Wie Arundhati Roy ihre Geschichte bekam

Die indische Erfolgsautorin kämpft nun literarisch gegen das Narmada-Staudammprojekt und gegen die Atompolitik ihres Landes.

Von Werner Hörtner
Die junge indische Autorin, die mit ihrem Roman "Gott der kleinen Dinge" Weltruhm erlangte, wurde Anfang 1999 durch Zeitungsartikel auf das Riesenstaudammprojekt am Narmada-Fluß in Indien aufmerksam: Der Oberste Gerichtshof hatte gerade den vier Jahre zuvor verhängten Baustopp aufgehoben.

Arundhati Roy fuhr ins Narmada-Tal - und spürteein Entsetzen: "Ich ging hin, weil Schriftsteller von Geschichten angezogen werden wie Geier vom Aas. Ich bekam meine Geschichte. Und was für eine Geschichte ..."

Die Schriftstellerin geht das Thema mit journalistischer Sorgfalt an. Sie veranschaulicht die Suche des unabhängigen Indien nach Anschluß an die moderne technologische Entwicklung und Nehrus Großprojektesucht (die der Gründer der unabhängigen Republik später selbst bereute und widerrief). Der Bau von Dämmen wurde zum Synonym für den Aufbau des modernen Staates. 3300 Dämme wurden nach der Unabhängigkeit gebaut, 1000 weitere befinden sich im Bau. Und zur selben Zeit haben zwei Drittel der Bevölkerung - 600 Millionen Menschen - immer noch keinen Zugang zu den elementarsten sanitären Einrichtungen.

Anfangs wollten alle - Kommunisten, Kapitalisten, Christen, Muslime, Hindus und Buddhisten - die Dämme. Nehru hatte zwar schon 1958 darauf hingewiesen, daß die "Krankheit des Gigantismus" eine gefährliche Perspektive darstellt - und ausdrücklich die Bedeutung kleiner Bewässerungsprojekte betont -, doch wurde diese Warnung von den Entwicklungshilfestrategen im In- und Ausland nicht ernst genommen.

Nach ihrem Besuch im Narmada-Tal vertieft sich Arundhati Roy immer mehr in die Problematik der Großstaudämme. Sie beginnt auf Basis offizieller Statistiken nachzurechnen und kommt, vorsichtig geschätzt, auf eine Zahl von 50 Millionen Vertriebenen durch diese Projekte. "Mir ist zumute wie jemandem, der soeben ein Massengrab entdeckt hat", formuliert sie ihre Reaktion auf diese Entdeckung.

"Was ist mit diesen Millionen Menschen passiert? Wo sind sie heute? Wo leben sie?" Diese Fragen lassen die Schriftstellerin nicht mehr in Ruhe, und nach ausführlichen Recherchen kommt sie zum Ergebnis: Keiner weiß es genau. Die Millionen zwangsumgesiedelter Menschen existieren einfach nicht mehr, sind Schatten geworden, die irgendwie in den Slums an den Rändern der Großstädte dahinvegetieren.

Nach einer längeren Einführung zum Thema kommt Arundhati Roy zum Kern der Sache, zu den gebauten und geplanten Staudämmen im Narmada-Flußtal, in dem 25 Millionen Menschen leben. Schritt für Schritt widerlegt sie den Mythos vom Fortschritt, den die 30 großen und Hunderte kleinerer Dämme den Menschen bringen sollten, widerlegt eines nach dem anderen die offiziellen Argumente für die angebliche Sinnhaftigkeit des Monstervorhabens, bis am Schluß das nackte Skelett eines menschen- und umweltzerstörenden Wahnsinnsprojekts vor uns steht.

Der Aufschrei der Autorin reflektiert ihre tiefe Empörung und auch Verzweiflung über den verbrecherischen Umgang mit Millionen Menschen. Doch trotz dieser Emotionalität, die sie auch gar nicht zu verbergen sucht, bleibt ihre Argumentation sachlich.

Die - im vorliegenden Buch - 100 Seiten lange Abhandlung über das Narmada-Staudammprojekt wurde im Juni 99 in zwei großen indischen Zeitschriften, "Frontline" und "Outlook", abgedruckt. Bleibt zu hoffen, daß dadurch der Widerstand gegen das Projekt, das nach dem Rückzug der Weltbank nunmehr am privaten Kreditmarkt finanziert wird, in ganz Indien zunimmt und auch politisch an Boden gewinnt.

Der auslösende Moment für den zweiten Essay im Buch waren die indischen Atomtests im Mai 1998. In eloquenter, auch literarisch überzeugender Form schreibt Arundhati Roy gegen den Wahnsinn der Atomwaffen an. Nicht nur gegen ihren möglichen Gebrauch, sondern gegen die Tatsache ihrer Existenz an sich: "Atomwaffen durchsetzen unser Denken, lenken unser Verhalten, verwalten unsere Gesellschaft, beherrschen unsere Träume. Sie graben sich wie Fleischerhaken tief in unsere Hirne."

Arundhati Roys flammende Polemik gegen Atomwaffen und gegen die indische Atompolitik gipfelt in der schmerzlichen Erkenntnis, daß diese Tests vom Mai 1998 - und die anschließende nationalistische Euphorie - in ihrem Leben einen "schrecklichen Wendepunkt" setzten.

Das Ende der Illusion ist das Ende der liebevollen Beziehung der indischen Erfolgsautorin zu ihrer Heimat.

Arundhati Roy: Das Ende der Illusion. Politische Einmischungen. Verlag Blessing, München 1999. 160 Seiten, öS 182.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen