Werbefasten oder Fastenwerbung?

Von Redaktion · · 2011/04

Georg Bauernfeind ist unser Reporter des Wahnsinns

Wie geht es einem Werbe-Guru in der Fastenzeit? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Denn welche andere Berufsgruppe lässt sich das sonst noch bieten: Seit mehreren Jahrtausenden (mindestens zwei) wird jährlich eine Kampagne gegen einen ganzen Berufsstand veranstaltet! Unter der Schirmherrschaft geistlicher Würdenträger werden über 40 Tage lang durch und durch konsumfeindliche Botschaften unters Volk getragen: Fasten, Teilen, Stille.

Werner Wunder ist Geschäftsführer einer kleinen Werbeagentur. Ich traf ihn zu einem abendlichen Umtrunk in einer Wiener Innenstadt-Bar. „Unternimmt die Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation nichts gegen die Fastenzeit“, fragte ich ihn. „Fühlt ihr euch denn nicht bedroht? Oder hat die Wirtschaftskammer Angst vor der Kirche?“

Werner verneinte. Im Gegenteil – Fasten sei ein gutes Geschäft. Gerade bei Entschlackungswochen sind enorme Gewinnspannen möglich: Je weniger auf dem Teller, desto mehr ist der Konsument bereit zu bezahlen. Je geringer der Komfort, desto mehr fühlen Mann und Frau „den Mensch in sich“. Wird Wohnen im Stall ein Trend, fragte ich? Werner winkte ab. Es geht um das Schlankwerden. „Aber lassen wir uns da nicht alle von unrealistischen Schlankheitsidealen unterjochen?“, fragte ich. Wenn uns Schlanksein als Gesellschaft so wichtig ist, warum gibt es dann noch keine Schönheits-OPs auf Krankenschein? Werner kam bei diesen Fragen ins Schwitzen, weil er das Dilemma zwischen Ideal und Wirklichkeit an seiner eigenen Leibesfülle täglich wahrnimmt.

Und wie sieht es mit dem Teilen aus? Warum heißt es noch immer „Geiz ist geil“, und nicht „Verteiler sind geiler“? „Weil dann die Leute glauben, es geht um Steckdosen“, antwortete Werner lachend. Wir kamen in Stimmung und so fragte ich den Werbeprofi, wie er die Kampagnen der Hilfsorganisationen beurteilt, die im Advent und in der Fastenzeit nur so aus dem Boden sprießen? Sein Verdacht: Die wirklich guten Plakate erreichen nie das Licht der Öffentlichkeit. Da wäre mehr Mut nötig. Natürlich könne man schwer „übergewichtige afrikanische Kinder“ zeigen, aber „ein schöner Bruch“ wäre es schon. Das habe ich trotz einigem Rotwein nur schwer verdaut, wollte dann aber trotzdem wissen, ob er glaubt, dass Konsumverweigerung, Teilen und Stille grundsätzlich ein Trend werden könnten?

„Keine Ahnung“, sagte Werner. „Aber wenn die Gesellschaft wirklich mehr zur Stille finden würde, erfindet sicher jemand ein Seminar ‚Glücksquelle Lärm‘. Inklusive Kloster-Clubbing!“ Wir lachten und stießen an diesem Faschingsdienstag noch ein letztes Mal an – auf den Beginn der Fastenzeit.

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien.
www.georg-bauernfeind.at

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