umgehen, weil sie wissen, dass diese Bilder im Laufe der Zeit schwächer werden und vergehen.“ Jeder habe so seine eigene Strategie: Manche begäben sich nach einem Einsatz einige Tage in Klausur, andere wiederum müssten gerade dann unter Leute gehen.
Das Österreichische Rote Kreuz achtet bei der Auswahl von AuslandshelferInnen auf Menschen mit gefestigter Persönlichkeit, die stressresistent sind und kulturelle Sensibilität mitbringen. Daraus wird ein Pool an Einsätzkräften rekrutiert und dauerhaft auf mögliche Einsätze vorbereitet. Niemand wird ins Ausland geschickt, ohne vorher im Inland tätig gewesen zu sein. Information und das Wissen um das, was eine oder einen erwartet, stehen an oberster Stelle. „Das Schlimmste ist, wenn sich Einsatzkräfte permanent Situationen gegenüber sehen, in denen sie sich hilflos und am Ende ihrer Bewältigungsmöglichkeiten fühlen. Das macht krank“, so Juen. Sie erinnert sich an einen eher seltenen Fall. Ein Mitarbeiter entwickelte eine posttraumatische Belastungsstörung. Der Mann hatte mehrere überaus bedrückende Auslandseinsätze kurz hintereinander, ohne sich dazwischen Zeit zur Erholung zu nehmen. Dann kam noch ein schlimmes privates Ereignis hinzu: „Er hat seine persönlichen Grenzen überschritten.“ Nach einer Phase intensiver psychotherapeutischer Begleitung hatte dieser RK-Mitarbeiter die Belastung wieder überwunden.
Die große Verletzbarkeit von Kindern in Gewaltzusammenhängen steht im Mittelpunkt eines Ausbildungsprogramms für AuslandshelferInnen, welches das Wiener Boltzmann Institut für Menschenrechte entwickelt hat. Im Vorjahr gab es zum Umgang mit Kindern und Jugendlichen als Betroffenen von Gewalt einen ersten Workshop für MitarbeiterInnen des Außen- und Verteidigungsministeriums, der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit und von Nichtregierungsorganisationen. Der Jurist und Kinderrechtsexperte Helmut Sax hat dafür einen Basislehrplan entwickelt, auf dem auch künftige Programme aufbauen können. Und das ist notwendig, denn trotz Kinderrechtskonvention ist das Wissen um Kinderrechte nicht sehr verbreitet. Wie kann das juristische Rüstzeug eine Überforderung der HelferInnen verhindern? Sax: „Indem man sich nicht mit Symptombekämpfung zufrieden gibt, sondern die Strukturen dahinter erkennt und das Unrecht zu einem Thema machen kann.“

Judith Brandner ist freie Radio- und Printjournalistin. Ihre Themenschwerpunkte sind u.a. Entwicklungspolitik, Asien und Zeitgeschichte.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen