Wie Afghanistans Regierung kollabierte

Von Markus Schauta ·
Nach dem Abzug der US-Truppen und der Machtübernahme durch die Taliban sind die Menschen in Afghanistan auf sich allein gestellt. © Unsplash/ Mohammad Rahmani

Es dauerte nur wenige Wochen, bis die Taliban ganz Afghanistan unter ihre Kontrolle brachten. Ein Kommentar und Hintergründe zu den aktuellen Entwicklungen.

Im Juni 2021 gingen US-Geheimdienste davon aus, dass Kabul binnen sechs bis zwölf Monaten nach Abzug der US-Truppen fallen könnte. Noch Anfang Juli lehnte US-Präsident Joe Biden trotzdem die Auffassung vehement ab, wonach ein Rückzug der US-Armee zwangsläufig zur Machtübernahme der Taliban führen müsse. Dass die Taliban die Regierungsarmee überrennen und das gesamte Land kontrollieren sei höchst unwahrscheinlich, so der US-Präsident.

Anfang August kontrollierten die Taliban bereits zwölf der insgesamt 34 Provinzen Afghanistans. Zur gleichen Zeit warnten Analyst*innen, dass Kabul binnen 90 Tagen fallen könnte. Eine immer noch viel zu optimistische Einschätzung, wie sich herausstellte. Der Abzug der US-Truppen war noch nicht abgeschlossen, als die Taliban am 15. August in die Hauptstadt Kabul einmarschieren.
Wie konnte es dazu kommen?

Kampflos ergeben. Die 300.000 Männer und Frauen der afghanischen Sicherheitskräfte hatten sich meist kampflos ergeben. Der geleistete Widerstand war punktuell und reichte nicht aus, um die nach Schätzungen nur zwischen 60.000 und 100.000 Soldaten der Taliban aufzuhalten. Milliarden US-Dollar teure Bewaffnung und Motorisierung von Armee, Spezialeinheiten und Polizei, jahrelange Ausbildung und Trainings – alles scheint wie weggewischt.

Die Taliban waren auch nach 2001, als die US-Truppen ihre Herrschaft in Kabul beendeten, nie ganz aus Afghanistan verschwunden. Im Grenzgebiet zu Pakistan, vor allem in der südlichen Provinz Helmand, aber auch in anderen Teilen des Landes, blieben sie weiterhin aktiv.

Dabei konnten sie durchaus auf Rückhalt in der Bevölkerung zählen. In einem Land, in dem auch zwanzig Jahre nach Einmarsch der US-Truppen und angestoßenen Reformen große Teile der Bevölkerung in Armut leben, wo in den ländlichen Regionen ein islamisch geprägtes Patriarchat vorherrscht und die Besatzungsmacht USA weniger durch ihre Unterstützung einer liberalen Gesellschaft, als durch ihre Menschenjagden mittels Drohnen bekannt ist, können Gruppierungen wie die Taliban durchaus eine Alternative zur als korrupt und USA-freundlich angesehenen Regierung darstellen.

Mängel in der Armee. Es lässt sich nur vermuten, dass innerhalb der afghanischen Armee viele das ebenfalls so sahen. Doch auch der Zustand der Armee selbst war nicht so glänzend, wie es die Mannstärke und die Milliarden investierter Dollar nahelegen könnten. Expert*innen warnten, dass die Streitkräfte in wesentlichen Bereichen wie Logistik, Wartung und Trainings von den US-Truppen abhängig waren. Vor allem bei der Wartung von Flugzeugen und Kampfhubschraubern wäre die Armee zu einem hohen Grad auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Insgesamt, so Einschätzungen, würden die hochentwickelten Waffensysteme die Fähigkeiten der des Lesens und Schreibens oft unkundigen und schlecht ausgebildeten afghanischen Soldat*innen überfordern.

Von den laut Papier 300.000 Männer und Frauen starken Streitkräften waren viele nicht für einen solchen Kampf ausgebildet. Sie dienten als Polizisten, Sicherheitspersonal oder bei der Luftwaffe. Hinzu kamen sogenannte „Geistersoldaten“: Soldat*innen, die nur am Papier existierten, deren Sold aber von korrupten Offizieren kassiert wurde. Die Zahl von 100.000 einsatzbereiten Soldat*innen erscheint daher weitaus realistischer.

In den vergangenen Monaten seien außerdem die Soldzahlungen immer wieder ausgefallen und die Versorgung der Truppen mit Munition, Nahrungsmittel und Wasser habe nicht geklappt. Schuld daran sind Missmanagement und Korruption. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn Soldat*innen sich unter solchen Bedingungen die Frage stellen, ob es sich lohnt, für diese Regierung zu kämpfen.

Enttäuschte Hoffnungen. Die jüngsten Ereignisse sind eine Katastrophe für all jene Afghan*innen, die gehofft haben, den Weg in eine mehr westlich orientierte Gesellschaft fortsetzen zu können und sich jetzt vom Westen verlassen sehen. Die chaotischen Zustände am Flughafen von Kabul rund um den Einmarsch der Taliban Mitte August, als tausende Menschen versuchten, außer Landes zu gelangen, sprechen für sich.

Als die Taliban in den 1990ern in Afghanistan herrschten, setzten sie eine sehr strikte Form des Islam durch. Bei vielen war dieser Islam damals schon nicht sehr beliebt. Heute wird er es noch viel weniger sein. Vor allem die junge städtische Generation, die gut ausgebildet ist, vielleicht im Ausland studiert hat, gesellschaftliche Freiheiten gewohnt ist, wird mit dieser rückwärtsgewandten Ideologie wenig anfangen können. Die Frage ist, wie die Taliban damit umgehen werden: Sind sie zu Zugeständnissen bereit oder werden sie mit Gewalt ihre Lesart des Islam durchsetzen und damit vielleicht neue Aufstände provozieren?.

Vorerst sind die Afghan*innen auf sich gestellt. Die USA haben Afghanistan zwanzig Jahre nach dem 11. September 2001 aufgegeben.

Markus Schauta berichtet für deutschsprachige Medien aus dem Nahen Osten.

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