Wenn ich zurückblicke …

Das Südwind-Magazin wird 40 und die Schreiberin dieser Zeilen geht in Pension. Was sehe ich, wenn ich mich mit der Geschichte beschäftige?

Von Irmgard Kirchner
© Illustration: Thomas Kussin

Wieviel Geschichte braucht die Zukunft? Das fragt der Jahrhunderthistoriker Eric Hobsbawm (1917-2012). Unter diesem Motto widmet sich ein gerade entstehendes Universitätsprojekt in Wien der Geschichte der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (vgl. S. 42 bzw. archeza.univie.ac.at).

Wieviel Erinnerung braucht ein Staat, eine Organisation oder ein einzelner Mensch? Die entwicklungspolitische NGO Südwind und damit das Südwind-Magazin werden heuer 40 Jahre alt. Die Schreiberin dieser Zeilen hat mit Ende März das Pensionsalter erreicht und wird ab April beim Südwind-Magazin nur mehr als freie Mitarbeiterin mitwirken. Organisationen und Menschen werden älter, Wandel passiert.

Damit verbunden sind zum Ritual gewordene Rückschauen.

Brisante Geschichte. Dabei ist es eine brisante Sache mit der Geschichte, die ja an sich keinen Gegenstand hat, worauf unter anderem Karl Marx deutlich hingewiesen hat. Sie ist vielmehr ein Konstrukt, das aus dem Blickwinkel der Gegenwart entsteht. Und dieser verändert sich laufend und grundlegend.

Das Feld der Geschichtsschreibung verändert sich nicht nur, es ist auch umkämpftes Terrain. Mit Verweisen auf die Geschichte wird Bestehendes legitimiert („das war schon immer so“) oder geschwächt („das ist historisch zu sehen und passt nicht mehr in unsere Zeit“).

Das gerne zitierte Lernen aus der Geschichte im positiven Sinn gibt es sicher für Individuen, die sich entwickeln und Organisationen, die gutes Wissensmanagement betreiben. In größeren sozialen Gebilden, also etwa Staaten, herrschen widerstreitende Interessen. Da erweist sich die Geschichte als schlechter Lehrer. Zumindest wenn man an eine dauerhafte moralische Verbesserung denkt. Sonst könnte 2019 ein österreichischer Politiker nicht ungestraft sagen, das Recht habe der Politik zu folgen.

Beliebte Jubiläen. Rückschauen und Jubiläen sind auf jeden Fall beliebte Anlässe für Anerkennung und Schulterklopfen, der Kampf um die Deutungshoheit ist dann meist schon entschieden.

Der Blick auf die Vergangenheit ist stets auch Bestandteil einer gemeinsamen Erzählung, einer Geschichte, die es braucht, um Menschen zu verbinden und die als Grundlage für gemeinsames Bestreben und Handeln dient.

Geschichte allein ist allerdings nicht genug. Das Feuer einer Idee muss in jeder Generation neu entfacht werden – ob es sich um Menschenrechte, Demokratie, die Europäische Union, globale Gerechtigkeit oder die Herausgabe einer so außergewöhnlichen Zeitschrift wie des Südwind-Magazins handelt.

Und so komme ich zu meiner eigenen Geschichte, meiner fast 30-jährigen Mitwirkung an der 40-jährigen Geschichte des Südwind-Magazins. Es sind in jeder Hinsicht herausfordernde Zeiten und doch stimmt mich mein Rückblick optimistisch. Ohne vermessen sein zu wollen: Wir haben einiges bewirkt. Noch wichtiger für mich ist allerdings wahrzunehmen, dass das Feuer immer noch brennt. In mir, in meinen KollegInnen und – was wir mit Freude feststellen – auch bei Ihnen, unseren geschätzten LeserInnen.

Als Redakteurin verabschiede ich mich mit großer Dankbarkeit.

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