Wenn nichts mehr klebt

Die Frage nach dem Zusammenhalt einer Gesellschaft ist alt und kennt viele Antwortversuche. Warum der immer wiederkehrende Versuch, eine Gesellschaft als Gemeinschaft zu formen, bedrohlich ist.

Von Martin Jäggle
© Illustration: Thomas Kussin

Dass die Dominanz von Konkurrenz, neoliberaler Wirtschaft und Politik eine Gesellschaft zu zerreißen drohen, ist offensichtlich. Der Ökonom Stefan Schulmeister skizziert die dominierenden Richtungen treffend: „Dem neoliberalen Menschen als nur individuellem, eigennützigen, rationalen und konkurrierenden Wesen setzen sie ihren Menschen entgegen, der in der sozialen Wärme nationaler Volksgemeinschaften wieder zu sich findet, natürlich in Abgrenzung von den Andersartigen.“

Sollten bis dahin Zweifel bestanden haben: Seit dem 11. September 2016 ist es klar. Am Abend dieses Tages begann das Opferfest, das bedeutendste islamische Fest, und der muslimischen österreichischen Bevölkerung wurde ausgerichtet, dass es für sie bei einem Wahlsieg von Norbert Hofer in der Hofburg nichts mehr zu feiern gibt. Es geht in all den nationalistischen Täuschungen und Trugbildern um eine Teilung der Gesellschaft in Erwünschte und nicht Erwünschte, um Menschen mit mehr und Menschen mit weniger Rechten. Wer an der Spaltung der Gesellschaft arbeitet, strebt eine ungeteilte Herrschaft an.

Höchst aktuell. So stellt sich die Frage nach dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft heute höchst aktuell. Die Suche nach einer Art „Kitt“ oder „Kleber“ wird stets scheitern, weil dies keinen inneren Zusammenhalt bewirkt. Einen wichtigen Hinweis gibt der Herbst 2015, der das unglaubliche humane und humanisierende Potenzial, das auch in der österreichischen Gesellschaft schlummert, ans Tageslicht gebracht hat. „Diese Wochen zeigen, dass die Abkehr von Produktivismus und Konsumismus, von der Ideologie ‚Kauf dich glücklich‘ und die Hinwendung zur solidarischen Unterstützung anderer Menschen durchaus denkbar sind“, schrieb der Politikwissenschaftler Ulrich Brand vor genau einem Jahr. Für die Philosophin Martha Nussbaum hätten menschliche Würde und Respekt ein großes Potenzial. Der Schriftsteller Ilija Trojanow verweist auf den „Kampf um die Seele unserer Gesellschaft, der noch nicht ausgefochten ist“.

Ohne Angst. Es braucht nach der Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak im Anschluss an den Linguisten George Lakoff alternative Bezugssysteme und Programme. In ihrer soeben erschienen Analyse der „Wirkung rechtspopulistischer Diskurse“ plädiert sie dafür, „eine Politik mit Angst und Neid durch eine Politik der Solidarität zu ersetzen“. Der Völkerrechtler Manfred Nowak sieht in den Menschenrechten „eine Antwort auf die wachsende ökonomische Ungleichheit“ und meint, dass die Agenda 2030 und die Sustainable Development Goals (SDGs) ein wichtiger Schritt in diese Richtung wären. „Ensure inclusive und quality education for all“, strebt SDG 4 an. Das benötigt aber eine Gesellschaft, die unterwegs wäre, eine inklusive zu werden, in der man „ohne Angst verschieden sein kann“ (Theodor W. Adorno), exklusiv gewissermaßen. Die Auseinandersetzung um die Verwirklichung der SDGs wäre bei der Suche nach einer Antwort hilfreich.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen