Wie man Bibliotheken dekolonisiert

Von Milena Österreicher · ·
Marianne Wamuyu und Wanjiru Koinange von Book Bunk zu Gast in Wien © Milena Österreicher

Workshops zu mentaler Gesundheit, Berufsberatung und Tanzkurse statt verstaubter Regale: Das Projekt Book Bunk verwandelt historische Bibliotheken in Nairobi in belebte Räume für die Gemeinschaft. Ihre Arbeit stellten Wanjiru Koinange und Marianne Wamuyu jetzt auch in Wien vor.

Mit ihren weißen Säulen, monumentalen Treppenaufgängen und schweren Holztüren sticht die McMillan Memorial Library in Kenias Hauptstadt Nairobi hervor. Sie ist ein Überbleibsel aus Kolonialzeiten. Sie ist nach einem US-Amerikanischen Siedler in Kenia benannt. Als das Bibliotheksgebäude 1931 eröffnet wurde, waren Schwarze Kenianer:innen von seiner Nutzung ausgeschlossen. Erst 1958 wurde die Bibliothek für die Allgemeinheit geöffnet. Aber die Bezirksverwaltung ließ das Gebäude verfallen.
Vor rund 15 Jahren stießen die Schriftstellerin Wanjiru Koinange und die Publizistin Angela Wachuka auf der Suche nach einem Veranstaltungsraum für ein Literaturfestival auf die Bibliothek. Ihr Zustand schockierte sie: beschädigte Möbel, bröckelnder Putz und rund 400.000 Bücher und Objekte, viele davon in ebenso schlechtem Zustand. Für das Festival kam der Ort nicht infrage, doch er ließ sie nicht mehr los.

Afrikanische Literatur ins Regal
Sie wollten ihn wiederbeleben, für alle. Dafür mussten die Frauen nicht nur beträchtliche Mittel aufbringen, sondern auch Korruption und Widerstände kenianischer Behörden überwinden. Im Jahr 2017 schafften sie es, die McMillan Memorial Library auf Zeit von der Bezirksverwaltung zu übernehmen und zu renovieren – auf Kosten ihrer privaten Organisation Book Bunk. Dabei überprüften sie mit ihrem Team auch den Bibliotheksbestand. „Es waren viele alte Bücher mit überholten Inhalten. Afrikanische Stimmen fehlten darin fast komplett“, erzählt Koinange. Sie sortierten kolonial geprägte Bestände aus, um die Regale mit Werken afrikanischer Autor:innen zu füllen, heute sogar auch in Brailleschrift.
Zunächst aber mussten Menschen in die McMillan Library gebracht werden. Doch wie belebt man einen Ort, der jahrzehntelang kaum genutzt wurde und verstaubte? Und welche Rolle kann eine Bibliothek im zunehmend digitalisierten 21. Jahrhundert spielen?
Das Team von Book Bunk hatte ein Konzept parat. Es schwärmte in die umliegenden Viertel aus und sprach mit den Bewohner:innen über ihre Probleme, Wünsche und Sorgen. Dabei tauchte ein Thema immer wieder auf: mentale Gesundheit. „Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das belastet viele“, sagt Marianne Wamuyu, die heute Programmdirektorin bei Book Bunk ist.
Das Angebot der Bibliothek richtet sich nach den Bedürfnissen der Menschen: Es gibt kostenlose Veranstaltungen zu Berufsorientierung, Finanzbildung, bis hin zu Make-Up-Workshops und Tanzstunden. „Die meisten Menschen kommen wegen dieser Angebote. Viele entdecken dabei aber auch unsere Bücher und leihen welche aus“, erzählt Koinange. Inzwischen hat Book Bunk auch zwei weitere Bibliotheken in Nairobi nach demselben Konzept umgestaltet.

Neue Ordnung schaffen
Der kenianisch-US-amerikanische Film „How to Build a Library“ von Maia Lekow und Christopher King aus dem Jahr 2025 dokumentiert die Arbeit des Teams über mehr als sechs Jahre, inklusive Erfolge und Rückschläge. Davon gab es einige: Das Projekt kämpft bis heute um ausreichende Finanzierung. Auch mit einigen Bibliothekar:innen, die bereits vor der Übernahme durch Book Bunk in der McMillan Library arbeiteten, kommt es immer wieder zu Reibungen.
Ein Streitpunkt war etwa das Klassifikationssystem der Bücher. Bislang waren die Bestände nach dem Dewey-Dezimalklassifikationssystem geordnet: jenem internationalen Ordnungssystem, mit dem die meisten Bibliotheken weltweit ihre Bestände katalogisieren. Lokale afrikanische Sprachen fehlen darin weitgehend. „Man kann einen Raum nicht dekolonisieren und gleichzeitig das Ordnungssystem der Kolonisator:innen beibehalten“, meint Koinange. Doch am Ende fand man einen Kompromiss: Die technische Katalogisierung blieb im Hintergrund bestehen. Für Besucher:innen wurden die Bücher zusätzlich mit leicht verständlichen Kategorien wie Architektur oder Geschichte gekennzeichnet.
„Eine Bibliothek zu dekolonisieren und zu einem inklusiven Raum für alle zu machen, ist ein langer Prozess“, sagt Wanjiru Koinange. Fast zehn Jahre nach der Gründung von Book Bunk ist sie dennoch zufrieden und übergibt ihre Leitungsposition bald an Marianne Wamuyu. Die einst kaum genutzte Bibliothek ist heute ein lebendiger Treffpunkt. Mit diesem Wissen wird die Autorin Koinange sich nun wieder stärker ihrem eigenen Schreiben widmen.

Videos auf dem Youtube-Kanal von Book Bunk: https://www.youtube.com/@thebookbunk/videos

Milena Österreicher ist Chefredakteurin des vierteljährlich erscheinenden MO-Magazins für Menschenrechte. Als freie Journalistin schreibt sie über gesellschaftliches Zusammenleben, Demokratie und Menschenrechte.

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