Wenn Mütter nicht gehorchen

Mit „sturer Liebe“ wehren sich Frauen in Simbabwe gegen Robert Mugabes Gewaltregime und rufen nach einer Erneuerung der politischen Kultur.

Von Martina Kopf
Sie nennen ihren zivilen Ungehorsam „tough love“ – sture, hartnäckige Liebe. Wie eine Mutter ihr Kind liebt und für es kämpft, selbst wenn es Blödsinn macht und sich selbst ins Verderben stürzt. So umschreibt Jenni Williams den Grundgedanken der Menschenrechtsorganisation „Women of Zimbabwe Arise“ (WOZA – „Frauen in Simbabwe, steht auf“). Die WOZA-Gründerin reiste im Herbst gemeinsam mit zwei weiteren Aktivistinnen auf Einladung von Amnesty International durch Europa, um über die Menschenrechtssituation in ihrem Land zu berichten.
2003 wurde die Organisation in Simbabwes Hauptstadt Harare ins Leben gerufen, zwei Jahre später zählt sie an die 25.000 Mitfrauen über das Land verteilt. Mit Friedensmärschen und gewaltfreiem Aktionismus rufen die WOZA-Frauen zu einer von Liebe und Respekt geprägten politischen Kultur auf – und machen mit den hasserfüllten Reaktionen von Seiten der Exekutive, die sie damit auslösen, die herrschende Gewalt sichtbar. Denn auch gewaltfreier Protest gestaltet sich schwierig. Die Regierung hat 2002 mit einem Erlass für öffentliche Ordnung und Sicherheit (POSA) die Versammlungsfreiheit massiv eingeschränkt. Jede Zusammenkunft, selbst im privaten Raum, muss bei der Polizei gemeldet und von ihr genehmigt werden. Wie sich der Erlass in der Praxis auswirkt, berichten Siphiwe Maseko und Magodonga Mahlugo. Am 31. März dieses Jahres, in der Nacht nach den Parlamentswahlen (siehe SWM 5/2005, S. 12-15), versammelten sich WOZA-Frauen auf dem Platz der Afrikanischen Einheit in Harare zu einer Mahnwache. Polizisten sprengten die Versammlung. Sie führten 265 Frauen ab, sperrten sie zusammen mit 20 Babys und Kleinkindern in einen viel zu engen Raum, droschen sie mit ihren Köpfen gegen die Wände. Im Juni verhaftete die Polizei in Simbabwes zweitgrößter Stadt Bulawayo bei einem friedlichen Protest gegen die so genannte Operation Murambatsvina 29 Frauen. Einige von ihnen wurden dabei schwer verletzt.
Murambatsvina, übersetzt „Weg mit dem Müll“, nennt die Regierung ihren jüngsten Rundumschlag gegen die eigene Bevölkerung. Beginnend mit der Hauptstadt Harare wurden seit April dieses Jahres in den Townships aller größeren Städte ganze Siedlungen von Polizei und Armee geräumt und mit Bulldozern niedergewalzt. Offizielle Begründung: Die Häuser und Unterkünfte seien ohne Genehmigung gebaut worden. Eine Strafaktion gegen die WählerInnenschaft der Opposition, lautet die gängigste These für die eigentliche Motivation. Diese ist vor allem in den Townships zuhause und soll zur Umsiedlung in Dörfer gezwungen werden, wo sie leichter zu kontrollieren ist. Doch dürften auch andere Interessen eine Rolle spielen, etwa die Angst vor einem Umsturz, die Absicht, den informellen Sektor zu zerschlagen sowie neues Bauland zu schaffen, das bevorzugt an RegierungsanhängerInnen verteilt werden kann. Nach Angaben der UNO sind inzwischen 2,4 Millionen Menschen „in unterschiedlichem Ausmaß“ von der Zwangsräumung betroffen, 220.000 Kinder sind obdachlos. 40.000 Frauen und Männer wurden verhaftet und zu Geldstrafen verurteilt, weil sie sich weigerten, ihre Häuser auf polizeiliche Anordnung eigenhändig niederzureißen.

Wie weiter mit Simbabwe? Die Vertreterinnen von WOZA wollen darauf keine Antwort geben. Fünf Jahre in die Zukunft zu denken ist ihnen momentan unvorstellbar, dafür lässt das alltägliche Überleben keinen Platz. Genauso wenig äußern sie sich zur Frage, ob die politische Opposition eine Vertrauen erweckende Alternative darstellt. Diese reibt sich in internem Machtkampf auf, der Anlass: die Senatswahlen Ende November. Morgan Tsvangirai, Vorsitzender der Oppositionspartei Bewegung für demokratischen Wandel (MDC), drohte mit dem Ausschluss all jener, die sich an den Wahlen beteiligen. Mit seiner Linie des Boykotts ignorierte er einen gegenteiligen Beschluss des Parteirats. Auch gegen Murambatsvina gab es keine koordinierte Aktion von der MDC.
Nach Einschätzung von Bartholomäus Grill, Afrika-Korrespondent der ZEIT, müsste ein wirksamer Wandel aus der Regierungspartei ZANU-PF (Zimbabwe African National Union – Patriotic Front) selbst kommen. Dort säßen die erfahrenen PolitikerInnen, und dort sei auch das Potenzial für Veränderung da, erklärte Grill bei einem jüngst in Wien gehaltenen Vortrag über das südliche Afrika. Doch müsste die parteiinterne Mugabe-Gegnerschaft es wagen, gegen den desaströsen Führungskurs des Präsidenten aufzustehen.
Die Frauen von WOZA könnten mit ihrem Mut und ihrer zähen Liebe für ihr Land ein Vorbild dafür sein.

Amnesty International Österreich unterstützt WOZA mit einer Petition und einer Briefaktion.

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