Wer stört da wen?

Ghazia Sadid, 26, Patientin einer Klinik in Kabul, sprach im November 2012 mit ausländischen Reportern über ihre schweren Depressionen. Sie wurden wie bei vielen AfghanInnen durch den langen Kriegszustand ihres Landes ausgelöst.

Das Erarbeiten eines Südwind-Magazin-Themas ist auch für die Redakteurin eine spannende Sache.

Aha-Erlebnis Nummer Eins: Die Therapeutin Barbara Preitler von Hemayat (siehe Seite 35) hat mich mit ihrer Meinung zum Begriff „psychische Störung“ überrascht, der zur Zeit mehrheitlich statt des Begriffs „psychische Erkrankung“ verwendet wird. Preitler meint, dass gerade im Zusammenhang mit Traumapatienten und -patientinnen und im entwicklungspolitischen Kontext der Begriff „Störung“ in die Irre führt. „Bei Folteropfern“, sagt sie, „liegt eine Gewaltanwendung vor. Wer Gewalt anwendet, ist doch der Störenfried. Wir verlagern aber die Störung vom Täter zum Opfer. Man entpolitisiert das Problem.“ Preitler meint, es werde der Eindruck erweckt, als wären die Flüchtlinge das Problem und nicht das Geschehen, das sie zu Flüchtlingen macht.

Ich halte das für einen interessanten Gedanken, finde aber den Begriff „Verletzung“ in diesem Zusammenhang auch problematisch, weil es wiederum jemanden gibt, der verletzt und jemanden, der verletzt wird. Manche sagen „Syndrom“, das scheint mir ebenfalls kein überzeugender Begriff zu sein. Offiziell spricht man bei den psychischen Problemen, denen Flüchtlinge häufig ausgesetzt sind, von „posttraumatischen Belastungsstörungen“. Dass diese Bezeichnung – obwohl kompliziert oder vielleicht gerade deshalb – unscharfe Deutungen zulässt, ist bedenkenswert. Preitler spricht einfach von „posttraumatischen Belastungen“.

Aha-Erlebnis Nummer Zwei: Die Gesundung psychisch Kranker wird häufig als individuelle Aufgabe gesehen. Dabei, so meint Dinyar Godrej, Redakteur unserer Partnerzeitschrift New Internationalist, ist es vor allem eine gesellschaftliche Aufgabe, weil die wichtigsten Ursachen für psychische Störungen in sozio-ökonomischen Faktoren liegen. „Gesunder Geist in einer gesunden Gesellschaft“, wandelt er den Spruch der Lateiner „mens sana in corpore sano“ (gesunder Geist in gesundem Körper) ab.

Es erfordert eine gewaltige individuelle Anstrengung und Leistung, aus einer psychischen Störung herauszufinden. Eines ist jedoch gewiss: Dem Ziel „psychische Gesundheit für alle“ kann sich eine Gesellschaft nur mit gemeinsam gesetzten Schritten annähern.
Brigitte Pilz

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